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Dr. Matin Baraki
revolte.net


Ursachen, Verlauf und Perspektive des Afghanistan-Konfliktes

Vorbemerkung:

Seit der Beendigung des sowjetischen Militrengagements und vorallem seit der Machtbertragung an die Modjahedin-Banden ist Afghanistan wieder aus dem Fadenkreuz der internationalen Presseorgane verschwunden, auer wenn in und um Afghanistan spektakulre Militrauseinandersetzungen stattfinden, die die Aufmerksamkeit pltzlich aber nur fr einen kurzen Moment auf sich lenken. Die Ursache liegt darin, da Afghanistan mit dem Wegfall der Sowjetunion seine frhere strategische Bedeutung in Mittelasien und vor allem in unmittelbarer Nachbarschaft zur UdSSR verloren hat. Afghanistan war stets Opfer seiner geostrategischen Lage. Obwohl die Banden der Modjahedin, die jahrelang auch von der BRD und anderen kapitalistischen Lndern finanziell, logistisch, politisch und propagandistisch untersttzt worden waren, im Jahre 1992 in Afghanistan mit unvorstellbarer Brutalitt die Herrschaft bernahmen und in der Folgezeit in Kabul ein wahres Blutbad anrichteten wobei die afghanische Hauptstadt in Schutt und Asche versank, gratulierte Bundesprsident Richard von Weizscker den neuen Machthabern in Kabul zum afghanischen Nationalfeiertag. Auch die Medien der BRD verstummten pltzlich, was Afghanistan betraf. Sie zeigten sich augenfllig uninteressiert am Schicksal des afghanischen Volkes, fr das sie sich jahrelang so begeistert eingesetzt hatte. Noch im Jahre 1986 hatte Auenminister Genscher vor dem Bundestag erklrt, Afghanistan "darf nicht in Vergessenheit geraten" und "wir alle werden zu Afghanistan nicht schweigen". Tatschlich gehrt Afghanistan inzwischen zu den Waisenkindern der Weltpolitik. Selbst im "Jahrbuch Menschenrechte 1999", das in Zusammenarbeit mit Friedens- und Menschrechtsorganisationen u.a. von Volkmar Deile, Generalsekretr der BRD-Sektion von AI mitherausgegeben wurde, beschftigt sich kein einziger Beitrag mit der Lage in Afghanistan, die von AI selbst als "die Menschenrechtskatastrophe" eingeschtzt wurde. Dies befremdet umsomehr, als das Umschlagfoto eine um ihre Angehrige trauernde Afghanin zeigt.
Verwunderlich ist dies allerdings nicht. Denn auch solche Gruppierungen wie auch manche sogenannte Linke haben den Modjahedin die Stange gehalten und verstecken sich nun verschmt, als ob sie mit ihnen nie zu tun gehabt htten. Nun wird nach der Devise gehandelt: wo nichts zu holen ist, um das braucht man sich auch nicht zu kmmern. Unabhngig davon, wie man zum real existierenden Sozialismus gestanden haben mag, an keinem anderen Beispiel als Afghanistan wird dessen Bedeutung fr die internationalen Politik so deutlich.

I. Die sozio-konomische Lage Afghanistans am Vorabend der April-Revolution

Nach der UNO-Definition von 1971 gehrte Afghanistan zu den 25 am wenigsten entwickelten Lndern (least developed countries). Auf eine Flche von 652.660 Qkm (das zweieinhalbfache der alten BRD) lebten ca. 17 Mio Menschen, unter feudalen bzw. vorfeudalen Verhltnissen. Die Besitzverhltnisse an Grund und Boden verteilten sich so, da ca. 5% Grogrundbesitzer ber ca. 50% des Bodens, im Norden des Landes sogar 2% ber 70% des Bodens verfgen. Annhernd 85% der Menschen lebten auf dem Land als Bauern, Landarbeiter, Tagelhner, Viehzchter usw.; es existierte teilweise Leibeigenschaft, die Grogrundbesitzer verfgten ber eigene Gefngnisse.
Eines der grten Probleme des Landes stellte der Analphabetismus dar. Etwa 97 % der Menschen - bei Frauen lag die Quote noch darber - konnten weder lesen noch schreiben. Von einer Stellung der Frau im ffentlichen Leben konnte daher - wie in allen traditionellen islamischen Gesellschaften - berhaupt keine Rede sein. Erst mit der April-Revolution 1978 nderte sich die Stellung der Frauen sichtbar. Desgleichen konnte in Afghanistan vom Bestehen einer Arbeiterklasse im eigentlichen Sinne nicht gesprochen werden. Im Jahre 1345 (1966/67) waren landesweit lediglich 88 Industriebetriebe registriert, in denen 23.436 Personen beschftigt waren. Die Gesamtzahl aller arbeitenden Menschen betrug im Vergleich dazu ca. 3,8 Mio. Nur 0,6% aller Erwerbsttigen waren in der industriellen Produktion beschftigt, deren Zahl bis 1978 auf 40.000 angewachsen war. Prsident H. Amin sprach erst nach der Revolution von 5% Werkttigen in der afghanischen Industrie. Wegen der groen Analphabetenrate und der Herkunft der Werkttigen, sie entstammten der Schicht der von Landflucht betroffenen Handwerker und Bauern, die eng mit drflichen Traditionen und der Religion verbunden waren, kann von einem Klassenbewutsein der Arbeiterschaft nicht ausgegangen werden.
Die Hauptursachen fr die Stagnation der Produktivkrfte waren die konomische und politische Herrschaft der Feudalherren, die Raffgier der Groschieber, der Kompradorenbourgeoisie, die durchweg verfaulte Brokratie und die Aktivitten der internationalen Monopole, deren Interessen im Widerspruch zu denen der Volksmassen Afghanistans standen. Festzustellen bleibt noch, da keine Regierung Afghanistans bis zum April 1978 auch nur annhernd die elementaren Bedrfnisse der Bevlkerung befriedigen konnte. "Aufeinander folgende Regierungen waren daran gescheitert, die Vlker Afghanistan zu alphabetisieren, hatten nicht vermocht, Respekt und eine bessere Lage fr Frauen durchzusetzen, oder versumt, dem Land irgend eine substanzielle Regierungs- oder industrielle Infrastruktur zu geben." Hinzu kam noch die Drreperiode von 1971/72, infolgedessen Millionen Menschen verhungerten und der politische Terror der Islamisten bzw. des Geheimdienstes dem namhafte Politiker und Reprsentanten der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) zum Opfer fielen. Dies waren die objektiv gesetzmigen Voraussetzungen der Aprilrevolution von 1978 unter der Fhrung von Teilen der DVPA.

II. Revolution und Konterrevolution

Die DVPA, aus der volksdemokratischen Bewegung hervorgegangen, wurde am 1.1.1965 in der Illegalitt gegrndet und hatte vor der Revolution ca. 18.000 Mitglieder. Diese rekrutierten sich hauptschlich aus stdtischen, kleinbrgerlichen Intellektuellen mit vagen Vorstellungen der marxistischen Theorien. Die Partei spaltete sich schon am 4.5.1967 wegen aufgebrochener Rivalitten in der Fhrung um Positionen, wegen Meinungsverschiedenheiten ber den Charakter einer knftigen Revolution, ber die Bndnisfrage in der Etappe der national-demokratischen Revolution und ber die nationale Frage - also lauter Kinderkrankheiten - und dies konnte erst am 3.7.1977 formal beendet werden.
Im Jahre 1973 hatten die der DVPA angehrigen Militroffiziere, gegen die Monarchie geputscht und dem Prsidenten Daud zur Macht verholfen. Nachdem dieser alle linken Krfte peu peu von allen wichtigen Positionen ausgeschlossen hatte und im Frhjahr 1978 zur offenen Repression gegen die Parteifhrung der DVPA ansetzte - die gesamte Parteifhrung bis auf wenige Ausnahmen verhaften lie, einige wurden auf offener Strae ermordet - kam es am 27. April 1978 zum militrischen Aufstand gegen das Daud-Regime. Die Militrs befreiten die Parteifhrung und bertrugen ihr die Leitung des Staates, die dann erste revolutionre Manahmen in Angriff nahm. Die Revolutionsregierung begann 1978 mit der Realisierung von Reformmanahmen, wie der Bodenreform, der Regelung von Ehe- und Scheidungsangelegenheiten, der Alphabetisierung, um die feudalen und halbfeudalen Strukturen aufzubrechen. Sie wurden jedoch ohne Bercksichtigung der sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen in Afghanistan durchgefhrt. Es kam zur Zwangs-Alphabetisierung, auerdem wurde den Mdchen und Frauen oktroyiert gemeinsam mit Mnnern an den Kursen teilzunehmen. Bei der Umsetzung der Bodenreform wurden gleichfalls gravierende Fehler gemacht, insbes. wurden die Bauern weder politisch noch materiell darauf vorbereitet. Die Stammesstrukturen blieben unbercksichtig. Des fteren sind die Grogrundbesitzer auch Stammesfhrer, von daher ist es wesentlich problematischer, ihr Land an die Stammesmitglieder zu verteilen. Smtliche Regierungsfunktionen wurden an Parteimitglieder vergeben, ohne Rcksicht auf deren Qualifikation. Viele Fachkrfte, die nicht der Partei angehrten, wurden ihrer Funktion enthoben und in die Emigration getrieben. Entgegen den im Parteiprogramm formulierten Grundstzen wurde ein breites Bndnis der national-demokratischen Krfte nicht angestrebt. Alle genannten Punkte zusammengenommen und die defacto weiter bestehende Spaltung der Partei, fhrten natrlich zur Strkung der Konterrevolution und Ende 1979 war die Lage der Regierung so hoffnungslos, da sowjetische Militrhilfe unumgnglich schien, um aus Afghanistan nicht ein zweites Chile machen zu lassen. Insgesamt 14 mal wurde von afghanischer Seite u.a. in einem Telefongesprch am 18. Mrz 1979 zwischen den Prsidenten N.M. Taraki und A.S. Kossygin die sowjetische Seite um Hilfe ersucht. Mit dem sowjetischen Militrengagement seit dem 27.12.1979, basierend auf Art. 4 des afghanisch-sowjetischen Freundschaftsvertrages und Art. 51 der UN-Charta, gewann der innerafghanische Konflikt eine neue Qualitt. Dieser wurde internationalisiert und zunchst verdeckt, spter ganz offensichtlich von den meisten westlichen Lndern u.a. der BRD und ihrer regionalen Verbndeten vor Ort untersttzt. In seinen unlngst erschienen Memoiren gab der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates, zu: "die amerikanischen Geheimdienste haben den afghanischen Modjahedin sechs Monate vor der sowjetischen Intervention zu helfen begonnen." Vom ehemaligen Sicherheitsberater des US-Prsidenten Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski wurde das auf Anfrage eines Journalisten von Le Nouvel Observateur wie folgt besttigt: "Ja. Nach der offiziellen Version der Geschichte hat die Hilfe der CIA an die Modjahedin angefangen im Laufe des Jahres 1980, d.h. nachdem die sowjetische Armee am 24.[sic!] Dezember 1979 in Afghanistan einmarschiert war. Aber die Realitt, bis jetzt geheimgehalten, ist eine ganz andere. Es ist tatschlich der 3. Juli 1979, da Prsident Carter die erste Direktive ber die geheime Untersttzung fr die Opponenten des prosowjetischen Regimes in Kabul unterzeichnet hat. Und an diesem Tag habe ich dem Prsidenten eine Notiz geschrieben, in der ich ihm erklrte, da meiner Ansicht nach diese Hilfe eine militrische Intervention der Sowjets zur Folge haben wrde." Er fhrt weiter aus: " Wir haben die Russen nicht gedrngt zu intervenieren, aber wir haben die Mglichkeit, da sie es tun wissentlich erhht." Ab dieser Zeit wurden unmittelbar unter der Regie des US-Geheimdienstes CIA und dessen pakistanischer Bruderorganisation Inter Service Intelligence (ISI) die Islamisten zu schlagkrftigen, bewaffneten Organisationen umstrukturiert. Der Fhrer der Islamischen Partei, "Gulbuddin Hekmatjar, der Mann, der fr alle wichtigen Geheimdienste dieser Welt arbeitete, der Tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat," war der Favorit von CIA/ISI unter allen sieben aus Pakistan operierenden islamischen Gruppen. Dem Spiegel zu Folge sind die Islamisten in den ersten zehn Jahren des Brgerkrieges in Afghanistan offiziell mit "mehr als zwei Milliarden US-Dollar hochgerstet worden." Allein "seit 1987 wurden von den USA jhrlich ber 65 000 Tonnen Waffen nach Afghanistan gebracht." Der Lwenanteil dieser fr das afghanische Volk todbringenden Hilfe, nmlich "60 Prozent der jhrlich bis zu 700 Millionen Dollar US-Hilfe fr den afghanischen Widerstand" ging bis Ende 1991 ber ISI an G. Hekmatjar.
Von der Umorientierung der sowjetischen Auenpolitik unter Gorbatschow blieb auch der Afghanistan-Konflikt nicht unberhrt. Zunchst wurde B. Karmal, dessen Politik als Hemmnis fr die Lsung des Konfliktes in und um Afghanistan angesehen wurde, am 5. Mai 1986 als Generalsekretr der DVPA und am 21. November desselben Jahres von all seinen anderen Funktionen entbunden. An seiner Stelle wurde Dr. Nadjibulah, zuvor Prsident des Staatlichen Nachrichten Dienstes, Chedamate Aetlaate Daulati (ChAD), zum Vorsitzenden des Revolutionsrates und zum Generalsekretr der DVPA gewhlt. In einem zweiten Schritt wurde der Abzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan angeordnet, der am 15.2.1989 abgeschlossen wurde. Aufgrund dieser neu entstandenen Situation glaubten die Modjahedin und ihre internationalen Verbndeten, ihre Stunde wre gekommen, die nun allein stehende afghanische Armee zu besiegen und damit die so ungeliebte Regierung in Kabul hinwegzufegen. "Nadjibullah wrde sich ohne sowjetische Armee keine vier Wochen an der Macht halten knnen", so lauteten die Prognosen der internationalen Presseagenturen. "Die Mudschahedin 'kontrollieren' groe Teile des Landes, waren aber bisher nicht in der Lage, auch nur eine einzige bedeutende Stadt in Afghanistan zu erobern. Die im pakistanischen Exil von Peshawar gebildete 'Afghanische Interims-Regierung' der sieben wichtigsten Mudschahedin-Parteien konnte daher nicht ihren Sitz in Afghanistan nehmen. Die Autoritt dieser 'Regierung' verschwindet von Monat zu Monat. [...] Von den Machenschaften der Politiker in der Etappe zunehmend angewidert, haben viele Mudschahedin Kommandeure in Afghanistan damit begonnen, in den von ihnen beherrschten Gebieten eigene Verwaltungen aufzubauen und sich um die Exil-Politiker in Peshawar nicht mehr zu scheren."
Htten die Modjahedin ihren "Regierungssitz" nach Afghanistan verlegen knnen, wren sie zumindest von den westlichen Staaten und ihren regionalen Verbndeten international anerkannt worden - mit allen vlkerrechtlichen Konsequenzen. Dazu waren sie offensichtlich nicht in der Lage und die Ungeduld ihrer Mentoren schien zu Ende zu sein. Nun " mten mglichst bald alle antikommunistischen afghanischen Gruppen zusammengerufen werden, damit sie sich endlich einigen, was sie eigentlich wollen" so lautete die Forderung eines FAZ-Leitartiklers. Diese Aufforderung blieb nicht lange ohne Resonanz. Anfang August 1990 leiteten die Modjahedin eine neue Offensive gegen die ostafghanische Provinzhaupstadt Djalal Abad ein. Und im Oktober 1990 starteten sie eine weitere Offensive gegen die Regierungstruppen. Beides ging grndlich daneben. Im Gegenteil, sowohl in der sdlichen Provinzhaupstadt Chost als auch in Djalal Abad wurden die Modjahedin vernichtend geschlagen.
Um den UN-Plan zur politischen Lsung des Konfliktes zum Erfolg zu verhelfen, stellte Prsident Nadjibullah sein Amt zur Disposition, sowie seine Bereitschaft das Land zu verlassen. Als Teile der Partei-, der Staats- und der Armeefunktionre seine Weisungen nicht mehr befolgten - hier sei die Parteigruppe um Auenminister Abdul Wakil und den Milizfhrer Abdul Raschid Dostum hervorgehoben - und ihn an der Ausreise hinderten, flchtete er in die Kabuler UN-Vertretung. Die neue Fhrung um Auenminister A. Wakil und Nadjibullahs Nachfolger A.R. Hatef hatte beschlossen, die Macht an die Modjahedin zu bertragen, was auch im April 1992 geschah. Sebghatullah Modjadedi, der Exil-Prsident der Modjahedin wurde erster Prsident des Islamischen Staates Afghanistan. Der vom Volk hei ersehnte Frieden kehrte aber mit dieser Machtbertragung nicht zurck.
Nach dieser Kapitulation der Fhrung der DVPA und der Machtbertragung an die Islamisten, gelang es den Islamisten nicht, wegen der Prioritt eigener politischer und konomischer Interessen, das Land gemeinsam zu regieren. Im Gegenteil, der Krieg wurde im wahrsten Sinne des Wortes gegen das afghanische Volk und unter den Islamisten selbst mit einer nie dagewesene Brutalitt fortgesetzt. Die Weltffentlichkeit hat dies kaum wahrgenommen, aber "die letzten Nachrichten aus der afghanischen Hauptstadt Kabul lassen selbst den Brgerkrieg in Bosnien-Herzegowina beinahe als als harmlosen Konflikt erscheinen: 3 000 bis 4 000 Tote, 200 000 Flchtlinge, eine Stadt ohne Wasser, Strom und Lebensmittel." Die groen Stdte u.a. die Stadt Kabul wurden in Schutt und Asche gelegt. Die Beobachter sprachen von der Einscherung Kabuls. Was von ihr noch brig geblieben war, wurde in sechs Einflubereiche der verschiedenen Islamisten zerlegt, die Grenzen der Einflubereiche vermint und die Stadt bombardiert, bis nur noch Ruinen brig waren. Die Bevlkerung stand macht- und fassungslos angesichts dieser Geschehnisse und konnte nicht verstehen, warum ausgerechnet die glhenden Verteidiger des angeblich zuvor so gefhrdeten Islams nun gegen einander Krieg fhrten, mit allen Folgen fr die Zivilbevlkerung.
Die Islamisten registrierten dies und befrchteten ihren Einflu und Autoritt bei der Bevlkerung ganz zu verlieren und sich somit zu isolieren. Die "Islamische Karte" hatte damit ihre Funktionsfhigkeil eingebt. Also begannen die Modjahedin jetzt die "Nationalitten-Karte" einzubringen, die ebenfalls in die Sackgasse fhrte. Denn der Krieg wurde unvermindert weitergefhrt, nur unter der Flagge des Stammes bzw. der Volksgruppe, jedoch ohne Perspektive und ohne der Erfllung des Auftrages, der den Modjahedin seitens ihrer internationalen Mentoren bertragen worden war nher zu kommen: Nmlich die vllige Kontrolle des Landes, wenn auch nur eine Art Friedhofsruhe damit verbunden sein sollte, die eine ffnung der Handelswege von Pakistan nach Mittelasien ermglichen wrde. Dieses historische Versagen der Islamisten stand im Widerspruch zu den politisch-konomischen Interessen ihrer auslndischen Auftraggeber. Denn nach deren Auffasungen sollte ein mit den USA und Pakistan eng kooperierendes Regime in Afghanistan, stabile politische Verhltnisse schaffen, um die konomische Konzeption des US- und des pakistanischen Kapitals in der Region des Mittleren Ostens - insbesondere in den mittelasiatischen Republiken - zu realisieren. Da war die Geburtsstunde fr die Taleban gekommen.

III. Die politisch-konomischen Beweggrnde zur Entstehung der Taleban-Gruppe

Htten die Modjahedin ihren oben genannten Auftrag erfllen knnen, wren die Taleban nie zustande gekommen. Das historische Versagen der Modjahedin war die Geburtsstunde der Taleban als organisierte Kampfeinheit auf dem Kriegsschauplatz Afghanistan.
Obwohl die Taleban erst im September 1994 ffentlich auftauchten, wurden sie nach Angaben von General Aslam Beg, dem ehemaligen Generalstabschef Pakistans, schon 1985/86 im Nordosten Afghanistans als Kampftruppe aufgestellt. Sie waren zunchst dort an den "Madrasah" d.h. religise Schulen sowohl religis-fundamentalistisch und militrisch ausgebildet worden. Der franzsische Afghanistanexperte Olivier Roy beobachtete schon im Sommer 1984 die Aktivitten der Fronten der Taleban in den sdlichen Regionen Afghanistans, Orusgan, Sabul und Qandahar. Dort "handelte sich im Prinzip um die Umwandlung einer lndlichen Madrassa in eine militrische Front." Rekrutiert wurden sie u.a. aus der Reihen der Waisenkinder Afghanistans in den Flchtlingslagern in Pakistan. Sie wurden unter unmittelbaren Kommando der pakistanischen Armee und des Geheimdienstes ISI je nach Bedarf bei den verschiedenen Modjahedin-Gruppen eingesetzt. General Beg zu Folge sind die Madrasahs "grozgig von den Regierungen Pakistans und Saudi-Arabiens und vielleicht der USA finanziert worden."
Fr die Entscheidung, die Taleban als selbstndige militrische Formation in den afghanischen Brgerkrieg einzusetzen, waren m.E. folgende Aspekte ausschlaggebend:

1. Zuvor wurden die Fhrer der in Afghanistan rivalisierenden Modjahedin vom Auswrtigen Ausschu des US-Kongresses zu einem Gesprch nach Washington zitiert. Die Modjahedin schickten entweder ihre zweitrangigen Fhrungsmitglieder oder folgten dieser "Einladung" erst gar nicht. Den anwesenden Modjahedin wurde zum ersten Mal ein Plan vorgelegt zur Durchfhrung eines Pipeline-Projektes von den Welt drittgrten Reserven an l und Gas in Mittelasien durch Afghanistan zum Indischen Ozean, worum seit 1990 die grten westlichen lkonzernen einen "gnadenlosen Kampf" fhren. Sie wurden aufgefordert, sich so bald wie mglich zu verstndigen, um die Verwirklichung des Projektes nicht zu verzgern. Die Vertreter der Modjahedin versprachen der US-Seite, den Afghanistan-Konflikt bald friedlich lsen zu wollen, ein Versprechen das bis heute nicht eingelst ist. Danach berfielen - scheinbar aus dem Nichts entstandene - gut organisierte militrische Einheiten, nun als Taleban bekannt von Pakistan aus, im September 1994 die afghanische Stadt Qandahar. Dies war der Beginn eines erneuten Versuchs einer militrischen Lsung des Afghanistan-Konfliktes, die von den USA und ihren regionalen Verbndeten bevorzugt wurde. Die historische Mission der Taleban wurde darin gesehen, ganz Afghanistan zu besetzen, um die Bedingungen fr die Realisierung der konomischen, politischen und ideologischen Projekte der USA, Pakistans und Saudi-Arabiens zu schaffen. Hinzu kam noch das spezifische geostrategische Interesse Pakistans am Nachbarland. "Am liebsten wre uns eine Marionettenregierung in Kabul, die das ganze land kontrolliert und gegenber Pakistan freundlich eingestellt ist," stellte ein pakistanischer Stratege fest.
2. G. Hekmatjar, der Super-Modjahed der USA und ihr Verbndeter im Afghanistan-Konflikt fiel durch seine zunchst allgemein antiwestlichen uerungen und schlielich durch seine verbale Untersttzung Sadam Husseins whrend des Golfkrieges in Jahre 1991 in Ungnade.
3. Der mittelasiatische Markt wurde als nicht zu vernachlssigendes Exportfeld fr pakistanische Produkte angesehen, der einzige Transitweg dahin fhrt bekanntlich ber afghanisches Territorium. Nach einem Treffen mit Vertretern saudi-arabischer und US-amerikanischer lgesellschaften, forderte der pakistanische Ministerprsident Nawaz Sharif die Taleban ultimativ auf, die Besetzung ganz Afghanistans bis Ende des Sommers 1997 abzuschlieen. Inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, da die Kampfeinstze der Taleban von pakistanischen Piloten geflogen wurden, um der Aufforderung N. Sharifs Nachdruck zu verleihen. "Auf sich gestellt, knnten die Taliban nicht einmal ein Dorf erobern," wurde festgestellt.
4. Sowohl die USA als auch Saudi-Arabien wollen auf jeden Fall den ideologischen Einflu ihres Rivalen Iran in Afghanistan eindmmen. Nach dem die Unfhigkeit der anderen Modjahedin-Gruppen, die an sie gestellten Aufgaben erfolgreich zu Ende zu bringen, sich erwiesen hatte, wurde diese Aufgabe nun den Taleban bertragen.

Obwohl die USA jeglichen Kontakt zu den Taleban geleugnet haben, sind viele Afghanistan-Experten der Meinung, da die Vereinigten Staaten engste politische Verbindungen zu den Taleban unterhalten. Nach einer Meldung des "Guardian" gab es regelmig gegenseitige Besuche auf hoher Ebene. Mitte 1996 nahmen hochrangige Talebanfhrer an einer Konferenz in Washington teil. Kurz bevor die Taleban Djalalabad besetzten, fhrten hohe Beamten des US-Auenministeriums Gesprche mit ihren Fhrern in Qandahar, wo sich das Hauptqartier der Taleban befindet.

IV. Die Taleban und die Perspektive des Afghanistan-Konfliktes

Ungeachtet bisheriger als relativ einzuschtzender Erfolge der Taleban auf dem Kriegsschauplatz Afghanistan, sprechen folgende Faktoren fr die Perspektivlosigkeit dieser Sldnertruppe:

- Als die Taleban ihren Eroberungsfeldzug in Afghanistan am 27. September 1996 mit der Einnahme der Haupstadt Kabul fortsetzten, versprach die US-Administration, ihnen Untersttzung zu geben. Die fr Sdasien zustndige Staatssekretrin in US-Auenministerium, Robin L. Raphel, kndigte die Anerkennung des Talebanregims und die Wiedererffnung der in der sonst zerstrten Stadt Kabul vllig intakten US-Botschaft an. Der Vizeprsident der amerikanischen lgesellschaft Unocal Corp Chris Taggert bezeichnete die Eroberung Kabuls durch die Taleban als "positive Entwicklung" und forderte die US-Regierung auf, das Talebanregime anzuerkennen. Die politischen Beobachter gingen davon aus, da sich die Taleban in Afghanistan etablieren werden. Jedoch unabhngig von der territorialen Ausdehnung ihrer Herrschaft haben die Taleban nicht die Bedingungen schaffen knnen, um die Realisierung der konomischen Vorhaben ihrer auslndischen Mentoren abzusichern. Die "wichtigste Funktion der Taleban", die Absicherung des Weges fr den Bau einer Gas- und lpipeline in Hhe von 1,9 Mrd. $ vom turkmenischen Daulatabad in Mittelasien durch Afghanistan nach Moltan in Pakistan bzw. zum Indischen Ozean, ist gescheitert. Die Unocal Corp. mit 54% am amerikanisch-saudischen Konsortium Centgas beteiligt, die seit 1996 "aggressiv fr ihr Projekt geworben und u. a. Henry Kissinger als Berater eingestellt" und "die Anerkennung einer 'etablierten Regierung' in Afghanistan durch die USA und die Uno" verlangt hatte, hat inzwischen wegen "Verschlechterung der politischen Bedingungen in Afghanistan" den Afghanistan-Plan verworfen. Damit haben die Taleban ihre zentrale strategische Funktion verloren.
- Die afghanische Bevlkerung, die mit jeder neuen Bewegung Hoffnungen fr einen Frieden in Afghanistan verband, ist inzwischen davon berzeugt, da die Taleban Marionetten des pakistanischen Regimes sind. In Afghanistan werden viele Sprachen gesprochen, von den beiden Hauptsprachen Dari und Paschto beherrschen die Kommandanten der Taleban nur einen ganz bestimmten Dialekt des Paschto, und im Falle einer Besprechung mit der Bevlkerung mu ein afghanischer Dolmetscher herangezogen werden.
- Die politisch-militrischen Gegner der Taleban, die Nordallianz, unter dem Kommando von A.S. Masud, ist nicht geschlagen. Inzwischen hat sie sogar Teile der zuvor verlorenen Gebiete im Norden und in Zentralafghanistan zurckerobert. Hinzu kommt, da auch sie internationale Verbndete hat, wie den Iran und einige mittelasiatische Republiken, die Trkei und Russland, die die Taleban als Gefahr fr ihre Lnder bzw. ihre eigenen Interessen ansehen, hinsichtlich der l- und Gasreserven Mittelasiens.
- Ungeachtet der territorialen erfolgreichen Ausdehnung des Herrschaftsbereiches der Taleban, sind sie immer noch nicht in der Lage, das Land vollstndig zu kontrolieren; wobei selbst bei einer vlligen Besetzung Afghanistans der Krieg nicht beendet wre. Dieser drfte nur einen anderen Charakter annnehmen, nmlich des Partisanenkampfes.
- Die Taleban sind international isolierter denn jemals zuvor. Sie haben inzwischen einen ihrer Hauptverbndeten, nmlich die USA verloren. Nicht etwa wegen der Verletzung der Frauenrechte, wie manche naive Kommentatoren behaupten, sondern weil sie nicht in der Lage waren, die Realisierung des Pipeline-Projektes der Unocal/Delta Oil abzusichern.
- Die Herrschaftsmethoden der Taleban, die angeblich islamisch begrndet sein sollen, sind den Afghanen wesensfremd. Die uerste Frauenfeindlichkeit, wird dokumentiert im Berufsverbot, durch Verstmmelung und Abhacken der Gliedmaen der mit Hena bemalten bzw. lackierten Frauenfingerngel, durch Entfhrungen und Weiterverkauf von Frauen an Araber, durch Vergewaltigung und Steinigung. Dies alles steht in diametralen Widerspruch zu Kultur und Tradition der afghanischen Vlker.
- Seit der Besetzung Afghanistans durch die Taleban, existieren im Lande keinerlei funktionsfhigen Staatsapparat oder Verwaltung. Das Bildungswesen wird als berflssig erachtet, und das Gesundheitswesen ist faktisch zusammengebrochen. Es ist nur dort einigermaen intakt, wo internationale Organisationen Regie fhren. Wegen der Vorschrift, da Frauen nur von Frauen behandelt werden drfen, sind auch dort weibliche rzte und weibliche Hilfskrfte " einer brutalen Behandlung auf einer fast alltglichen Basis ausgesetzt". Alles andere sind adhoc-Manahmen, die nach Lust und Laune des jeweiligen Kommandanten umgesetzt werden. Es herrscht eine Gesetzlosigkeit, die in der afghanischen Geschichte einmalig ist!
- Die islamischen Gruppierungen u.a. die Taleban werden in Afghanistan nur dann eine Perspektive haben, wenn sie sich auf einer breiten Basis zusammenschlieen wrden. Unter der Bercksichtigung der Geschichte und der Gegenwart dieser Gruppierungen spricht aber alles gegen eine solche Mglichkeit.
- Die bis jetzt mehrfach getroffenen Vereinbarungen zwischen den Taleban und ihren Gegnern, um zu einer friedliche Lsung des Brgerkrieges zu kommen, scheiterten klglich. Obwohl sich Mitte Mrz 1999 in der turkmenischen Haupstadt Aschgabadsich die Vertreter von Taleban und Nordallianz auf die Grundprinzipien einer vereinten und reprsentativen Regierung geeinigt hatten, begannen schon am 10. April erneut bewaffnete Auseinandersetzungen, denen am 16.4. eine groe Offensive der Taleban folgte.

V. Eine Perspektive fr Afghanistan auch ohne Taleban

Afghanistan htte dann eine Perspektive, wenn es gelingen knnte, eine zivile Regierung auf breiter Basis unter der Bercksichtigung der Vielvlkerstaatlichkeit des Landes und der existierenden bewaffneten Gruppierungen zu bilden. Dies kann gelingen, wenn die auslndische Einmischung, die den Afghanistan-Konflikt lenkt, aufhrte, und unter der Federfhrung der UNO oder - noch besser - der Nichtpaktgebundenen Staaten, deren Mitgiled Afghanistan immer noch ist, Bedingungen fr einen zivilen Aufbau geschaffen werden knnten. Die Aufgaben, die eine knftige afghanische Regierung vor sich htte, sind so immens, da sie ohne nennenswerte internationale Hilfe unmglich, gelst werden knnten. Allein die Rumung der 10 bis 11 Mio. Landminen, die im Laufe des Brgerkrieges das Land wie eine Teppich bedecken, kann ohne internationale Untersttzug nicht geleistet werden. Mit der Kapazitt der jetzigen Minenrumkommandos braucht man 400 Jahren um Afghanistan von diesen noch auf unabsehbare Zeit Teufelsprodukten zu befreien. Das wre u.a. die allererste notwendige entwicklungspolitische Manahme um Afghanistan fr sein geschundenes Volk wieder bewohnbar zu machen. Angesichts der Verantwortung der BRD bei der indirekten Mitwirkung der Zerstrung Afghanistans durch die Jahrezehnte Untersttzung der Modjahedin, ist die Bundesregierung moralisch wie politisch verpflichtet bei einem Wiederaufbau Afghanistan tatkrftig mitzuwirken.

Anmerkung:

Dr. Matin Baraki ist Lehrbeauftragter fr Internationale Politik an der Philipps - Universitt Marburg.

  • Autor: Matin Baraki
    Philosophischer Salon
    Quelle: Kalaschnikow - Das Politmagazin
    Ausgabe 13, Heft 2/99, 85ff.

 

Jochen Hippler

Afghanistan: Von der Volksdemokratie bis zur Herrschaft der Taliban

Einleitung
 

Im April 1992 war der damaligen Allianz der Mudschahedin der Sturz Prsident Nadschibullahs und die Ausrufung einer „Islamischen Republik“ gelungen. Der berwltigende Teil der Bevlkerung erhoffte und die meisten westlichen Beobachter erwarteten damit ein Ende des Krieges und den Beginn einer Periode des friedlichen Wiederaufbaus. Beide wurden enttuscht: eine neue Phase politischer Konflikte und militrischer Auseinandersetzung trat an die Stelle der alten, unsicheren Halbstabilitt. Der Krieg wurde verstrkt zwischen den unterschiedlichen Mudschahedingruppen weitergefhrt. 1993/94 entwickelte sich als Reaktion auf diese Verhltnisse ein neuer politisch-militrischer Machtfaktor in Form der Miliz der „Taliban“, der religisen Studenten. Der Krieg nderte seine Form und trat in eine neue Phase ein. Im September 1996 nahmen die Taliban die Hauptstadt Kabul ein, im Mai 1997 brachten sie auch einen Teil des Nordens unter ihre Kontrolle, so da sie ber mehr als 70 Prozent des Territoriums verfgten. In der zweiten Jahreshlfte 1997 und dem nchsten Jahr drfte sich die Zukunft des Landes entscheiden: eine vllige Kontrolle Afghanistans durch die Taliban oder deren schrittweiser Verlust an sozialer Basis und militrischer Kraft.

Afghanistan bis in die siebziger Jahre

Schon vor Beginn der letzten beiden Jahrzehnte des Krieges war Afghanistan ein extrem armes und wirtschaftlich kaum entwickeltes Land. Weder aufgrund seiner internen konomischen Entwicklung, noch aufgrund eines (fehlenden) Reichtums an Bodenschtzen hat Afghanistan es zu auch nur bescheidenem Wohlstand gebracht. Rosinen, Tierhute, Halbedelsteine und - immerhin – etwas Erdgas waren die wichtigsten Exportprodukte. Industrien im nennenswerten Umfang gibt es nicht. Der konomische Standard wurde dadurch gekennzeichnet, da nicht einmal Statistiken ber den Umfang des Bruttosozialproduktes existierten und es sie natrlich auch heute nicht gibt. Schtzungen besagen, da vor dem Krieg etwa 80 % der Afghanen von der Landwirtschaft lebten.

Die politische Tradition entspricht diesen Bedingungen - und den geographischen und topographischen Gegebenheiten: groe Teile des Landes sind zerklftet oder sonstwie schwer zugnglich, die Infrastruktur im Verkehrsbereich ist hchst mangelhaft. Entsprechend zersplittert waren in Afghanistan traditionell die politische Macht und der konomische Einflu. Stammesoberhupter, traditionelle Anfhrer eines Dorfes oder einer kleinen Region, religise Fhrer (insgesamt etwa eine Viertelmillion bei einer Bevlkerung von 13-19 Millionen) bestimmten das Leben auf dem Land. Darber, entrckt und oft einflulos, "regierte" eine Regierung in Kabul, die in aller Regel auf die Kooperation der jeweiligen Dorf- und Stammesgren und religisen Fhrer angewiesen war, wenn sie auerhalb der Stdte etwas erreichen wollte. Nicht einmal eine so grundlegende Staatsttigkeit wie das Steuerwesen funktionierte auf dem Land, einflureiche Stmme entzogen sich dem Militrdienst, ohne da die Regierung dagegen htte vorgehen knnen. Einer zersplitterten und traditionalistischen islamischen Gesellschaft stand damit ein Staatsapparat gegenber, der im grten Teil des Landes nur eingeschrnkt handlungsfhig war.

Den wirtschaftlichen und politischen Zustnden im Land entsprachen die sozialen Lebensbedingungen. Noch in den siebziger Jahren war das Rechtswesen in den Hnden religiser Gerichtshfe, auf dem Land existierte kaum ein ordentliches Schulwesen, Frauen wurden fr Brautgelder gekauft oder verkauft. 90 % der Bevlkerung insgesamt, 98 % der Frauen konnten weder lesen noch schreiben. Der jmmerliche Lebensstandard der Bevlkerung wurde durch ein Geflecht persnlicher Abhngigkeiten und Loyalitten zementiert, Hoffnung auf sozialen Wandel und wirtschaftliche Entwicklung war gering.

Verschiedene Regierungen in Kabul haben versucht, diese Zustnde zu durchbrechen. Amir Abdur Rahman hatte sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit Zwang, britischer Hilfe und einigem Geschick bemht, die Zentralgewalt auf Kosten der Stmme zu strken. Dabei konnte er, ebenso wie Knig Amanullah in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts, nur begrenzte Erfolge verbuchen. In historischer Perspektive mssen die Ereignisse im Gefolge der "April-Revolution" von 1978 - einschlielich Brgerkrieg - in diesem Zusammenhang betrachtet werden: als einer der periodisch wiederkehrenden und bisher immer gescheiterten Versuche, den Staatsapparat in Afghanistan zu strken, funktionsfhig zu machen, und die entgegenstehenden partikularen Interessen zurckzudrngen. Eine nationalstaatliche "Modernisierung" und die Zurckdrngung oder Zerschlagung der anachronistischen sozialen und politischen Strukturen stand auf der Tagesordnung. Der Militrkorrespondent der liberalen britischen Tageszeitung The Independent, Mark Urban, formulierte treffend: "Wenn jemals ein Land eine Revolution ntig hatte, dann war es Afghanistan." Bis zum Ende der siebziger Jahre hatten alle mglichen, unterschiedlichen Regierungen die zentralen Aufgaben des Landes nicht einmal annhernd lsen knnen. "Aufeinander folgende Regierungen waren daran gescheitert, die Vlker Afghanistans zu alphabetisieren, hatten nicht vermocht, Respekt und eine bessere Lage fr Frauen durchzusetzen, oder versumt, dem Land irgend eine substantielle Regierungs- oder industrielle Infrastruktur zu geben." Die traditionelle afghanische Gesellschaft bot ebenfalls keine Lsungsperspektive: sie war das Grundproblem.

Von der „April-Revolution“ bis zum Abzug der Sowjetunion

Im April 1978 erfolgte in Afghanistan ein Umsturz, den seine Urheber als „April-Revolution" bezeichneten. Einige progressive Militreinheiten, deren Offiziere mit der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (PDPA) verbunden waren, strzten die Regierung des Prsidenten Daoud, der 1973 selbst durch einen Putsch den Knig Zahir Shah von der Macht verdrngt hatte. Wenn aber der Ablauf des Regierungswechsels einem klassischen Staatsstreich glich, so ging es in der Substanz doch um weit mehr als um das bloe Austauschen von Personen: das Ziel war offen revolutionr, es ging um nichts weniger als eine vllige Umgestaltung der konomischen und politischen Verhltnisse des Landes, um eine nachholende Modernisierung, die die tradierten Machtstrukturen aufbrechen sollte. Diese Ziele waren nicht nur legitim, sie waren fr die zuknftige Entwicklung Afghanistans und eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen auch sinnvoll und notwendig. ber die konkrete Praxis der PDPA ist damit allerdings noch nichts ausgesagt.

Die "Revolution" des April war keine Revolution im klassischen Sinne. Die Revolutionspartei PDPA war im Land kaum verankert. Ihre soziale Basis war hchst schmal, sie erstreckte sich im wesentlichen auf Intellektuelle, Studenten, Staatsbeamte, Lehrer oder Offiziere, geographisch gesehen auf die Hauptstadt und einige andere Stdte. In der Landbevlkerung, also bei der berwltigenden Mehrheit der Bevlkerung, verfgte die PDPA praktisch ber keinen Anhang. Anders ausgedrckt: die „April-Revolution“ war nicht mehr als die Revolte bestimmter Teile der stdtischen Mittelschichten gegen anachronistische Sozialstrukturen und einen inkompetenten und zunehmend repressiven Staatsapparat.

Zustzlich war die neue Regierungspartei PDPA (mit damals schtzungsweise 11-12 000 Mitgliedern) in zwei sich heftig bekmpfende Flgel gespalten, so da die schwachen Krfte noch groenteils fr interne Machtkmpfe vergeudet wurden. In dieser Situation eigener Schwche und Isolierung begann die PDPA mit einem ambitisen Programm soziokonomischer Umgestaltung der afghanischen Gesellschaft. Die wichtigsten Punkte waren die Frderung der Gleichberechtigung der ethnischen Minderheiten, eine Landreform, Emanzipation der Frau und Erziehung fr alle. Damit waren in der Tat zentrale Probleme der afghanischen Gesellschaft, vor deren Lsung alle frheren Regierungen zurckgeschreckt waren, ins Zentrum der Politik gerckt. Doch hinter dieser Ebene guter Vorstze begannen die Schwierigkeiten.

Das Zusammentreffen des traditionellen, lokalen Autonomiestrebens, der Verkndung und ansatzweisen Durchfhrung sozialer Reformen und der Unsensibilitt und teilweisen Brutalitt der PDPA-Kader fhrten vom Beginn der April-Revolution an zu Widerstand auf dem Land, der - vor dem Hintergrund der afghanischen Geschichte nicht ungewhnlich - sofort auch gewaltsame Formen annahm.

Die PDPA begriff sich als marxistisch-leninistische Kaderpartei und legte von Anfang an groen Wert auf enge Zusammenarbeit mit der Sowjetunion. Diese lie eine gewisse Skepsis erkennen, wollte die machtpolitische Mglichkeit an ihrer Sdflanke trotzdem nutzen. Im November 1978 wurde die Unterzeichnung eines afghanisch-sowjetischen Freundschaftsvertrages angekndigt und wenige Wochen spter vollzogen. Etwa seit Mitte 1979 begann eine verstrkte Lieferung von Militrmaterial, insbesondere von Flugzeugen und Kampfhubschraubern. Im Herbst begannen die ersten Vorbereitungen der Intervention, im Verlauf des Dezember 1979 wurden bereits sowjetische Truppen nach Afghanistan verlegt, Weihnachten erfolgte dann die Intervention: Prsident Amin wurde militrisch gestrzt, er kam bei einem Feuergefecht in seinem Amtssitz ums Leben. Babrak Kamal wurde neuer Prsident, da die Sowjetunion ihn als Vertreter der "gemigteren" Parcham-Fraktion fr geeigneter hielt, sich eine strkere Verankerung im Land zu verschaffen und politischen bereifer zu vermeiden. Als er die Sowjetunion um die Entsendung von Truppen "bat", waren bereits 15-20.000 sowjetische Soldaten im Land.

Die sowjetischen Militreinheiten waren auer zur Durchsetzung des Regierungswechsels ins Land gekommen, um die militrische Lage zu stabilisieren und einem Zusammenbruch der Armee vorzubeugen. Die kurzfristigen Ergebnisse der Intervention waren aber genau entgegengesetzt: sie fgte dem Widerstand gegen die Regierung einen neuen, durchschlagenden Grund hinzu, nmlich den Kampf gegen die fremden Eindringlinge. Die rund 110 000 sowjetischen Soldaten beteiligten sich an Counterinsurgency-Operationen, versuchten aber nicht, das Land insgesamt militrisch zu kontrollieren oder zu erobern, sondern konzentrierten sich vornehmlich auf fest umrissene Funktionen wie Luftuntersttzung, Kontrolle der Stdte oder Straen (wozu offensive Operationen gegen benachbarte Mudschahedin-Gruppen gehrten), Logistik, das Unterbrechen des Nachschubs des Kriegsgegners oder unternahmen gemeinsame Operationen offensiven Charakters gegen strategisch bedeutsame Mudschahedin-Positionen.

Die Genfer Abkommen vom April 1988

Die Sowjetunion und die Regierung in Kabul waren nicht in der Lage, den Krieg fr sich zu entscheiden, da ihnen dazu eine der wichtigsten Voraussetzungen fehlte: die Untersttzung der Bevlkerung. Im Kontext von Guerillakrieg ist dieser Faktor in der Regel weit bedeutsamer als technische berlegenheit oder strkere Feuerkraft. Aus innen- und auenpolitischen Grnden war die Sowjetunion auch nicht bereit, ihr militrisches Engagement ber das erwhnte Niveau hinaus weiter zu erhhen, womit sie in die Sackgasse geriet, einen ungewinnbaren Krieg zu fhren, der ihr wirtschaftlich und politisch teuer zu stehen kam. Mit dem Amtsantritt Michail Gorbatschows als sowjetischer Parteichef und dann Prsident und dem Beginn der Perestroika konnte auch eine Wende in der sowjetischen Afghanistanpolitik vollzogen werden: der Abzug der Truppen war als notwendig erkannt, und es konnte nur noch um seine Konditionen und politische Flankierung gehen. 1988 kam es zum Durchbruch, nmlich den Genfer Afghanistan-Abkommen.

Diese vier gleichzeitig unterzeichneten waren keine Friedensvertrge. Sie regelten nur die internationalen Aspekte des Krieges, insbesondere den Abzug der sowjetischen Truppen. Die Abkommen wurden von den Regierungen Afghanistans, Pakistans, der Sowjetunion und den USA unterzeichnet. Die wichtigsten Vertragsinhalte bestanden aus drei Elementen:

1. der wechselseitigen Verpflichtung zur Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans und Pakistans ("der Hohen vertragschlieenden Parteien") Dies schlo das Verbot einer Untersttzung bewaffneter Gruppen oder Aufstndischer (also der Mudschahedin) ein, sowie das Verbot, "irgendwelche anderen Handlungen zu unternehmen oder zu dulden, die als Einmischung und Intervention angesehen werden knnten."

2. der wechselseitigen Verpflichtung, eine Repatriierung der afghanischen Flchtlinge in ihr Heimatland auf freiwilliger Basis "im Rahmen ihrer Mglichkeiten" nach Krften zu untersttzen.

3. der Verpflichtung der Sowjetunion, ihre Truppen innerhalb von neun Monaten (beginnend mit dem 15. Mai 1988) aus Afghanistan abzuziehen.

Die Koppelung dieser drei Punkte bedeutete zweifellos einen entscheidenden Schritt nach vorn: der erste Punkt entsprach nur der ohnehin bestehenden Verpflichtung aufgrund der UNO-Charta, bedeutete aber in diesem konkreten Fall eine teilweise De-Internationalisierung des Krieges, da Pakistan und die USA danach die Finanzierung, Bewaffnung und sonstige Untersttzung der einen Kriegspartei zu unterlassen hatten.

Dem entspricht der dritte Punkt: auch die Sowjetunion mute sich an die entsprechenden vlkerrechtlichen Verpflichtungen halten und ihre Truppen zurckziehen. Damit wre es im wesentlichen gelungen, den afghanischen Brgerkrieg auf seien inner-afghanische Dimension zurckzufhren - noch kein Friede, aber ein wichtiger Zwischenschritt.

Diese Perspektive der Genfer Abkommen - bzw. ihres Wortlauts - wurde durch Erklrungen Pakistans und der USA zum Teil noch vor der Vertragsunterzeichnung, zum Teil kurz danach, wieder zunichte gemacht. Der damalige pakistanische Diktator Zia Ul-Haq, der traditionell die Hisb-i Islami des Fundamentalistenfhrers Hekmatyar untersttzt (und deren pakistanische Bruderpartei zur Frderung der Islamisierung seines Landes in die Regierung aufgenommen) hatte, erklrte bereits am 7. April, die Mudschahedin weiter untersttzen zu wollen. US-Auenminister George Shultz meinte anllich der Unterzeichnung der Abkommen, "da es im Einklang mit unseren Verpflichtungen als Garantiemacht unser Recht ist, dem Widerstand militrische Hilfe zukommen zu lassen." Da genau das Gegenteil den Inhalt der Abkommen darstellte wurde diskret bersehen. Damit ergab sich die ungewhnliche Situation, da die Regierungen in Washington und Islamabad feierlich einen internationalen Vertrag unter Anerkennung der afghanischen Regierung unterzeichneten und im gleichen Atemzug ffentlich erklrten, diesen Vertrag brechen zu wollen. Dies drfte damit zu erklren sein, da beide Lnder die Vorteile eines sowjetischen Truppenabzuges fr ihre regionalen Interessen nutzen wollten, zugleich aber wegen der sowjetischen Zwangslage in Afghanistan ihre versprochene Gegenleistung nicht glauben erbringen zu mssen.

Der Sturz Prsident Nadschibullahs

Der Rckzug der sowjetischen Truppen fhrte nicht, wie allgemein erwartet, zum sofortigen Zusammenbruch der Regierung in Kabul, sondern mittelfristig sogar zu ihrer Strkung. Die Mudschahedin starteten eine Grooffensive und „Entscheidungsschlacht“ um die Provinzhauptstadt Jalalabad (nahe der pakistanischen Grenze), erlitten aber eine schwere Niederlage und einen entsprechenden Prestigeverlust. Die Regierungsarmee gewann an Selbstvertrauen und Motivation, seitdem sie ohne sowjetische Beaufsichtigung operierte, und die militrischen Erfolge verstrkten diese Tendenz. Auerdem hatte der Abzug der sowjetischen Truppen den innenpolitischen Spielraum der Regierung erhht, da sie nunmehr von Teilen der Bevlkerung zum ersten Mal als „Herr im eigenen Haus“ ernstgenommen wurde. Die Strke der Mudschahedin lag im Krieg in klassischer Guerillataktik, in schnellen, berraschenden Angriffen in kleinen oder mittelgroen Einheiten. Mit der Einnahme groer, gut befestigter und massiv verteidigter Stellungen oder Stdte, hatten die Mudschahedin groe Schwierigkeiten, die mit mangelnder Koordination fr die erforderlichen Grooperationen, mit Problemen mit weitreichender Mobilitt in greren Einheiten und mit deren hufig nur regionalen Verankerung zusammenhingen. Und gerade hier zeigten die Regierungstruppen ihre besondere Strke.

Es kam nach dem Abzug der sowjetischen Truppen zu einer Situation, in der die Regierung zwar keine Chance hatte, die Aufstndischen militrisch zu schlagen, zugleich von diesen aber auch nicht besiegt werden konnte und langsam an sozialer Basis gewann. Innerhalb der lokalen Widerstandsgruppen wuchs die Bereitschaft, mit der Regierung formelle oder informelle Abkommen und Waffenstillstandsvereinbarungen abzuschlieen.

Trotzdem kam es im April 1992 zum Sturz der Regierung Nadschibullah und der Herrschaft der PDPA, die sich inzwischen in Watan-Partei, „Partei des Vaterlandes“ umbenannt hatte. Der Grund lag zum grten Teil in den inneren Widersprchen des PDPA-Regimes, aber auch an externen Faktoren. Die UNO hatte seit lngerem an einem Friedenskonzept fr Afghanistan gearbeitet, das eine bergangsregierung zur Vorbereitung von Wahlen beinhaltete. Prsident Nadschibullah stimmte diesem Plan schlielich zu und erklrte sich bereit, die Macht an eine noch zu formende bergangsregierung abzugeben. Von diesem Zeitpunkt an begann sein Stern schnell zu sinken: er wurde innerhalb und auerhalb seiner Partei nur noch als Zwischenlsung ohne Zukunft angesehen – mit dem Ergebnis, da selbst hchste Militrfhrer, Minister und Mitglieder seines Politbros Kontakt mit Mudschahedinparteien aufnahmen, um sich fr die zuknftige Entwicklung abzusichern. Damit war der Zerfall der Partei und des Staatsapparates eingeleitet. Als zweiter und ebenso wichtiger Faktor erwies sich eine Kombination ethnischer und konomischer Widersprche im Regierungslager: als die Regierung im Norden des Landes einen paschtunischen General mit dem Kommando ber nichtpaschtunische Truppen ernennen wollte, kam es zu schweren Konflikten innerhalb des Militrs und zwischen der – paschtunisch dominierten – Regierung und tadschikischen und usbekischen Offizieren. Das Fa zum berlaufen brachte schlielich die desolate Finanzlage der Regierung. Sie war nicht mehr in der Lage, den Usbekengeneral Dostum (und andere lokale Machtgren) durch grere Geldzahlungen an sich zu binden, was Dostum zum berlaufen auf die Seite der Mudschahedin veranlate. Damit brach die Regierung zusammen, zwar von auen nicht militrisch zu besiegen, aber von innen morsch und nicht berlebensfhig. Regierung, Staatsapparat und Armee lsten sich praktisch auf, liefen entweder zu den Mudschahedin ber, flohen aus dem Land, oder verschwanden einfach von der Bildflche. Die Mudschahedin zogen in Kabul ein, ohne auch nur einen Schu abgeben zu mssen.

Herrschaft der Mudschahedin

In der westlichen ffentlichkeit waren die Mudschahedin in den achtziger Jahren hufig als "Freiheitskmpfer" betrachtet worden, die gegen die russischen Invasoren die Waffen erhoben htten und deren Hauptziel darin bestehe, ihr Land von den Eindringlingen zu befreien. Diese Darstellung haben sie selbst jahrelang vertreten, hufig wurde sie fr bare Mnze genommen. Trotzdem ist sie falsch. Zwar war der bewaffnete Widerstand als Folge der sowjetischen Intervention deutlich gestrkt worden, aber er ging dieser voraus. Direkt nach der April-Revolution des Jahres 1978 hatten Mudschahedin-Gruppen unter anti-kommunistischen und islamistischen Vorzeichen bewaffnet gegen die Regierung gekmpft - hufig noch bevor diese ihre verhngnisvolle Politik auch nur beginnen konnte. Wenig beachtet wurde, da manche Organisationen bereits deutlich vor dieser Zeit kmpften: ein pakistanischer General a.D. schilderte dem Verfasser ausfhrlich, wie er mit zwei Kollegen vom militrischen Geheimdienst ISI bereits 1971/72 begonnen hatte, die Mudschahedin aufzubauen. Dabei ging es der pakistanischen Regierung darum, nach ihrer Niederlage im Krieg gegen Indien und der Unabhngigkeit des ehemaligen Ostpakistans als Bangladesch ihre strategische Position in der Region zu verbessern. Deshalb sollten im Nachbarland Afghanistan (mit dem es historische Grenzstreitigkeiten gab) in allen Provinzen kleine, bewaffnete Gruppen als strategische, militrische Option aufgebaut werden. Dies hatte offensichtlich nichts mit „Kommunismus“ oder einer sowjetischen Intervention zu tun, die ja erst Jahre spter erfolgte. Obwohl diese Gruppen damals noch nicht „Mudschahedin“ hieen – gegen den noch regierenden Knig Sahir Shah lie sich schlielich kein „Heiliger Krieg“ fhren – waren Mnner wie Rabbani und Hekmatyar (die spter als Mudschahedinfhrer bekannt wurden) bereits in Fhrungspositionen. Das ISI fhrte die Operation bis zum Sturz der Regierung Zulfikar Ali Bhutto (1976) weiter, um sie auf Anweisung des neuen Regimes abzubrechen. Damit begann eine starke Fragmentierung der Gruppen, die auf der Suche nach Ersatz fr die ausfallenden Finanzmittel in Konkurrenz zueinander gerieten und sich an unterschiedliche potentielle Frderer wandten, wie an Saudi Arabien, Libyen, usw.

Ab 1978 begannen die USA als Reaktion auf die Machtbernahme der PDPA mit einer begrenzten logistischen und materiellen Hilfe fr die Mudschahedin, ab 1980 wurden diese Manahmen massiv ausgeweitet und zur grten Operation der CIA in ihrer Geschichte. Insgesamt lt sich feststellen, da die Mudschahedin zwar einerseits tatschlich als Reaktion auf radikale politische Vernderungen und externe Intervention begriffen werden mssen, aber – insbesondere auf Leitungsebene – zugleich von einer opportunistischen Sldnermentalitt geprgt waren, die den persnlichen Nutzen ber politische Erwgungen stellte. Vor diesem Hintergrund lassen sich die verschiedenen Parteien folgendermaen charakterisieren:

1. Die wichtigsten und in den achtziger Jahren schlagkrftigsten Mudschahedin-Gruppen (wie Hisb und mit deutlichen Einschrnkungen Jamiat) knnen als revolutionr-fundamentalistisch und islamistisch bezeichnet werden. Sie wollten, auf einem anderen Weg als die PDPA, Afghanistan ebenfalls zu einem zentralen, "nationalen" Staatswesen umformen, das dann als „islamischer Staat“ von einer Kaderpartei gefhrt werden sollte. Jede Form von Demokratie oder auch nur das Wahlrecht fr Frauen wren in diesem Konzept fehl am Platze.

2. Der andere Hauptflgel wurde in der Regel als der "gemigte" bezeichnet: Gemeint sind Gruppen, die einer eher traditionalistisch-fundamentalistischen Linie folgen, die das Afghanistan von gestern verkrpern, und das Afghanistan der traditionellen Abhngigkeiten und Ausbeutungsstrukturen wiedererrichten mchten. Sie sind prinzipiell pro-westlich orientiert und stehen nicht selten der theokratischen Herrschaft des saudi arabischen Knigshauses nahe, von dem sie betrchtliche Summen erhalten.

ber diese beiden politischen Grundkonzeptionen wlbt sich schlielich eine eher "modern" anmutende Verhaltensweise: Kriegsgewinnler, Leute mit Sldnermentalitt und Krfte, die den Krieg insgesamt als Geschft und zur persnlichen Bereicherung betreiben. Es ist kein Zufall, da bis zu 70 % der US-amerikanischen Hilfsgelder in dunklen Kanlen verschwanden und bei den eigentlichen Kmpfern nie ankamen: geschftstchtige Mudschahedinfhrer verkauften Waffen und Nachschub in Pakistan auf eigene Rechnung, um unabhngig vom Verlauf des Krieges ihr Schfchen ins Trockene zu bringen.

Bereits whrend ihres angeblich „Heiligen Krieges“ kmpften die Mudschahedin an zwei Fronten: einerseits leisteten sie Widerstand gegen die sowjetischen Truppen und die Regierung der PDPA, andererseits befanden sie sich in einem dauerhaften Krieg untereinander, der zum Teil um die Hegemonie im eigenen Lager, zum Teil um handfeste materielle Vorteile gefhrt wurde, wie etwa die Kontrolle der Opiumproduktion in der Provinz Helmand. Die Brutalitt und Grausamkeit der Mudschahedin stand der ihrer Gegner in nichts nach. Anschlge auf Zivilisten mit Dutzenden von Toten, Abschsse von Zivilflugzeugen, Massenerschieung von Gefangenen, Heroinhandel im groen Stil, Folter und andere Methoden der Konfliktaustragung waren immer an der Tagesordnung. Als die Mudschahedin im April 1992 die Macht in Kabul bernahmen, fhrte dies weder zum Frieden in Afghanistan, noch zu einer demokratischen oder die Menschenrechte achtenden Regierung. Es wurde nur eine neue Runde des Krieges erffnet, die insbesondere sich in der Hauptstadt als verheerender erwies, als alles zuvor erlebte. Erst nach dem Sturz Prsident Nadschibullahs wurde Kabul weitgehend zerstrt. Die Hauptkonfliktlinie verlief in dieser Zeit vor allem zwischen Prsident Rabbani und Ministerprsident Hekmatyar. Von einer Lsung der sozialen und politischen Probleme des Landes oder dem wirtschaftlichen Wiederaufbau konnte unter solchen Umstnden natrlich keine Rede sein.

Aufstieg und Macht der Taliban

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1988/89 und dem Sturz der PDPA 1992 war die Legitimitt einer Weiterfhrung des Krieges in der Bevlkerung fraglich: die fremden, „unglubigen“ Invasoren waren vertrieben, und selbst die durch die Kooperation mit ihnen kompromittierte Regierung gestrzt. Der Bevlkerung war nicht einsichtig, aus welchen Grnden immer noch kein Friede mglich war, den sie eigentlich schon nach dem Abzug der Sowjetunion erwartet hatte. Die Kriegsmdigkeit wuchs, und die Unzufriedenheit mit der inkompetenten und korrupten Herrschaft konkurrierender Mudschahedinfraktionen nahm kontinuierlich zu. Immer strker wurden diese nicht als Befreier, sondern als Quelle aller bel wahrgenommen, eine Tendenz, die sich in Kabul bereits seit etwa 1990 beobachten lie. Mit Hinblick auf die sieben sich bekmpfenden Mudschahedinparteien meinte man im Basar hufig: „Besser ein starker, schlechter Prsident als sieben, die miteinander Krieg fhren“.

An diesem Punkt der afghanischen Geschichte betraten die Taliban vor etwa drei Jahren die Bhne. Wie aus dem Nichts schien diese unbekannte, neue Miliz aufgetaucht zu sein. Tatschlich deutet einiges darauf hin, da der pakistanische Militrgeheimdienst ISI am Aufbau der Taliban wesentlich beteiligt war: von Anfang an war die Miliz gut bewaffnet und verfgte ber schwere Waffen, einschlielich Panzer und Flugzeuge. Auch die Spannungen zwischen Pakistan und der Regierung in Kabul legen diesen Schlu nahe. Spter wurde dies mehrfach belegt, etwa durch die Festnahme von pakistanischen Offizieren in Mazhar-i-Sharif, in afghanischen Norden.

Die Taliban verfgten ber drei entscheidende Vorteile: erstens waren die Mudschahedinparteien und ihre zerstrittene Regierung in der Bevlkerung weitgehend diskreditiert. Es hatte sich lange herumgesprochen, da sie weder das Wohl des Landes, noch den Islam im Sinn hatten, sondern nur das eigene, und da sie den Krieg verewigten. Zweitens waren die Bevlkerung und selbst viele Mudschahedin ausgesprochen kriegsmde. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1988/89 und dem Sturz Nadschibullahs 1992 waren immer weniger Grnde fr eine Fortsetzung des Krieges zu erkennen, aber der Krieg und das Leiden hrten nicht auf. Beide Punkte stellten die Taliban ins Zentrum ihrer politischen Arbeit. Drittens aber waren die Taliban eine neue, unverbrauchte Kraft, die fr die Verbrechen, Korruption und den Krieg keine Verantwortung trugen. Sie waren die einzige Organisation mit Glaubwrdigkeit. Und schlielich war es ein groer Vorteil, da die Taliban nicht nur stndig vom Islam redeten, sondern “islamische Studenten” waren - also als berparteilich, unabhngig von der Parteipolitik und selbstlos gelten konnten. In der Bevlkerung waren die Taliban durchaus beliebt, da sie disziplinierter und rcksichtsvoller auftraten. Sie genossen Respekt, whrend man den Parteien gegenber vor allem Furcht, Opportunismus oder Zynismus spren konnte. Diese Strken fhrten dazu, da die Taliban in der Anfangsphase ihrer Offensive das halbe Land einnehmen konnten, ohne wirklich Krieg fhren zu mssen: in den meisten Fllen flohen ihre Gegner, oder sie bergaben die Stdte und Provinzen ohne Widerstand. Das wiederum strkte das Prestige der Taliban ganz betrchtlich. Auch die Hauptstadt Kabul wurde im September 1996 nicht erobert, sondern einfach in Besitz genommen, nachdem die Einheiten der Regierung Rabbani sie gerumt hatten. Auf hnliche Weise gelang den Taliban, was weder den sowjetischen Truppen, noch Nadschibullah oder Rabbani jemals geglckt war: die entscheidende Schwchung der Hisb-i-Islami des Gulbuddin Hekmatyar, die vor den anrckenden Taliban einfach dahinschmolz und in der Bedeutungslosigkeit versank.

Diese Serie fast gewaltloser Siege schien zu demonstrieren, da die neue Kraft nicht nur stark, sondern moralisch berlegen war. Sie wrde Schlu machen mit Krieg und den stndigen Kmpfen der korrupten Parteien. Wo diese nur vom Islam geredet hatten, wrden die Taliban auch Taten folgen lassen.

Ihre Siege lieen genau den letzten Punkt zum entscheidenden Problem werden. Tatschlich machten sie ernst mit “dem Islam”, wenn auch mit einer besonders rigiden und reaktionren Variante. Zuerst lieen die Taliban die Mohnfelder abbrennen und die Heroinlabors zerstren, da Drogen gegen den Islam verstieen. (Inzwischen haben sie den finanziellen Nutzen der Opiumproduktion erkannt und den Drogenexport wieder aufgenommen.) Sie einigten als drei Viertel des Landes unter ihrer Fhrung, womit die Zerstckelung Afghanistans zum Teil rckgngig gemacht und die Instabilitt verringert wurde. Und in ihren Herrschaftsgebieten wurde tatschlich der Krieg beendet - kein kleines Verdienst nach mehr als 1,5 Millionen Toten. Aber ihre Art des Islam hatte von Anfang an stark repressive Zge. Mnner wurden gezwungen, sich Brte wachsen zu lassen, Frauen verstrkt unterdrckt: Berufsttigkeit und Schulausbildung fr Frauen sind verpnt und faktisch verboten. Das Tragen der burqa - ein Ganzkrperschleier - wird den Frauen aufgezwungen. Brutalste Bestrafungsformen und Willkr sind an der Tagesordnung. Was viele Afghanen zuerst als die letzte Hoffnung auf Frieden begrt hatten, entwickelte sich schnell zu einer terroristischen Gewaltherrschaft hinter religisen Rechtfertigungsformeln. Wie bereits nach dem Sturz Nadschibullahs war Afghanistan vom Regen in die Traufe gekommen.

Zu tatschlicher Kriegfhrung sahen sich die Taliban erst im Norden des Landes gezwungen, als sie auf die Positionen des tadschikischen Ahmad Schah Masud und des Usbekenwarlords Raschid Dostum vorrckten. Hier kam es zu harten und fr beide Seiten verlustreichen Kmpfen. Bemerkenswerterweise erfolgten auch im Norden Afghanistans bis heute (Juni 1997) die Durchbrche der Taliban (insbesondere die groen Gelndegewinne im Mai 1997) nicht durch militrische Siege, sondern erneut durch politische Erfolge. Die Einnahme des Hauptquartiers Dostums und dessen Flucht ins Ausland wurde durch die Desertion seines Generals Malik ermglicht, der sich kurz darauf allerdings wieder von den Taliban abwandte und ihnen schwere Verluste in Mazar-i-Scharif zufgte. Gegenwrtig kontrollieren die Taliban ber 70 Prozent des Landes. Westlich der Hauptstadt behauptet sich eine von schiitischen Hazara kontrollierte Region, die allerdings mit den Taliban ber eine Zusammenarbeit verhandelt; nrdlich und nordstlich Kabuls besteht noch eine vom tadschikischen warlord Masud kontrollierte Zone, deren Kern das schwer einzunehmende Pandschir-Tal bildet; und schlielich existiert im Norden des Landes noch um die Provinzhauptstadt Mazar-i-Scharif ein „Nordstaat“, der allerdings nicht lnger von Dostum, sondern General Malik kontrolliert wird. Der Rest des Landes befindet sich gegenwrtig unter Kontrolle der Taliban.

Allerdings: der scheinbar unaufhaltsame Vormarsch der Taliban hat im Norden nach ihrem blitzschnellen Sieg im Mai und ihrem Einmarsch in Mazhar-i-Sharif mehr als nur einen taktischen Rckschlag erlitten. Nach dem erneuten Umschwenken General Maliks kam es zu hohen Verlusten unter den Taliban und einem Vordringen der Usbeken und Tadschiken an fast allen Fronten. Zwar ist ein militrischer Sieg dieser Allianz gegen die Taliban auf absehbare Zeit kaum vorstellbar, aber auch deren Aussichten auf einen Sieg im Norden sind deutlich gesunken. Ohne einen nicht-paschtunischen Verbndeten sind die Chancen eines militrischen Sieges und erst Recht einer dauerhaften Beherrschung des Nordens durch die Taliban eher gering.

Afghanistan: Ethnizitt und Staatszerfall

Der langandauernde Krieg in Afghanistan ist durch einen einzelnen Faktor nicht zu erklren, sondern zeichnet sich gerade durch seine Vielschichtigkeit aus. Es lassen sich zumindest die folgenden Faktoren identifizieren:

  • Der Kampf um lokale Autonomie versus Strkung zentralstaatlicher Instanzen und Zustndigkeiten
  • Widerstand gegen versus Aufzwingung gesellschaftlicher Modernisierung und der verbundenen sozialen und politischen Umbrche
  • Ringen um Macht zwischen den unterschiedlichen ethnischen, stammesgebundenen und religisen Gruppen und Strmungen
  • Persnliche konomische und Machtinteressen kleiner Fhrungseliten oder charismatischer Fhrer
  • Durchsetzung einer konomie des Krieges und der Drogen
  • Ideologische Widersprche, sowohl skularer als auch religiser Art (z.B.: Marxismus-Leninismus vs eigenstndige, nationale Reformperspektve; Sozialismus vs traditionelle Gesellschaftskonzepte, traditionelles vs islamistisches Religionsverstndnis, Sunni vs. Schia, etc.)
  • Externe Einflunahme, Afghanistan als geopolitisches Konfliktfeld (Pakistan, Iran, Sowjetunion (spter Ruland, Usbekistan, Tadschikistan), USA, Saudi-Arabien, gypten

Erst das Zusammenwirken dieser unterschiedlichen Konfliktebenen lieen den Krieg in Afghanistan so komplex und „unlsbar“ werden. Sie traten darber hinaus nicht suberlich getrennt durch unterschiedliche Akteure vertreten auf, sondern in einer bemerkenswerten Vermengung. Die Widersprche innerhalb der PDPA beruhten eben nicht allein – und nicht einmal vordringlich – auf politisch-ideologischen Streitigkeiten, sondern zugleich auf „ethnischen“ Unterschieden (Paschtunen vs. Nichtpaschtunen, v.a. Tadschiken, unterschiedliche Zweige innerhalb der Paschtunen), auf der Frage der auenpolitischen Orientierung (Ma der Unterordnung unter die sowjetische Politik vs. eigenstndige Reform/Revolutionsperspektive), konomischer Gier (Desertion General Dostums zu den Mudschahedin) und anderen Aspekten der Konfliktdynamik. Die Zusammenarbeit der „radikalsozialistischen“ Chalqi-Fraktion der PDPA mit der „extremfundamentalistischen“ Hisb-i-Islami des Gulbuddin Hekmatyar in der Schluphase der Regierungszeit Prsident Nadschibullahs ber alle ideologischen Unterschiede hinweg erfolgte beispielsweise zum groen Teil ber ethnische (paschtunische) Gemeinsamkeiten vermittelt. Besonders unbersichtlich wird die Situation dadurch, da viele der Faktoren gelegentlich kausal fr politische Entscheidungen verantwortlich waren, hufiger aber nur der bloen Legitimation einer aus anderen Grnden bevorzugten Politik dienten. Sowohl der religise Eifer mancher Beteiligter, als auch die ethnischen Identitten dienten nicht selten als ideologische Instrumente der Allianzbildung, der Ein- und Ausgrenzung. Mitglied eines bestimmten Stammes, einer bestimmten Ethnie oder Religionsgemeinschaft, eines ausgedehnten Familienverbandes oder einer linguistischen Gruppe, Region oder Provinz zu sein bedeutete und bedeutet in Afghanistan nicht automatisch einen Gegensatz zu einer „nationalstaatlichen“ Perspektive oder zu den anderen vorhandenen Ethnien. Andererseits lt sich ein solcher Gegensatz bei Bedarf immer leicht herstellen.

Die Konfliktgenese lt sich etwa folgendermaen zusammenfassen:

Ausgangspunkt war der Versuch, Afghanistan durch den Staatsapparat ohne breite soziale Untersttzung eine Modernisierung gewaltsam aufzuzwingen. Drei Faktoren fhrten zu massivem Widerstand: in einem Teil der Bevlkerung die Modernisierung als solche, in anderen Teilen ihre repressive Durchsetzung und die Einschrnkung oder Aufhebung regionaler oder sozialer Autonomie. Der Widerstand wurde verstrkt durch die nicht selten inkompetente Art der Modernisierung und mangelnde Rcksicht auf lokale Traditionen und Bruche.

Bereits in diesem Stadium des Konfliktes existierten allerdings funktionsfhige Kerne bewaffneter Aufstndischer, die sich bald mit lokalen Machthabern und den traditionellen Strukturen (z.B. Stmmen) verbndeten, und so eine soziale Basis gewannen.

Die entscheidende Eskalationsstufe wurde allerdings durch die externe Einflunahme erreicht: durch die sowjetische Intervention und die US-amerikanische Geheimdienstoperation, die zur umfangreichsten in der Geschichte der USA wurde. Afghanistan wurde zum wichtigen Schlachtfeld des zweiten Kalten Krieges der achtziger Jahre. Beide Supermchte und ihre Verbndeten pumpten riesige Mengen an Waffen, Material und Geld ins Land, das einerseits den Krieg auf eine viel blutigere Ebene hob, ihm aber zugleich eine neue Dimension hinzufgte: eine konomie des Krieges, die von den politischen und militrischen Eliten bis an die soziale Basis ein Interesse an seiner Fortsetzung schuf. In dieser Phase wurden Pakistan, die USA und eine Reihe islamistischer Organisationen aus dem Nahen und Mittleren Osten, wie auch westliche Hilfsorganisationen praktisch zu Kriegsparteien.

Die traditionellen Machtbeziehungen zwischen Stadt und Land, zwischen und innerhalb der verschiedenen ethnischen und religisen Gruppen waren zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen zerstrt, wie auch das diffizile Gleichgewicht zwischen Staat und Gesellschaft. Die allseitige Verfgbarkeit von Waffen fhrte zu zustzlicher Fragmentierung und der gewaltsamen Zuspitzung alter und neuer Konflikte, die man ansonsten auf friedliche Weise htte beilegen knnen. Insbesondere die geheime Infrastruktur zur Untersttzung der Mudschahedin durch diese selbst, das pakistanische ISI und die CIA wurde zunehmend mit einer mafiotischen verknpft, deren Kernelement im Drogenschmuggel bestand. In der Schluphase der sowjetischen Militrprsenz duplizierte sich hnliches auch auf der Seite der Kabuler Regierung und bei den abziehenden sowjetischen Truppen. Der sowjetische Rckzug und die resultierende Verminderung des US-Engagements bedeuteten, da der Konflikt von der Dimension des Stellvertreterkrieges zwischen den damaligen Supermchten befreit, und da seine externe Finanzierung drastisch vermindert wurde. An ihre Stelle traten allerdings eine verstrkte Betonung persnlicher, krimineller und ethnischer Konkurrenzen, die fr eine historische Phase in der Konstellation zwischen Prsident Rabbani und seinem Verteidigungsminister Masud einerseits (beide Tadschiken), dem paschtunischen Ministerprsidenten Hekmatyar als Fhrer der strksten Drogenmafia und zugleich der islamistischen Kaderpartei Hisb-i-Islami, und dem Usbekenwarlord Dostum verkrpert wurden.

Der Brgerkrieg zwischen diesen Akteuren (unter Beteiligung der schiitischen Wahdat) hatte nichts mehr mit dem Kampf gegen externe Besatzer und ebensowenig mit religisem bereifer zu tun, wenn letzteres auch aus Legitimationsgrnden weiter behauptet wurde. Er war kaum etwas anderes, als ein Kampf um persnliche Macht, der mit dem Streben nach Hegemonie der eigenen ethnischen Gruppe verknpft war.

Genau aus dieser Tatsache bezogen die Taliban ihre Strke, die ihnen bis zum Frhjahr 1997 einen kometenhaften Aufstieg ermglichte. Der berdru der Bevlkerung an der Fortsetzung eines sinnlosen Krieges, das Prestige der frhen Talibanbewegung als neu, unverbraucht, ber den diskreditierten Mudschahedinparteien stehend und tatschlich moralisch (nmlich religis) motiviert gaben den Taliban einen unschtzbaren politischen Wettbewerbsvorteil. Nicht ihre militrische Strke, sondern die vllige Diskreditierung, der moralische und politische Bankrott ihrer Gegner waren fr ihren Aufstieg verantwortlich. Erst durch ihre politisch-religise Rigorositt und den ethnischen Faktor kam ihr Vormarsch ins Stocken: Nachdem sie in kurzer Zeit die paschtunischen Siedlungsgebiete und die Hauptstadt Kabul unter ihre Kontrolle gebracht hatten, gelang ihnen jedes weitere Vordringen nur unter groen Schwierigkeiten und mit dramatischen Rckschlgen. Dies galt fr ihre Versuche, nrdlich von Kabul auf die Hochburg des tadschikischen Ahmed Shah Masud zu marschieren, und vor allem fr ihre politisch-militrische Katastrophe im Norden, in Mazar-i-Sharif. In beiden Fllen trafen sie auf eine skeptische, nicht-paschtunische Bevlkerung, deren Vorbehalte oder Widerstand mit Zwang, Gewalt und schlielich ethnischen Suberungen berwunden werden sollten. Damit wurden die ethnischen Aversionen aber nur vertieft und die Basis fr einen Erfolg der Taliban im Norden untergraben oder gar verspielt.

Gegenwrtig existieren fr die zuknftige Entwicklung des Landes folgende Alternativen:

a) Eine Einnahme des Nordens durch die Taliban auf militrischem oder politischem Wege, und damit die Einigung des Landes unter ihrer Fhrung. In diesem Falle sind mittelfristig eine Differenzierung und mglicherweise Fragmentierung der Taliban sehr wahrscheinlich, ebenso wie dauerhafter Widerstand gegen ihre Herrschaft, der sich am strksten in den nicht-paschtunischen Siedlungsgebieten ausprgen drfte.

b) Gegenwrtig unwahrscheinlich, aber nicht prinzipiell ausgeschlossen ist die Bildung einer Koalitionsregierung der jetzigen Kriegsgegner, falls sich keine der beiden Seiten durchzusetzen vermag. Das so entstehende Gleichgewicht wre allerdings sehr fragil und wrde nur funktionieren, wenn die Zentralregierung den nicht-paschtunischen Ethnien eine weitgehende Autonomie zugestnde.

c) Schlielich ist unter der Voraussetzung, da keine Seite zum Sieg fhig ist, auch eine Teilung des Landes in zwei oder mehr kleinere Staaten mglich: etwa die Bildung eines usbekischen oder usbekisch-tadschikischen Staates im Norden und eines paschtunischen im Rest des Landes – wobei die Stellung der schiitischen Hazara und anderer Minderheiten ungeklrt bliebe. Dieses Szenario entsprche in gewissem Sinne der Formalisierung der gegenwrtigen Realitten, und scheint damit realistischer als die beiden anderen.

In allen Fllen wird die zuknftige Entwicklung allerdings zum groen Teil davon abhngen, ob und in welchem Mae es den Taliban gelingen wird, ihre doktrinre Ideologie und rigide und brutale Praxis zu migen, und sich auf diese Weise wieder eine breitere soziale Basis zu verschaffen. Sie haben bereits bei einem groen Teil der Bevlkerung – auch der paschtunischen – ihren politischen Kredit verspielt, und damit ihrer Herrschaft einen Teil der Legitimation entzogen. Falls sie nicht einen integrativeren Kurs einschlagen werden, sind interne Auseinandersetzungen und Widerstand auch der Paschtunen bereits vorprogrammiert.

Jochen Hippler
 

Afghanistan: Von der "Volksdemokratie" zur Herrschaft der Taliban,
in: Betz, Joachim / Brne, Stefan (Hrsg.), Jahrbuch Dritte Welt 1998, Mnchen 1997, S. 165-184

siehe auch:

 

Jochen Hippler

„Bis zum letzten Afghanen“

Hintergrnde der USA-Politik gegenber Afghanistan – geschrieben 1989

Mitte Februar 1989 sind die sowjetischen Truppen vereinbarungsgem und pnktlich aus Afghanistan abgezogen. Die vllige Fixierung der westlichen Medien auf die sowjetische Rolle im afghanischen Krieg hat fr diesen Zeitpunkt zwei sehr irrefhrende Erwartungen erweckt: die berzeugung, da die Probleme des Landes und der Krieg hauptschlich durch die sowjetische Intervention verursacht worden seien, legte den Schlu nahe, da sie mit dem Abzug des sowjetischen Militrs nun im wesentlichen gelst wren. Und die Behauptung, die Regierung in Kabul sei ausschlielich von der Sowjetunion militrisch an der Macht gehalten worden, implizierte, da sie nun in allerkrzester Zeit zusammenbrechen msse. Dementsprechend vertraten die Mudjahedin und die US-Regierung ffentlich auch immer wieder: Der Sturz der Regierung (auf Gesinnungsdeutsch: des Regimes) sei nur eine Frage von Tagen, hchstens Wochen. Das aber ist zu bezweifeln.

Der Krieg in Afghanistan hat ein doppeltes Gesicht: Es handelt sich um einen Konflikt, der seine Dynamik aus der afghanischen Geschichte und Innenpolitik bezieht, und zwar nicht nur aus den Entwicklungen des letzten Jahrzehnts. Der Kampf lokaler, stammesfrmiger und politischkonomischer Interessen gegen Versuche einer staatlichen Zentralgewalt, das Land tatschlich zu regieren und gar zu modernisieren, reicht lange zurck. Und er war fast immer erfolgreich. Dieser Widerstand gegen die Modernisierung und staatliche Durchorganisation des Landes  beides genuin innerafghanische politische Strmungen, die weder in Moskau, noch in Washington erfunden werden muten  hat eine westliche (oder stliche) Modernisierung zwar verhindert, zugleich aber keine eigene, positive Perspektive oder Entwicklung hervorgebracht. Der innerafghanische Konflikt hatte schon gewaltsame Formen angenommen, lange bevor von Sozialismus in Afghanistan ernstlich geredet werden konnte. Die Versuche der Volksdemokratischen Partei Afghanistans (DVPA) seit dem April 1978, eine Modernisierung des Landes unter sozialistischen Vorzeichen nunmehr mit Zwang und Gewalt durchzusetzen, spitzten ihn schlielich dramatisch zu.

Gleichzeitig bietet Afghanistan ein Terrain fr die Auseinandersetzung zwischen den Weltmchten USA und Sowjetunion, ein Terrain, auf dem eine sogenannte Regionalkrise forciert wird, in der das Land selbst nur eine Statistenrolle spielt. Und vor diesem Hintergrund ist in letzter Zeit oft behauptet worden, der sowjetische Truppenabzug als Folge der Genfer Vertrge sei ein Modell fr die Beilegung anderer Regionalkrisen. Nichts wre weiter von der Realitt entfernt.

Die sowjetische Intervention in Afghanistan war fr das Land und fr die Sowjetunion selbst eine Katastrophe. Sie hatte etwa 15.000 tote SowjetSoldaten zur Folge und ein Mehrfaches an Verletzten und dauerhaft Verkrppelten. Der Unterhalt von 108.000 Soldaten ber mehr als neun Jahre unter schwierigen logistischen und topographischen Bedingungen erwies sich als eine schwere militrische und vor allem auch wirtschaftliche Brde, die die konomische Krise der Sowjetunion verstrkte. So wurde die dauerhafte Prsenz in Afghanistan zu einem politischen Problem, und zwar um so mehr, je deutlicher sich die Artikulationsmglichkeiten fr abweichende Meinungen ausweiteten. Je erfolgreicher Glasnost war, desto schwieriger wurde es, die Prsenz des sowjetischen Militrs in Afghanistan zu legitimieren.

Schlielich waren die auenpolitischen Kosten der Intervention betrchtlich:

Die Position der UdSSR in der Dritten Welt war auf Dauer geschwcht, insbesondere verschlechterten sich die Beziehungen zu den islamischen Staaten. Jedes Jahr verabschiedete die UN-Vollversammlung mit berwltigender Mehrheit Resolutionen (ca. 120 Lnder stimmten zu), die die Intervention verurteilten und den Abzug der Truppen forderten. Eine Belastung der konomischpolitischen Beziehungen zu den kapitalistischen Staaten Westeuropas und Nordamerikas kam hinzu. Da ein militrischer Sieg oder ein Erfolg nach dem Muster klassischer Counterinsurgency aussichtslos erschien, geriet die Sowjetunion zunehmend in den Zwang, sich aus dieser Lage lsen und nach Wegen eines Truppenabzugs suchen zu mssen, die den Schaden begrenzen wrden.

Sptestens seit 1983, verstrkt nach dem Amtsantritt Gorbatschows, hat sich die Sowjetunion bemht, sich mit den USA dahingehend zu verstndigen, da ein Truppenabzug dann erfolgen knnte, wenn die USA auf eine militrische Untersttzung der Mudjahedin verzichten wrden. Zunchst sollten diese Offerten noch an eine Anerkennung und Bestandsgarantie der afghanischen Regierung gekoppelt werden, eine Bedingung, die bald aber nicht mehr ernsthaft gestellt wurde.

Die US-Regierung war sich bezglich Afghanistans alles andere als einig: Eine Fraktion, die den Abzug der sowjetischen Truppen erreichen wollte, war bereit, gewisse Zugestndnisse zu machen, um ihrem Ziel nher zu kommen. Eine militantere Fraktion, die strker im Pentagon und in der CIA als im Auenministerum verankert war, hatte anderes im Sinn: Ihr ging es darum, die Sowjetunion in Afghanistan ausbluten zu lassen. Noch 1986 wurde mir von einem hochrangigen Gesprchspartner aus dem Pentagon erklrt, die US-Regierung wolle gar keinen Truppenabzug der Sowjetunion. Die Sowjets htten sich in eine unhaltbare und politisch wie militrisch kostspielige Lage gebracht, und es lge nicht im amerikanischen Interesse, sie daraus zu befreien. Wir werden die Sowjets in Afghanistan festnageln und ausbluten lassen und Wir kmpfen bis zum letzten Afghanen waren Formulierungen, die ebenso zynisch wie treffend die Politik der US-Administration beschrieben. Die militante Fraktion hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt im wesentlichen durchgesetzt, und erst im Zuge der Verbesserung des Verhltnisses zwischen USA und Sowjetunion und dem Ausscheiden wichtiger Falken aus der Regierung (Casey, Weinberger, Perle, Ikle, u.a.) wurde sie wieder in den Hintergrund gedrngt.

Die USA betrieben und betreiben in Afghanistan eine der grten CIA-Operationen ihrer Geschichte. Sie ist auf jeden Fall die umfangreichste seit dem Vietnamkrieg, mglicherweise noch umfassender. Die Untersttzung der Contras gegen Nicaragua war dagegen eine relativ bescheidene Angelegenheit. Wichtiger Bestandteil der Operation bildete von Anfang an die psychologische Kriegfhrung (PSYOP), die die Wahrnehmung des Krieges in der Weltffentlichkeit beeinflussen sollte  und dies auch erfolgreich getan hat. Ziel war, den Krieg in Afghanistan als einen guten Krieg (in den Worten eines hohen Beamten der US-Regierung) zu verkaufen, in dem eine Befreiungsbewegung (die Mudjahedin) gegen fremde  sowjetische  Invasionstruppen kmpfte, um die Unabhngigkeit ihres Landes zurckzuerlangen. Die vlkerrechtswidrige Intervention, die Bombardierungen aus der Luft und andere Praktiken des sowjetischen Militrs erleichterten diesen Versuch, den Krieg zum Kampf des Guten gegen das Bse zu stilisieren. Wie die Contras wurden auch die Mudjahedin zu Freiheitskrnpfern zurechtdefiniert. In Afghanistan ist es allerdings etwas schwerer, diese Darstellung als Propaganda zu erkennen. War es in Nicaragua von vornherein klar, da es sich bei den Contras um eine von den USA kontrollierte Sldnertruppe ohne nennenswerte soziale Basis im Land handelte, so traf das auf die Mudjahedin nicht zu: Unabhngig von ihrer massiven Untersttzung durch die US-Regierung waren sie in Afghanistan verankert und ein Produkt innerafghanischer Widersprche. In Afghanistan existierte also ein genuiner Widerstand gegen eine linke Regierung, und daneben gab und gibt es Gruppen, Organisationen und Parteien mit Sldnercharakter und einer entsprechenden Mentalitt.

Die Mudjahedin als Organisation wurden  nach Aussage des daran leitend beteiligten pakistanischen Generals Nasirullah Babar - 1973 von der pakistanischen Armee gegrndet. Kurz zuvor hatte Pakistan den Krieg gegen Indien verloren (und in der Folge seine stliche Staatshlfte), in den Nachbarlndern VR China und Sowjetunion schienen Vernderungen bevorzustehen, deren Auswirkungen man noch nicht absehen konnte. In dieser Situation sei dann auch noch Knig Zahir Shah im Nachbarland Afghanistan gestrzt worden, so da dort eine lngere Periode politischer Instabilitt zu erwarten war. Aus strategischen Grnden, so der General im November letzten Jahres [das Gesprch fand im November 1988 in Peshawar statt; JH 2001], habe die pakistanische Armee daher entschieden, in allen Provinzen Afghanistans eine militrische Option aufzubauen  nicht, um sofort Krieg zu fhren, aber um fr die Zukunft den eigenen Spielraum auszuweiten. So seien die Mudjahedin als organisierte und militrische Kraft entstanden, damals gefhrt von Rabbani, unter Mitarbeit von Hekmatyar, die beide noch heute eine fhrende Rolle spielen. Diese Organisation wurde vom pakistanischen Militr finanziert und bewaffnet und funktionierte bis 1977 als Unterorganisation des (pakistanischen) militrischen Geheirndienstes.

Mit dem Putsch General Zia Ul-Haqs wurde die Operation abgebrochen, weil dieser den strategischen Charakter nicht verstanden habe. Daraufhin spaltete sich die Organisation, da ihre unterschiedlichen Flgel nun zu verschiedenen Lndern und Geldgebern gingen, um sich zu finanzieren  das Ergebnis sind die sieben Parteien, die heute in Peshawar residieren. Erst im Juli 1979 sei die Operation wieder systematisch aufgenommen worden, und zwar auf Drngen der CIA. Die CIA hat sich damals an die pakistanischen Militrs gewandt, um sich Beratung, Untersttzung und Kontakte zu verschaffen, die eine Fortsetzung der Mudjahedinoperationen erlauben wrden. Diese CIA-gesteuerten Aktivitten begannen (nach ersten, noch zaghaften Versuchen 1978) in der zweiten Jahreshlfte 1979 und wurden hinter dem Rcken des eigenen Auenministeriums durchgefhrt. Im Verlauf der nchsten zwei oder drei Jahre ging der pakistanische Einflu langsam zurck, im gleichen Mae, in dem sich das CIA-Engagement vergrerte. Der Umfang der Untersttzung wuchs betrchtlich: Allein 1987 lag der Wert der Waffenlieferungen bei rund 700 Millionen Dollar, dazu kamen zivile, humanitre Hilfe, geflschte Banknoten, die den Mudjahedin einerseits lokale Whrung verschafften und zugleich die afghanische Wirtschaft untergruben.

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, in welchem Mae es den USA gelang, die Mudjahedin  und insbesondere die Siebenerallianz in Peshawar  als rundum positive Freiheitskmpfer zu verkaufen, die nur ihr Land von den sowjetischen Truppen befreien wollten. Schlielich hatten sie bereits vor der sowjetischen Intervention, Teile der Mudjahedin bereits vor der Regierungsbernahme durch die DVPA, einige Vorlufer sogar schon unter Knig Zahir Shah gekmpft, als weder der Antikommunismus, noch die Intervention als Legitimation zur Verfgung standen. Auch das entscheidende Engagement des pakistanischen Geheimdienstes und der CIA hinderten die amerikanische Administration und ihre Medien nicht, diese Krfte zur Nationalen Befreiungsbewegung zu ernennen. Regelmige Massaker gerade jener Gruppen, die am massivsten mit US-Waffen und CIA-Geld ausgestattet wurden, waren nicht einmal ein ernstes Public-Relations-Problem. Massaker an Zivilisten, Hutung von Gefangenen, Vergewaltigungen, alle mglichen Arten von Greueltaten, beispielsweise bei der vorbergehenden Einnahme der Stadt Kunduz im letzten Sommer, konnten das glnzende Image der Mudjahedin und der Siebenerallianz nicht ankratzen. So war die massive Untersttzung dieser Befreiungsbewegung im Gegensatz etwa zur Untersttzung der nicaraguanischen Contras in der US- oder der Weltffentlichkeit nie ein Problem. Der Kongre bewilligte mehr als einmal mehr Geld fr die Operation, als die CIA berhaupt wollte oder sinnvoll ausgeben konnte und die Regierung beantragt hatte. (Da 60-70 Prozent der Gelder dann in dunklen Kanlen verschwanden oder viele Waffen gleich auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden, war nicht weiter bedeutsam.) Es wurde tatschlich der gute Krieg, den man sich seit Vietnam gewnscht hatte.

Dieser wurde zunchst verdeckt, schrittweise aber immer offener gefhrt, insbesondere nachdem CIA-Direktor Casey im Mrz 1981 die Ausdehnung der Operation angeordnet hatte. Dabei muten Widerstnde der pakistanischen Regierung berwunden werden. Die Rekrutierung hoher Militrs fr die CIA  etwa des Generals und Chefs der Militrischen Operationen, Mian Mohammad Afzal  oder ein umfangreiches Paket militrischer und wirtschaftlicher Hilfe  3,2 Milliarden Dollar ber 6 Jahre  erwiesen sich hier als hilfreich, die von Reagan angebotene Stationierung US-amerikanischer Truppen in Pakistan lehnte Prsident und General Haq dagegen freundlich und bestimmt ab. Die daraufhin im Herbst 1981 zwischen Pakistan und den USA getroffene bereinkunft legte Pakistan auf eine dauerhafte und nachdrckliche Untersttzung der Mudjahedin fest. Zugleich wurde eine detaillierte Absprache ber die Logistik des Waffennachschubs getroffen: Die CIA transportierte ihr Arsenal nach Pakistan, den grten Teil per Schiff nach Karachi, die sensibleren Waffen per Flugzeug nach Peshawar. Dort bernahm die National Logistics Cell (NLC) des pakistanischen Geheimdienstes ISID (Interservice Intelligence Directorate). Die NLC war dann dafr zustndig, die Waffen ggf. nach Quetta oder Peshawar weiterzutransportieren und dort, unter Aufsicht der CIA, an die sieben lizensierten Mudjahedinparteien zu verteilen. Dabei wurden rund zwei Drittel an die fundamentalistische HisbiIslami des Islamistenfhrers Hekmatyar geliefert, deren militrische Kampfkraft die USA am hchsten einschtzten und die die pakistanische Regierung aus politischIdeologischen Grnden bevorzugte. (In letzter Zeit gibt es Hinweise dafr, da die USA bestimmte interne Kommandanten strker bercksichtigen mchten.) Ein Teil des Nachschubs wurde von der CIA  vermutlich ohne Kenntnis der Bundesregierung  ber die BRD abgewickelt, insbesondere die sensibleren Gter, wie beispielsweise die technisch hochentwickelten StingerFlugabwehrraketen. C5 Transportflugzeuge aus den USA machten zu diesem Zweck nicht selten Stop im Rhein-Main-Gebiet, andere Waffen, etwa Tellerminen, wurden aus CIAEinrichtungen bei Stuttgart in den Oman geflogen und von dort per Schiff nach Karachi gebracht.

Die Regierungen Afghanistans, Pakistans, der Sowjetunion und der USA einigten sich darber, da 1. die sowjetischen Truppen innerhalb von neun Monaten aus Afghanistan abgezogen werden mten, da 2. die Untersttzung der Mudjahedin oder jede Politik, die als Untersttzung aufgefat werden knnte, sowie jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans oder Pakistans einzustellen seien, und da 3. die Rckfhrung und Wiederansiedlung der Millionen Flchtlinge gemeinsam in Angriff genommen werden sollte. Auerhalb der offiziellen VertragsVereinbarungen kam es zu einem informellen Gentlemen's Agreement zwischen den USA und der UdSSR, das eine Politik positiver Symmetrie beinhaltete, also das Recht der USA, die Mudjahedin weiter in dem Mae zu beliefern, in dem die Sowjetunion die afghanische Regierung untersttzte.

Die Reagan-Administration hatte seit Jahren erfolgreich versucht, ein derartiges Vertragspaket zu verhindern. Bereits 1982/83 und 1985/86 wren entsprechende Vereinbarungen und damit ein Abzug der sowjetischen Truppen mglich gewesen  wie aus UNO-Vermittlerkreisen verlautete , wurden aber durch die US-Regierung torpediert, mal durch massiven Druck auf Pakistan, mal durch militante Erklrungen und eine Ausweitung eigener Waffenlieferungen. Erst die allmhliche Schwchung der Ausbluter-Fraktion in Washington und die allgemein sich entspannende internationale Lage im Zusammenhang mit den INF-Vertragsverhandlungen erlaubten es, 1988 doch einen entsprechenden Vertrag zu schlieen. Allerdings: Eine grundstzliche Umkehr der US-amerikanischen Politik war damit nicht verbunden. Auenminister Shultz erklrte anllich der Unterzeichnung der Genfer Abkommen, da die USA natrlich auch weiterhin das Recht htten, die Mudjahedin zu untersttzen und dies auch tun wrden. Tatschlich konnte von einer politischen Lsung des Konfliktes keine Rede sein, die Kmpfe flauten nicht ab, Waffenlieferungen wuchsen, statt sich zu verringern. Die CIA-Lieferungen an die Mudjahedin drften 1988, im Vorgriff und als Reaktion auf die Genfer Abkommen, bei etwa 1,5 Milliarden Dollar gelegen haben, vermutlich eher noch darber. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres wurden in aller Hast fr rund 500 Millionen Dollar Waffen geliefert, aufgrund der Eile vermehrt ber Frankfurt und Wiesbaden.

Es ist bemerkenswert, da die US-Regierung auch nach dem Rckzug der sowjetischen Truppen ihre Untersttzung der Mudjahedin nicht aufgegeben oder vermindert, sondern den Sturz der afghanischen Regierung zum Ziel erklrt hat. Damit wird noch einmal unterstrichen, da der bloe Abzug der Sowjetunion nicht der Kern US-amerikanischer Afghanistanpolitik gewesen ist. Dies war bereits im August 1979 mit schner Deutlichkeit in einem geheimen Bericht des US-Auenministeriums formuliert worden. Schon damals hie es: Der Sturz der Demokratischen Republik Afghanistan wrde dem Rest der Welt zeigen, insbesondere der Dritten Welt, da die sowjetische Sichtweise eines unvermeidbaren sozialistischen Ganges der Geschichte falsch ist. Das war tatschlich das zweite Hauptelement der US-amerikanischen Afghanistanpolitik: nach dem Festnageln und Ausbluten der UdSSR nun die Demonstration, da sich linke Regierungen in der Dritten Welt auch durch ein Bndnis mit der Sowjetunion nicht absichern knnten, und da die USA ber die Mittel und die Entschlossenheit verfgten, unliebsame Revolutionen rckgngig zu machen.

Die Sowjetunion konnte dieser Politik nicht sonderlich viel entgegensetzen. Sie hatte sich in politischer und militrischer Fehleinschtzung der Lage in diese Situation selbst hineinmanviert. Sie konnte den Krieg nicht gewinnen, und eine politische Stabilisierung der Demokratischen Volkspartei und ihrer Regierung war ihr miglckt. Interne Auseinandersetzungen bis hin zu Schieereien im Politbro der DVPA unterstrichen dies. Die Versuche, ber eine Politik der Nationalen Ausshnung oder diskrete Kontakte zu Mudjahedinfhrern eine breite Koalition zustande zu bringen, hatten daran nichts gendert. Mit dem Beginn des Truppenrckzuges verlor die Sowjetunion zunehmend an Verhandlungsstrke, da sie immer weniger anzubieten hatte. Als Pakistan und die USA offen die Genfer Vertrge und sogar die Politik positiver Symmetrie verletzten, konnte sie kaum etwas dagegen tun, auer zu protestieren. Ihre Reaktion bestand in hektischer Verhandlungsdiplomatie, die aber zu spt kam, in offensichtlich hilflosen Drohgebrden und in einer zeitlich begrenzten militrischen Eskalation durch Einfhrung von Scud-Raketen und MiG 27-Bomber, die allerdings militrisch praktisch bedeutungslos waren. Die einzige Alternative wre ein Abbruch des Truppenrckzugs gewesen, und dieser war weder politisch realistisch, noch bot er irgendeine Perspektive.

In der Tat war die CIA-Operation in Afghanistan nicht nur eine der grten Geheimdienstaktionen der Geschichte, sondern auch eine der erfolgreichsten. Der US-Regierung war es gelungen, die Sowjetunion weit lnger und unter hheren Kosten in Afghanistan festzunageln als diese es sich htte trumen lassen. Der US-Regierung war es gelungen, im Unterschied zu ihrem Engagement in Nicaragua die Politik geheimer Kriegfhrung in der eigenen ffentlichkeit und in den westlichen Medien populr und untersttzenswert erscheinen zu lassen. Damit hat sie Dmme gegen weitere verdeckte Aktionen in anderen Lndern (etwa Angola) gebrochen. Und der US-Regierung war es schlielich gelungen, die Sowjetunion in eine Position politischer und militrischer Hilflosigkeit hineinzumanvrieren, die praktisch in einem Rckzug um jeden Preis enden mute.

In der ffentlichkeit wird der sowjetische Truppenabzug nicht selten als Modell fr die Lsung weiterer Regionalkrisen begriffen. Das ist entweder Wunschdenken  die Sowjetunion wird nicht berall so in die Mangel genommen werden knnen, da sie die Kosten begrenzen und aufgeben mu. Oder es ist unsinnig, dann nmlich, wenn man glaubt, Diplomatie und friedliche Konfliktlsung htten den Truppenabzug bewirkt, den Krieg nunmehr beendet, den Konflikt gelst. Im Zuge des nicht stattfindenden Friedensprozesses ist der Krieg eskaliert worden, und die Supermacht USA hat sich im wesentlichen durchgesetzt  vorlufig. Der Krieg ist nicht durch den vorausgesagten Zusammenbruch des Kabuler Regimes beendet worden, und wird wohl noch einige Zeit weitergehen. Ein Scheitern der Regierung an ihren inneren Widersprchen ist nicht auszuschlieen, aber ein Zerfall der Mudjahedin-Allianzen und ein Krieg zwischen deren Bestandteilen ebensowenig. Die Libanonisierung Afghanistans ist nicht unwahrscheinlich, weil, unabhngig davon, wie lange der Krieg noch dauern und wer ihn gewinnen wird, keine politische Kraft in der Lage sein drfte, das ganze Land (oder zumindest seinen grten Teil) zu kontrollieren. Das ist die Folge sowohl der Fragmentierung der afghanischen Gesellschaft als auch der Politiken der Sowjetunion und der USA (von der VR China, Saudi Arabien und dem Iran zu schweigen).

Gegenwrtig mht sich die CIA, eine Vereinheitlichung der Mudjahedin zustande zu bekommen, deren Allianz nur durch den gemeinsamen Kampf gegen die Sowjetunion und durch Pressionen Pakistans und der USA zusammengehalten wurde und noch wird. Zugleich arbeitet sie daran, den erhofften bergang mglichst schnell und problemlos zu organisieren. Ein Sturm auf Kabul erscheint momentan weder politisch attraktiv, noch militrisch sonderlich vielversprechend. Daher soll versucht werden, die Regierung von innen zum Einsturz zu bringen, entweder durch die Organisierung von Aufstnden der stdtischen Bevlkerung in der Hauptstadt, oder durch eine Spaltung der Armee und einen Putsch, in dessen Verlauf einem Teil der Militrs eine Amnestie angeboten werden soll.

Quelle:

„Bis zum letzten Afghanen ..."
in: Konkret (Hamburg), April 1989, S. 28-31, leicht bearbeitet

siehe auch:

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andere Texte zum Nahen und Mittleren Osten, Islam
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US-Vlkerrechtler
 
"Dieser Krieg ist illegal"

Der renommierte amerikanische Vlkerrechtler Francis Boyle wirft der US-Regierung vor, mit den Angriffen auf
Afghanistan gegen die
Resolution des Uno-Sicherheitsrates zu verstoen. Selbst wenn es Beweise fr Bin Ladens Schuld gbe, msste
Bush nach dem
Vlkerrecht mit den Taliban ber eine Auslieferung verhandeln, sagt Boyle im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Herr Boyle, ist das bestehende Vlkerrecht berhaupt in der Lage, Anschlge wie die auf
New York und
Washington zu beurteilen?

Boyle: Auf jeden Fall. Die Angriffe haben eindeutig die Montreal-Konvention von 1971 zur Bekmpfung
widerrechtlicher
Handlungen gegen die Sicherheit der Zivilluftfahrt verletzt, die sowohl die USA als auch Afghanistan sowie
ber 150 andere
Staaten unterzeichnet haben. Dieses Abkommen bietet einen exzellenten juristischen Rahmen, um auf diese
Anschlge zu
reagieren.

                          SPIEGEL ONLINE: Vertrge klingen immer gut. Aber brauchen wir nicht - angesichts dieser
                          neuen Dimension des Terrors - eine internationale Organisation zu Bekmpfung des Terrorismus?

                          Boyle: Ich wrde nicht von einer neuen Dimension sprechen. Dieses Problem gibt es seit den
                          sechziger Jahren. Neu ist nur die groe Zahl der Opfer in den USA. Diese Zahl ist ohne Zweifel
                          schrecklich. Aber das Vlkerrecht kommt mit solchen Anschlgen zurecht - vorausgesetzt die
                          Regierungen stufen sie als terroristische Aktionen ein. Wenn wir sie dagegen als Kriegsakt
                          bezeichnen, geben wir Kriminellen eine Wrde, die ihnen normalerweise nicht zuteil wrde.

SPIEGEL ONLINE: US-Prsident George W. Bush hat die Anschlge als "Akt des Krieges" bezeichnet und nicht
als Terror-Aktion.

Boyle: Das waren eindeutig terroristische Akte, wie sie im amerikanischen Gesetz definiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn die Definition eines terroristischen Aktes?

Boyle: Dabei handelt es sich um nichtstaatliche Akteure, die Gewalt gegen zivile Objekte oder gegen Zivilisten
ausben mit der
Absicht, die Bevlkerung oder die Regierung in Angst zu versetzen.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Vlkerrecht gibt es eine solche Definition nicht.

Boyle: Es gibt keine von allen Seiten akzeptierte Definition. Aber die internationale Gemeinschaft hat sich darauf
verstndigt,
dass terroristische Anschlge illegal sind und als kriminelle Handlungen eingestuft werden sollen. Neben der
Montreal-Konvention
gibt es zum Beispiel das "bereinkommen zur Bekmpfung der Finanzierung des Terrorismus" von 1999 und die
"Konvention gegen
Geiselnahme" aus dem Jahr 1979.
 


            Ist die Vergeltung in dieser Form gerechtfertigt? Diskutieren Sie mit anderen SPIEGEL-ONLINE-Usern!
 

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Bush die Anschlge dann als kriegerischen Akt gewertet?

                      Boyle: Auf der ersten Pressekonferenz nannte er sie noch terroristische Akte. Dadurch unterlgen
sie der Durchsetzung
                      nationalen und internationalen Rechts. So wurde auch der Anschlag in Oklahoma behandelt, den
Timothy McVeigh 1995
                      verbte. Genauso eingestuft wurden auch die Anschlge auf die beiden US- Botschaften in Kenia
und Tansania. Aber
                      nach Beratung mit Auenminister Powell entschied Bush, die Anschlge einen "Act of War" zu
nennen und mit militrischen
                      Mitteln zu reagieren.

                      SPIEGEL ONLINE: Aber der amerikanische Kongress hat dem zugestimmt!

                      Boyle: Ja, leider. Nachdem Bush seine Rhetorik eskaliert und die Anschlge mit dem japanischen
Angriff auf Pearl Harbor
                      im Jahre 1941 gleichgesetzt hatte, schloss sich der Kongress dem Prsidenten an und autorisierte
ihn, militrische Mittel
                      einzusetzen. Diese Resolution war sogar schlimmer als die Tonkin Gulf Resolution, die Prsident
Johnson 1964 erwirkte, um
                      den Krieg in Vietnam zu fhren.

                      SPIEGEL ONLINE: Auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat Bush freie Hand gegeben.

Boyle: Das stimmt nicht. Die erste Resolution des Sicherheitsrats vom 12. September sprach von einem
terroristischen
Anschlag. Es war nie die Rede von einem bewaffneten Angriff. Erst dadurch wre Artikel 51 der Uno-Charta zum
Tragen
gekommen...

SPIEGEL ONLINE: ...der jedem Staat das Recht auf Selbstverteidigung einrumt.

Boyle: Bush versuchte die Zustimmung fr militrische Gewalt zu bekommen und scheiterte. Er wollte vom
Sicherheitsrat
eine hnliche Resolution bekommen wie sein Vater im Golfkrieg. Bush senior wurde damals ermchtigt, zur
Vertreibung
des Iraks aus Kuweit "alle notwendigen Mittel" zu benutzen. Am 28. September scheiterte Bush erneut. Am 7.
Oktober
schickte dann der amerikanische Botschafter bei der Uno, John Negroponte, einen Brief an den Sicherheitsrat,
der
mitteilte, dass die USA ihr Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nehmen. Aber dies ist ganz eindeutig kein
Fall von
Selbstverteidigung. Nach den Regeln des Vlkerrechts ist dieser Krieg illegal.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Boyle: Es gibt keinen Beweis dafr, das die Regierung in Afghanistan die Anschlge in New York autorisierte
oder billigte. Die
Angriffe auf Afghanistan sind bestenfalls Vergeltung.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch wohl Beweise, dass Bin Laden die Anschlge in Auftrag gegeben hat. Und
er handelte
schlielich von afghanischem Territorium aus.

Boyle: Dafr gibt es keinen Beleg. Auenminister Powell versprach ein so genanntes "White Paper", in dem er die Beweise
darlegen wrde. Bush untersagte ihm das. Aber in einem Interview mit der "New York Times" sagte Powell, dass
es gegen Bin
Laden nicht einmal Indizien gebe. Das ist ein Rechtsfall, der nicht einmal vor einem normalen Strafgericht
standhalten wrde.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Nato-Staaten haben die Unterrichtung durch den Sondergesandten Taylor als
Beweis akzeptiert.

Boyle: Nach Aussage eines westlichen Diplomaten legte Taylor in der Sitzung des Nato-Rates keinerlei Beweise vor, dass Bin Laden die Anschlge anordnete oder die Taliban davon wussten. Beweise waren auch nicht wichtig, weil sich
Bush ohnehin schon fr den Krieg entschieden hatte.

SPIEGEL ONLINE: Aber spielt das denn eine Rolle? Der Nato-Rat akzeptierte den US-Bericht und rief den
Bndnisfall aus.

                        Boyle: Die Nato tut stets, was die USA von ihr verlangen. Die Allianz wurde gegrndet, um Europa
gegen einen Angriff der Sowjetunion zu verteidigen. Mit dem Kollaps des Warschauer Paktes war die Existenzgrundlage der Nato
                        verschwunden. Bush senior brachte den Nato-Rat dazu, zwei neuen Legitimationsgrnden fr die
Nato zuzustimmen. Sie sollte einerseits als eine Art Polizei in Osteuropa dienen. Andererseits sollte sie als
Interventions-Truppe im Nahen Ostenfungieren, um lreserven zu schtzen.

                        SPIEGEL ONLINE: Aber beim Washingtoner Gipfel 1999 schlossen die Nato-Mitgliedslnder auch den Kampf gegen den Terrorismus in ihre Ziele ein.

                        Boyle: Der Nato-Vertrag wurde niemals um dieses Ziel erweitert. Der Vertrag wurde ursprnglich auf Basis von Artikel 51 der Uno-Charta geschlossen. Also kann der Bndnisfall nur eintreten im Falle eines bewaffneten
Angriffs eines Staates auf ein Nato-Mitglied. Deshalb hatte die Nato auch kein Recht, Jugoslawien zu bombardieren, weil Serbien die Nato vorher nicht angegriffen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie htte denn die US-Regierung reagieren sollen?

Boyle: Sie htten auf der Basis der Montreal Sabotage Convention Verhandlungen erffnen sollen. Das passierte zum Beispiel mit Libyen im
Lockerbie-Fall. Vor dem 11. September hat die US-Regierung ja auch mit den Taliban ber eine Auslieferung Bin Ladens verhandelt wegen der
Anschlge auf die US-Botschaften in Afrika und wegen der inhaftierten Shelter-Now-Mitarbeiter. Die Taliban waren damals bereit, Bin Laden an ein
islamisches Land auszuliefern und auf Basis der islamischen Scharia anzuklagen. Nach dem 11. September machten sie weitere Konzessionen: Bin
Laden knnte an ein neutrales Land ausgeliefert werden. Sie bestanden nicht mehr lnger auf einem islamischen
Gerichtsverfahren, forderten aber
Beweise. Die Taliban haben sich an die Anforderungen des internationalen Rechts gehalten, Bush leider nicht.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass die Angebote der Taliban ernst gemeint waren?

Boyle: Wie gesagt: Vor dem 11. September haben die USA auch mit den Taliban verhandelt. Und 1996 schickte
Prsident Bill
Clinton einen Diplomaten nach Afghanistan um ber die Anerkennung der Taliban-Regierung zu verhandeln.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das Vlkerrecht so eindeutig ist - warum ignorieren die Vereinigten Staaten es dann?

Boyle: Ich glaube, dass sich die US-Regierung bereits vor dem 11. September fr einen Krieg gegen Afghanistan
entschieden
hatte.

SPIEGEL ONLINE: Aber mit welchem Ziel?

Boyle: Die l- und Erdgasreserven in Zentralasien sind die zweitgrten nach denen im Persischen Golf. Nach
dem Kollaps der
Sowjetunion nahm die US-Regierung sofort diplomatische Beziehungen zu den zentralasiatischen Staaten auf.
Politiker wie der
ehemalige Verteidigungsminister Caspar Weinberger sagten, dass die lfelder Zentralasiens zum vitalen
Interesse der
Vereinigten Staaten gehren...

SPIEGEL ONLINE: ...und die amerikanische lgesellschaft Unocal verhandelte mit den Taliban ber eine Pipeline
aus
Zentralasien durch Afghanistan nach Pakistan...

Boyle: Die US-Regierung wollte nicht, dass irgendeine Pipeline durch Russland oder Iran laufen wrde. Die
billigste und einfachste Route luft durch
Afghanistan. Auerdem gibt es dort selbst auch lreserven. l und Gas sind die wahren Interessen der
US-Regierung, nicht Bin Laden.

Das Interview fhrte Christoph Schult. 
  In SPIEGEL ONLINE:

                   Essay von Arundhati Roy: Krieg ist Frieden
                   http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,165236,00.html
                  ˇ
                   Dubai: CIA-Agent soll Bin Laden im Juli getroffen haben
                   http://www.spiegel.de/politik/europa/0,1518,165351,00.html
                  ˇ
                   Terror-Prvention: Flugraum ber Atomkraftwerken in den USA gesperrt
                   http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,165339,00.html
                  ˇ
                   US-Regierung: Bin Laden plant weiteren Anschlag
                   http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,165307,00.html
                  ˇ
                   SPIEGEL-ONLINE-Debatte: Wohin fhrt dieser Krieg?
                   http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,162897,00.html
 
 

       Im Internet:

                   Die UNO-Abkommen gegen den Terrorismus
                   http://www.uno.de/frieden/terrorismus/flyer.htm
                  ˇ
                   Die Charta der Uno (Artikel 51)
                   http://www.uno.de/charta/charta.htm#7
                  ˇ
                   Die Uno-Resolution vom 12. September 2001 (pdf-Datei)
                   http://www.un.org/Docs/scres/2001/res1368e.pdf
                  ˇ
                   Die Uno-Resolution vom 28. September 2001 (pdf-Datei)
                   http://www.un.org/Docs/scres/2001/res1373e.pdf
                  ˇ
                   Die Uno-Resolution gegen den Irak 1990 (pdf-Datei)
                   http://www.un.org/Docs/scres/1990/660e.pdf
                  ˇ
                   Vietnam: Die Kriegsresolution im Original
                   http://www.congresslink.org/lessonplans/Gulf.jpg
                  ˇ
                   Homepage von Francis Boyle
                   http://194.109.221.180/francisboyle/
 
 
 
 
 
 
 


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