Das Ende der Menschlichkeit
Der Weg in den Krieg und zum Genozid 
 
Von Prof. Dr. Dietrich Eichholtz 
 
Es gibt Historiker, deutsche und auslndische, die behaupten, die Hitler-Regierung sei bis zum Krieg, jedenfalls bis 1938, eine normale europische Regierung gewesen; sie habe Deutschland mit durchaus zu akzeptierenden Mitteln national befreien (Ernst Nolte) und wieder zu Gre und Ansehen fhren wollen. Was fr eine Fehlleistung, was fr eine schndliche Tuschung des Publikums!
Seit dem 30. Januar 1933 fiel diese Regierung ganz abgesehen von der rassistischen Verfolgung von Juden mit blutigem Terror ber Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Pazifisten, alle Antifaschisten her. Vom ersten Tage an bereitete sie jenen Revanche- und Eroberungskrieg groen Mastabs vor, ber den Hitler schon oft genug mit aller wnschenswerten Offenheit geredet und geschrieben hatte. Der Fhrer war sich hierin einig nicht nur mit dem engeren Kreis seiner Paladine, willigen und skrupellosen Erfllungsgehilfen, sondern vor allem auch mit der Crme der politischen, militrischen und wirtschaftlichen Eliten. Ihre schon frh gestellten Forderungen waren jetzt Regierungsprogramm: Beseitigung der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften und der von ihnen erkmpften sozialen und demokratischen Errungenschaften, Auslschung der Niederlage im Weltkrieg 1914-1918, Vorbereitung eines erneuten Griffs nach der Weltmacht.
Am 3. Februar 1933, vier Tage nach seiner Ernennung, legte der neue Reichskanzler vor der Reichswehrgeneralitt die Marschroute fr die knftige rabiate Aufrstungs- und Auenpolitik dar: Erst die Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel und der Aufbau der Wehrmacht, dann die Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rcksichtslose Germanisierung. Im Ostraum, aber auch im brigen Europa und in einem erweiterten deutschen Kolonialreich hatten die Militrs und die Wirtschaftsbosse schon seit langem die Ziele eines neuen Krieges ausgemacht. Sie wussten allerdings, besser als Hitler, dass Deutschland vorlufig fr einen modernen Krieg selbst nur begrenzten Umfangs nicht gerstet war. Aber die Diktatur machte ihnen auen- und innenpolitisch den Weg zur Hochrstung frei. So entstand in wenigen Jahren ein stark motorisiertes Massenheer, fast aus dem Nichts eine bedrohliche Luftwaffe und eine ber- und Unterwasserstreitmacht, die der britischen Flotte standhalten sollte.
Der Eindruck, der spter aufkam, nmlich dass ganz Deutschland begeistert Hitler in den verbrecherischen Krieg gefolgt sei, ist falsch. Was die Masse der arbeitenden Bevlkerung betraf, so war sie freilich gefgig gemacht worden. Ein erheblicher Teil hing sogar glubig dem falschen Fhrer und Propheten an. Nicht nur der Terror hatte sie eingefangen, der jeden Nichtangepassten bedrohte. Es war der wirtschaftliche Aufschwung, das heit die Rstungskonjunktur, die die Arbeitslosen zur Arbeit oder in die Armee holte; es waren die auenpolitischen Erfolge des von kurzsichtigen auslndischen Politikern gefrderten Hitler; es war die gefhrliche Propaganda, das Geschrei von der Volksgemeinschaft und von dem deutschen Anspruch auf Weltgeltung, das zugleich Feindbilder prgte: Juden, Bolschewiken, Plutokraten. Ungezhlte Handlanger, Denunzianten, Mordgehilfen rekrutierte der Faschismus aus dem Bodensatz der Gesellschaft. Verblendung, Dummheit und Verrohung nahmen schrecklich zu. Aber falsch bleibt es zu glauben, dass die breite Bevlkerung auch nur die geringste Lust auf Krieg hatte, geschweige denn auf einen groen, risikoreichen.
Das war ganz anders bei jenen, die Hitler die Mittel zum Kriegfhren schufen: die Militrs, das groe Kapital und die Diplomatie. Seit 1938, nach der Annexion sterreichs und des Sudetengebiets, als die letzten Skeptiker in diesen Kreisen verstummt oder kaltgestellt worden waren, beschftigten sich alle mit Kriegszielen: mit dem Erdl Galiziens und des Kaukasus, der Kornkammer der Ukraine, mit einem riesigen subsaharischen Kolonialreich, mit der Zwangsarbeit fremder Vlker im Growirtschaftsraum. Nicht einmal sehr geheim ging es dabei zu, so dass auch ein Auslnder wie der prominente Schweizer Diplomat Carl J. Burckhardt in Berlin interessante Unterhaltungen hatte (Dezember 1938): Beilufig, aber wiederholt sprach man von der Ukraine, sogar von Baku! was mir vom geographischen Standpunkt aus ziemlich verwegen erscheint... Und 1940, nach dem Sieg in Westeuropa, tauchten dann auf einmal jene monstrsen Neuordnungs- und Weltherrschaftsplne der Grokonzerne und der groen Industrieverbnde auf, die offenbar schon seit den Jahren des Ersten Weltkrieges in den Schubladen geschmort hatten und jetzt in Eile auf den neuesten Stand gebracht worden waren.
Rassismus und Antisemitismus gehrten zur geistigen Aufrstung und zur psychologischen Kriegfhrung ebenso wie Antikommunismus und Antibolschewismus. Aus dem Wust dieser und anderer reaktionrer Ideenkonstrukte und Konzepte hatten Hitler und seine Ko-Ideologen ihre Vlkermordkonzeption destilliert. Der Kampf gegen die jdische Weltbolschewisierung und die Verdrngung und Vernichtung von minderwertigen Rassen und Vlkern waren bei Hitler stets verschrnkt mit der Gewinnung von Lebensraum, mit dem Kampf um lfelder, Gummi, Erdschtze usw. (23. 11. 1939).
Die Rassenkriegsideologie hatte also den Effekt, das Volk fr den Krieg um Lebensraum, das heit fr imperialistische Ziele, reifzumachen und zu disziplinieren. Auch fr ihre Urheber selbst begrndete sie den hheren Sinn des Krieges und der Kriegsverbrechen als Kampf der berlegenen Herrenrasse gegen niedere Rassen. Rassenideologie und Vernichtungspolitik hatten ferner einen durchaus rationalen Kern: die dauernde Sicherung (ein Lieblingsbegriff der NS- und militrischen Fhrung) der zu erobernden Herrschaftsgebiete gegen jeglichen realen oder potenziellen Widerstand der Unterdrckten. Und so sah das Endresultat jenes 30. Januar 1933 zwlf Jahre spter aus: Fast vierzig Millionen Tote in Europa (ohne Vermisste), Brand- und Schdelsttten tausendfach; allein zehn Millionen wehrlose Ermordete, darunter ganze Vlker und Rassen mitsamt Frauen und Kindern. Niemand wird je die Zahl der Umgebrachten exakt bestimmen knnen.
Aber von den grten Verbrechen sind Zahlen bekannt: Fnf bis sechs Millionen Juden sind umgebracht worden, davon die Hlfte in den Vernichtungslagern, ber eine Million in der UdSSR, eine Million in den Konzentrationslagern und bei der Zwangsarbeit, 700000 in fahrbaren Gaswagen. Sinti und Roma wurden in Deutschland und im ganzen besetzten Europa systematisch umgebracht. Ihre Gesamtzahl ist unsicher, liegt wahrscheinlich ber 500000. Von insgesamt 5,6 bis 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sind 3,3 Millionen in deutschen Kriegsgefangenenlagern, KZ- und Arbeitslagern umgekommen, wenn nicht direkt ermordet, dann durch Hunger und Krankheit. Schwer zu beziffern sind die Morde an jenen sowjetischen Zivilisten, die SS und Wehrmacht bei ihren Vernichtungsaktionen gegen die Partisanen umgebracht haben. Jedenfalls geht ihre Zahl in die Hunderttausende. Himmlers oberster Bandenbekmpfer, SS-Obergruppenfhrer von dem Bach, erklrte spter vor Gericht, dass der Kampf gegen die Partisanenbewegung ein Vorwand fr die Ausrottung der slawischen und jdischen Bevlkerung war. Die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht forderte etwa 700000 zivile Opfer in der Stadt, die an Hunger und Klte zu Grunde gingen. Die Bevlkerung der sowjetischen Millionenstdte auszuhungern oder anders zu vernichten, war ein Grundbestandteil der Strategie Hitlers und der Wehrmachtsfhrung. Ihre Liquidierung sollte, so Hitler, eine Volkskatastrophe auslsen, die nicht nur den Bolschewismus, sondern auch das Moskowitertum der Zentren beraubt. In Stalingrad wre, nach Einnahme der Stadt, die gesamte mnnliche Bevlkerung beseitigt, die brige zur Zwangsarbeit abtransportiert worden. Hinzu kommen die Euthanasie-Opfer, in Deutschland etwa 190000, wahrscheinlich einige hunderttausend erschossener Widerstandskmpfer und Geiseln im besetzten Europa, die Shnemorde an ganzen Dorfeinwohnerschaften in Griechenland, Frankreich und anderswo und nicht zuletzt die deutschen Nazigegner, die unter den allerersten und unter den letzten Opfern waren

 

 

 

In Neonazikreisen versucht man hufig, viele Verbrechen der SS und der Wehrmacht mit der "Haager Landkriegsordnung" zu rechtfertigen. Man sagt dort z.B.: Einzelmorde, Massaker und massenhafte Geiselerschiessungen von Unschuldigen, von Verdchtigen und von Kriegsgefangenen wren durch Verste des Gegners gegen die Haager Landkriegsordnung gerechtfertigt. Man unterschlgt dabei jedoch, da die Sowjetunion die Haager Landkriegsordnung nicht unterzeichnet hatte und die Nazis damit auf dem Gebiet der Sowjetunion zu keinen solchen Praktiken wie Geiselerschiessungen, Abschreckungsmassnahmen, usw. htten greifen drfen und die Nazis selbst hufig die Landkriegsordnung verstieen, auf die sie sich beriefen. Vllig willkrlich und selektiv handhabten die Nazis das damalige Kriegsrecht, ebenso willkrlich mibrauchen es die Neonazis fr Rechtfertigungen der Kriegsverbrechen. Fr eine andere Art der Rechtfertigung nutzen die Neonazis gerade den Fakt, da die UdSSR der Haager Landkriegsordnung und dem Genfer Abkommen fr Kriegsgefangene nicht beigetreten war, wodurch dann als rechtens unterstellt wird, da Hitlerdeutschland im Krieg gegen die UdSSR zu deren Einhaltung nicht verpflichtet war.

Verflscht wird dabei, da der am 1. September 1939 begonnene Krieg auch vor dem 22. Juni 1941 kein vlkerrechtskonformer Normalkrieg war, sondern bereits am ersten Tag mit Kriegsverbrechen begann, nmlich mit der Bombardierung der offenen Stadt Warschau. Verschwiegen wird, da die UdSSR-Regierung erklrte, sie wollte sich, obwohl den genannten Abkommen bisher nicht beigetreten, sehr wohl an sie halten.

Auch in den brigen besetzten Lndern, die diese Landkriegsordnung unterzeichnet hatten, gingen die Verste gegen diese und andere Ordnungen und Gesetze zuerst immer von der SS und Wehrmacht aus.

Der Bruch von nationalen und internationalen Gesetzen und Vertrgen durch Hitlerdeutschland begann schon lange vor dem Bruch des Nichtangriffsvertrages mit der UdSSR ,lange vor 1941. Beispiele sind:

++ der vielfache Bruch des Versailler Vertrages,
++Anznden des Reichstages und der darauffolgende Terror durch die SA und
NSDAP
++ der Bruch des Mnchner Abkommens (durch die Annexion der gesamten
Tschecheslowakei,
++Annexion sterreichs,
++Bombardierung von Warschau, seit 1939 bis 1945 wurden dann 20 % bis 25 %
der polnischen Bevlkerung umgebracht
++ethnische Suberungen in ganz Europa,
++ alle europischen Kriege zwischen 1914 und 1945 sind von Deutschland,
sterreich und Italien ausgegangen und stellen schon an sich einen Bruch
internationalen Rechts dar,
++ der Bruch der Haager Landkriegsordnung durch Bombenterror zuerst auf
die spanische Republik (Guernica) und spter auf andere Lnder (Coventry,London,Warschau, u.a.),
++ der Bruch der Haager Landkriegsordnung und anderer Vertrge und Gesetze
durch Massenmorde, unmenschliche Manahmen und Massaker innerhalb und
ausserhalb von Deutschland an politisch Andersdenkenden, Kriegsgegnern ,
Kriegsdienstverweigerern, SPD und KPD-Mitgliedern, Gewerkschaftern,
politischen Funktionren, an der geistigen Fhrungsschicht annektierter Lnder, an Kranken, Behinderten, an Homosexuellen, an Sinti, Roma, Juden, an rassisch Verfemten und "nichtarischen" Vlkern ("Untermenschen"), an Kriegsgefangenen usw. ,
++Landfriedensbruch gegen die annektierten Lnder,
++der vlkerrechtswidrige Barbarossa-Befehl Hitler, der
vlkerrechtswidrige und kriegsrechtswidrige Kommissarsbefehl
(Kommunistenbefehl) Hitlers,
++vlkerrechtswidrige Verordnungen,Weisungen z.B. gibt es einen Vermerk
ber Ausfhrungen des Reichsmarschalls Gring vom 24. September 1942, nach
denen die"Ostlegionre"(Einheiten aus Kollaborateuren) in den ihnen
zugewiesenen Gebieten morden, brennen und schnden durften;
++millionenfacher Hausfriedensbruch in den annektierten Lndern,
++Bruch zahlreicher Landesgesetze in den annektierten Staaten (z.B.
Entfhrung, Verschleppung, Geiselnahme, Zwangsarbeit, Enteignungen,
absichtliches Verhungernlassen von Stdten und Drfern, Diebstahl, Raub
("Requirieren", "Beschlagnahme"), massenhafte Sachbeschdigung, "verbrannte
Erde", Plnderungen, Folterung, biologische Experimente, Verstmmelung,
grausame und unmenschliche Behandlung, Morde, Massenmord, Vergewaltigungen,
Vertreibungen ("Umsiedlungen",Deportation,Ghettos)),
++zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Vlkerrecht in
den KZs;
++Die Haager Landkriegsordnung verbot kategorisch den
Zwangsarbeitereinsatz von Zivilpersonen aus eroberten Gebieten. Die
Zwangarbeit durch die Hitlerfaschisten war systematisches Unrecht, die
Anschlge auf das Leben der Zwangsarbeiter ein Verbrechen
(Allein aus der Ukraine wurden ber zwei Millionen Menschen als
Zwangsarbeiter ins Reich transportiert.);
++Zwangsabtreibungen bei Zwangsarbeitern, Trennung der Kinder von ihren
Eltern, zwangsweise Kinderarbeit, Massenmorde an Kindern und Frauen in
KZs und ausserhalb in den annektierten Staaten und in Deutschland;
++Bruch aller Religionsgesetze der katholischen und evangelischen und
orthodoxen Kirchen;
....

Man sieht, wer mit unzhligen Gesetzesbrchen und Vertragsbrchen begonnen und gewtet hat- die Hitlerfaschisten, in allen Lndern in denen sie waren und nicht zuletzt auch in Deutschland selbst, wo sie mit ihren Gesetzesbrchen begannen

Ebenso hat ja auch die BRD nach 1990 zahlreiche Vertrge, Abkommen und Gesetze gebrochen beim Krieg gegen

Jugoslawien, Afghanistan, hat den Einigungsvertrag und den 2+4 Vertrag mehrfach gebrochen(z.B."von deutschem Boden geht kein Krieg mehr aus"), den

UNO-Vertrag, die Genfer Konvention, das Potsdamer Abkommen, den NATO-Vertrag, das Vlkerrecht, das eigene Grundgesetz und Strafgesetz, und nicht zuletzt die Haager Landkriegsordnung (z.B. in Jugoslawien durch

Bombenterror auf Zivilisten und Stdte und zivile Infrastrukturen wie Krankenhuser, Kraftwerke, Wasserversorgung, Stromversorgung, zivile Radio- und Fernsehstationen, Untersttzung von Terroristen, radioaktive Geschosse("schmutzige Bomben"),Streubomben, Splitterbomben, ...; in Afghanistan durch die KSK-Todeskommandos, ...).

 

Aktennotiz ber eine Besprechung der Hitlerschen Staatssekretre vom 2.5.1941
1. Der Krieg ist nur weiter zu fhren, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Ruland ernhrt wird.
2. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das fr uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.
3. Am wichtigsten ist die Bergung und Abtransport von lsaaten, lkuchen, dann erst Getreide. Das vorhandene Fett und Fleisch wird voraussichtlich die Truppe verbrauchen.
4. Die Beschftigung der Industrie darf nur auf Mangelgebieten wieder aufgenommen werden, z.B. die Werke fr Verkehrsmittel, die Werke fr allgemeine Versorgungsanlagen (Eisen), die Werke fr Textilien, von Rstungsbetrieben nur solche, bei denen in Deutschland Engpsse bestehen."

Quelle:
Ueberschr Gerd R. u. Wolfram Wette (Hg.): "Unternehmen Barbarossa". Der deutsche berfall auf die Sowjetunion 1941. Berichte, Analysen, Dokumente. Paderborn 1984, S. 377 (Aktennotiz) u. S. 387 ff. (Richtlinien).

 

Hitlers Vorgaben zum Vernichtungskrieg

Notizen von Generaloberst Halder aus Hitlers Ansprache vom 30.3.1941 vor 250 Generlen und hohen Offizieren:
"Unsere Aufgaben gegenber Ruland: Wehrmacht zerschlagen, Staat auflsen (...) Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander. Vernichtendes Urteil ber Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr fr die Zukunft. Wir mssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrcken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf (...) Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz."

Quelle:
Halder, Generaloberst (Franz): Kriegstagebuch. Tgliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939-1942.
Bd. 1-3, Stuttgart 1962-64, hier Bd. 2, S. 335 ff.

 
"Lebensraum" im Osten

Hitler in "Mein Kampf" 1925/26:
"Deutschland wird entweder Weltmacht oder berhaupt nicht sein. Zur Weltmacht aber braucht es jene Gre, die ihm in der heutigen Zeit die notwendige Bedeutung und seinen Brgern das Leben gibt. Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewut einen Strich unter die auenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Sden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schlieen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen ber zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, knnen wir in erster Linie nur an Ruland und die ihm untertanen Randstaaten denken. Das Schicksal selbst scheint uns hier einen Fingerzeig geben zu wollen. Indem es Ruland dem Bolschewismus berantwortete, raubte es dem russischen Volk jene Intelligenz, die bisher dessen staatlichen Bestand herbeifhrte und garantierte."
Quelle:
Hitler, Adolf: Mein Kampf. Bd. 2. 25./26. Aufl. Mnchen 1933, S. 742. - Hitler hat den 1. Band von "Mein Kampf" whrend seiner Landsberger Haft (1924) geschrieben und den 2. Band 1926 abgeschlossen.

 

Wirtschafts- und Hungerpolitik


Aus Grings wirtschaftspolitischen Richtlinien vom 8.11.1941:
"Auf lange Sicht gesehen werden die neubesetzten Ostgebiete unter kolonialen Gesichtspunkten und mit kolonialen Methoden wirtschaftlich ausgenutzt. Das Schwergewicht aller wirtschaftlichen Arbeit liegt bei der Nahrungsmittel- und Rohstoffproduktion. Durch billige Produktion unter Aufrechterhaltung des niedrigen Lebensstandards der einheimischen Bevlkerung sind mglichst hohe Produktionsberschsse zur Versorgung des Reiches und der brigen europischen Lnder zu erzielen. Auf diese Weise soll neben mglichst weitgehender Deckung des europischen Nahrungsmittel- und Rohstoffbedarfs gleichzeitig fr das Reich eine Einnahmequelle erschlossen werden, die es ermglicht, einen wesentlichen Teil der zur Finanzierung des Krieges aufgenommenen Schulden unter mglichster Schonung des deutschen Steuerzahlers in wenigen Jahrzehnten abzudecken (...) Versorgung der Bevlkerung: (...) Die stdtische Bevlkerung kann nur ganz geringfgige Lebensmittelmengen erhalten. Fr die Grostdte (Moskau, Leningrad, Kiew) kann einstweilen berhaupt nichts getan werden. Die sich hieraus ergebenden Folgen sind hart, aber unvermeidlich (...) Die in unmittelbarem deutschen Interesse arbeitenden Menschen sind durch unmittelbare Nahrungsmittelzuteilungen in den Betrieben so zu ernhren, da ihre Arbeitskraft einigermaen erhalten bleibt (...) Gewerbliche Wirtschaft (...) In erster Linie steht das Erdl (...)".
Quelle:
Ueberschr Gerd R. u. Wolfram Wette (Hg.): "Unternehmen Barbarossa". Der deutsche berfall auf die Sowjetunion 1941. Berichte, Analysen, Dokumente. Paderborn 1984, S. 377 (Aktennotiz) u. S. 387 ff. (Richtlinien).

 
Verbrecherische Befehle


Aus den Richtlinien fr die Behandlung politischer Kommissare vom 6.6.1941:
"Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundstzen der Menschlichkeit oder des Vlkerrechts nicht zu rechnen. Insbesondere ist von den politischen Kommissaren aller Art als den eigentlichen Trgern des Widerstandes eine haerfllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen zu erwarten (...) Die Urheber barbarisch-asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare. Gegen diese mu daher sofort und mit aller Schrfe vorgegangen werden. Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundstzlich sofort mit der Waffe zu erledigen (...) Politische Kommissare als Organe der feindlichen Truppe sind kenntlich an besonderen Abzeichen - roter Stern mit goldenem eingewebtem Hammer und Sichel auf den rmeln (...) Sie sind aus den Kriegsgefangenen sofort, d.h. noch auf dem Gefechtsfelde, abzusondern. Dies ist notwendig, um ihnen jede Einflumglichkeit auf die gefangenen Soldaten zu nehmen. Diese Kommissare werden nicht als Soldaten anerkannt; der fr Kriegsgefangene vlkerrechtliche Schutz findet auf sie keine Anwendung. Sie sind nach durchgefhrter Absonderung zu erledigen."

Aus dem Erla ber die Ausbung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet "Barbarossa" vom 13.5.1941:
"Behandlung von Straftaten feindlicher Zivilpersonen:
1. Straftaten feindlicher Zivilpersonen sind der Zustndigkeit der Kriegsgerichte und der Standgerichte bis auf weiteres entzogen.
2. Freischrler sind durch die Truppe im Kampf oder auf der Flucht schonungslos zu erledigen.
3. Auch alle anderen Angriffe feindlicher Zivilpersonen gegen die Wehrmacht, ihre Angehrigen und das Gefolge sind von der Truppe auf der Stelle mit den uersten Mitteln bis zur Vernichtung des Angreifers niederzukmpfen (...)
Behandlung der Straftaten von Angehrigen der Wehrmacht und des Gefolges gegen Landeseinwohner:
1. Fr Handlungen, die Angehrige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militrisches Verbrechen oder Vergehen ist (...)".

Erinnerungen des Theologen Helmut Gollwitzer an den deutschen berfall auf die Sowjetunion am 22.6.1941:
"Bis zum Beginn des Rulandfeldzuges war auf der Innenseite des Umschlags unseres Soldbuches ein Blatt eingeklebt: ,Zehn Gebote fr den deutschen Soldaten'. Darin waren aufgezhlt die Vorschriften der internationalen Konvention zur Bndigung der Kriegsbestie: Schonung des entwaffneten und gefangenen gegnerischen Soldaten, Schonung der Zivilbevlkerung, Verbot von Plnderung und Vergewaltigung. Mit Beginn des Rulandfeldzuges wurde dieses Blatt aus den Soldbchern entfernt - und jeder konnte wissen, da nun die Barbarei unter Zustimmung der Wehrmachtsfhrung gesiegt hatte."
Quellen:
Ueberschr, Gerd R. u. Wolfram Wette (Hg.): a.a.O., S. 313 f. (Kommissarbefehl) u. S. 306 f. (Kriegsgerichtsbarkeitserla); Gollwitzer, Helmut: Der berfall. In: Zeit-Magazin, 23.3.1998 ;S. 30 ff.

Der ehemalige Soldat Helmut Gollwitzer nennt die Vorschriften, die beim berfall auf die Sowjetunion aus den Soldbchern entfernt wurden. Welchen Eindruck muten die Soldaten von der beabsichtigten Kriegfhrung gewinnen?

 

Militanter Antibolschewismus als ideologische Grundlage


Telegramm des Geistlichen Vetrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirche an den "Fhrer" am 30.6.1941:
"Sie haben, mein Fhrer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Land gebannt und rufen nun unser Volk und die Vlker Europas zum entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendlndisch-christlichen Kultur auf. Das deutsche Volk und mit ihm all seine christlichen Glieder danken Ihnen fr diese Tat (...) Die Deutsche Evangelische Kirche (...) ist mit allen Ihren Gebeten bei Ihnen und unseren unvergleichlichen Soldaten, die mit so gewaltigen Schlgen darangehen, den Pestherd zu beseitigen, damit in ganz Europa unter Ihrer Fhrung eine neue Ordnung entstehe und aller inneren Zersetzung, aller Beschmutzung des Heiligsten, aller Schndung der Gewissensfreiheit ein Ende gemacht werde?"

Denkschrift aller katholischen Bischfe am 10.12.1941 an die Reichsregierung:
"Wir begleiten unsere Soldaten mit unseren Gebeten und gedenken in dankbarer Liebe der Toten, die ihr Leben fr ihr Vaterland hingaben. Wir haben immer wieder und noch im Hirtenbrief des Sommers unsere Glubigen zu treuer Pflichterfllung, zu tapferem Ausharren, opferbereitem Arbeiten und Kmpfen im Dienste unseres Volkes in schwerster Kriegszeit eindringlich aufgerufen. Mit Genugtuung verfolgen wir den Kampf gegen die Macht des Bolschewismus, vor dem wir deutschen Bischfe in zahlreichen Hirtenbriefen vom Jahre 1921 bis 1936 die Katholiken Deutschlands gewarnt und zur Wachsamkeit aufgerufen haben, wie der Reichsregierung bekannt ist (...)."

Befehl des Befehlshabers der Panzergruppe 4, Generaloberst Hoepner, zur bevorstehenden Kampffhrung im Osten vom 2.5.1941:
"Der Krieg gegen Ruland ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen Volkes. Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische berschwemmung, die Abwehr des jdischen Bolschewismus. Dieser Kampf mu die Zertrmmerung des heutigen Ruland zum Ziele haben und deshalb mit unerhrter Hrte gefhrt werden. Jede Kampfhandlung mu in Anlage und Durchfhrung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, vlligen Vernichtung des Feindes geleitet sein. Insbesondere gibt es keine Schonung fr die Trger der heutigen russisch-bolschewistischen Systems (...)".
Quellen:
Niemller, Wilhelm: Die evangelische Kirche im Dritten Reich. Handbuch des Kirchenkampfes. Bielefeld 1956, S. 393 (Telegramm Evangelische Kirche); Akten deutscher Bischfe ber die Lage der Kirche 1933-1945. V. 1940-42. Bearbeitet v. Ludwig Volk. Mainz 1983 (= Verffentlichungen der Kommission fr Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern, Bd. .34), S. 651 ff. (Denkschrift katholische Bischfe); Ueberschr, Gerd R. u. Wolfram Wette (Hg: a.a.O., S. 305 (Befehl General Hoepner)

General Hoepner war mageblich am Aufstand des 20. Juli 1944 beteiligt und wurde nach dessen Scheitern hingerichtet. Er erlie seinen Befehl sechs Wochen vor(!) Beginn des berfalls auf eigene Initiative. Welche Auffassung konnte einen Mann des militrischen Widerstandes dazu bringen, solche Worte fr die Kriegfhrung im Osten zu whlen?


Bei den Vorbereitungen fr den Rulandfeldzug traf Hitler als oberster Gerichtsherr des Deutschen Reiches Bestimmungen, die weder mit dem Vlkerrechts noch mit dem innerstaatlichen Recht (MStGB, KSSVO) bereinstimmten und von der Wehrmacht neue Verhaltensweisen verlangten. Zum einen beseitigte der Barbarossa-Befehl vom 13.5.1941 den Verfolgungszwang bei Straftaten von Soldaten gegenber der Zivilbevlkerung, ein Rckfall in die Barbarei. Zum zweiten standen auf dem Boden der Sowjetunion keine Zivilisten vor deutschen Wehrmachtgerichten. Bei Versten gegen die von der Besatzungsmacht festgelegte Ordnung bernahm die Truppe die Bestrafung. Die Militrgerichte hatten ihre Zustndigkeit fr Zivilisten, Partisanen, Partisanenhelfer usw. verloren. Deren Schicksal lag in Zukunft in der Hand von deutschen Offizieren. Nach den Weisungen des fr das Rechtswesen des Kriegsheeres zustndigen Generals Eugen Mller war der Begriff des Partisanen grozgig auszulegen. In Zweifelsfllen ber die Tterschaft sollte der Verdacht gengen. Auch bloe Tatverdchtige durften auf Befehl eines Offiziers, gleich welchen Dienstgrades, erschossen werden, damit war der Willkr Tr und Tor geffnet.

Der Krieg gegen die Sowjetunion unterschied sich grundstzlich vom Krieg im Westen, nur er wurde als Vernichtungskrieg geplant und gefhrt. Er war auf verbrecherische Ziele gerichtet und bediente sich verbrecherischer Mittel. Die meisten und die schlimmsten Verbrechen beging die Wehrmacht nicht bei Kampfhandlungen, sondern als Besatzungsmacht: mit dem Verhungernlassen der Kriegsgefangenen, den Massenrepressalien gegen die Zivilbevlkerung, der oft mrderischen Zwangsarbeit, den Judentransporten und dem Vlkermord an den Juden. Mit der Dauer des Krieges wuchsen Zahl und Intensitt der Verbrechen und der daran beteiligten Soldaten.

Martenssche Klausel in der Prambel der Haager Landkriegsordnung : "Solange, bis ein vollstndiges Kriegsgesetzbuch festgestellt werden kann, halten es die hohen vertragschlieenden Parteien fr zweckmig, festzusetzen, da in den Fllen, die in den Bestimmungen der von ihnen angenommenen Ordnung nicht einbegriffen sind, die Bevlkerung und die Kriegfhrenden unter dem Schutz und der Herrschaft der Grundstze des Vlkerrechts bleiben, wie sie sich ergeben aus den unter gesitteten Vlkern feststehenden Gebruchen, aus den Gesetzen der Menschlichkeit und aus den Forderungen des ffentlichen Gewissens". Damit waren Folter, Heckenschtzentum, Nichtversorgung von Verwundeten und Zwangsmanahmen gegen Frauen und Kinder grundstzlich in Acht und Bann.

    "Das Eigentum der Gemeinden und der dem Gottesdienst,
    der Wohlttigkeit, dem Unterricht, der Kunst und der Wissenschaft
    gewidmeten Anstalten, auch wenn diese dem Staat gehren,
    ist als Preivateigentum zu behandeln.
    Jede Beschlagnahmung, jede absichtliche Zerstrung oder
    Beschdigung von derartigen Anlagen, von geschichtlichen Denkmlern
    oder von Werken der Kunst und Wissenschaft ist untersagt
    und soll geahndet werden." Artikel 56 des Abkommens betreffend die Gesetze und Gebruche des Landkrieges, Den Haag, 1907

 

 

 

An ihren Taten werdet ihr sie erkennen!

download

 

PDF (87kB)

RTF

Im August wurde eines unserer Mitglieder von SJD Die Falken als Referent zum Thema Antikriegstag Der Beginn des Zweiten Weltkriegs eingeladen. Wir dokumentieren Teile des Referats aus aktuellem Anla: Kriegsvorbereitungen heute...

Sie reden vom Frieden und rsten zum Krieg!

(...)

Die Empfnglichkeit der Bevlkerung fr soziale Phrasen brachte die Faschisten dazu, sich als Sozialisten zu tarnen jedoch mit der Volksgemeinschaft gegen den Rest der Welt als Ziel. Diese Tarnung ermglichte u.a. den rechten Sozialdemokraten die Verbreitung der Totalitarismusdoktrin. Unter der Parole Rechts gleich Links wurden linke Sozialdemokraten und Kommunisten verfolgt, unter dem Vorwand der wehrhaften Demokratie wurde der Abbau der selbigen vorangetrieben. So war die Antwort der Ebert-Regierung auf den faschistischen Putschversuch am 9. November 1923 zwei Wochen spter das Verbot der KPD.

Doch wer als Demokrat nichts gegen die Kommunistenverfolgung sagte, half sich nicht damit. Nach der Machtbergabe am 30. Januar 1933 sahen sich nach und nach immer grere Teile der Bevlkerung dem Staatsterror gegenber demagogisch verbrmt, wie z.B. die faschistische Polizei als Freund und Helfer. Am 27. Februar lie Gring den Reichstag anznden und bedauerte noch im kleinen Kreis, dass nicht die ganze Bude niedergebrannt sei. 1. Der Brand diente als Vorwand fr das Verbot der KPD und die Notverordnung Zum Schutz von Volk und Staat, welche beinhaltete: die Abschaffung der persnlichen Freiheit, der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis und beliebige Hausdurchsuchungen sowie die Todesstrafe auf antifaschistische Ttigkeit. In Dachau wurde noch im selben Jahr mit groem Pomp das erste KZ errichtet.

Am 2. Mai 1933 wurden die Gewerkschaften zerschlagen. Am 10. Mai folgte die Bcherverbrennung ber 4000 Bcher wurden verboten. Selbst jetzt noch gab es Arbeiter und Arbeitervertreter, die glaubten, mit der Bourgeoisie Kompromisse schlieen zu knnen: Die Sozialdemokraten stimmten einmtig gegen das Ermchtigungsgesetz, sehr zu ihrer Ehre. Einige Wochen spter billigten sie mit gleicher Aufrichtigkeit die Untersttzung der Hitlerschen Auenpolitik. 2 Man kannte wie schon 1914 keine Parteien mehr, nur noch Deutsche, und es erhob sich am 17. Mai 1933 ein von der KPD gesuberter Reichstag zum gemeinsamen Absingen des Deutschlandliedes ein Ereignis, welches sich erst am 9. November 1989 wiederholen sollte. Es nutzte nichts, die SPD wurde am 22. Juni verboten.

Schlielich wurde auch die konservative und faschistische Konkurrenz (Zentrum, Stahlhelm, Anthroposophen, Burschenschaften etc.) gleichgeschaltet oder verboten. Auch in der NSDAP selbst herrschte der Terror am 30. Juni 1934 (Rhmputsch) wurden allein in Stadelheim 122 Faschisten von ihresgleichen ermordet. Als 1935 die Untersttzung durch den Vatikan gesichert war, gab es auch keine Gnade mehr fr antifaschistische Priester und Christen. Nicht zu vergessen: die antisemitische Hetze allein bis Ende 1935 wurden 100.000 Menschen, die durch das Regime als Juden verfolgt wurden, unter Raub ihres Eigentums vertrieben oder deportiert. Aufhetzen eines Teils der Einwohner Deutschlands gegen einen anderen dient letztlich der Kriegsvorbereitung: wer zuhause Jagd auf In- und Auslnder macht, tut dies auch mit dem Gewehr in der Hand auerhalb der deutschen Grenzen.

Beschwert wurde sich lautstark ber mangelnde Demokratie in den Nachbarlndern, so hatte es z.B. in der Tschechoslowakei laut Hitler seit Kriegsende keine freien Wahlen mehr gegeben. Der Feind war wie blich auch hier nur eine Person Diktator Benesch , nicht die gesamte Bevlkerung, der man ja die Freiheit zu bringen predigte.


Die Gleichschaltung der Wirtschaft begann schnell, z.B. mit dem Gesetz zum Reichsnhrstand am 13. September 1933, welches die totale Kontrolle der Lebensmittelversorgung zur Folge hatte. Die dadurch mgliche knstliche Verknappung ebenso wie Streichungen beim Wohnungsbau gab der Lge vom Volk ohne Raum zustzlichen Nhrboden. Damals brauchte es zwei Jahre Faschismus zur Einfhrung der Wehrpflicht am 16. Mrz 1935. Im Jahr darauf wurde der Vierjahresplan unter der Devise Kanonen statt Butter verkndet, mit dem die deutsche Wirtschaft kriegsfhig gemacht werden sollte. Einer der ersten groen Tests der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wehrmacht war ab dem 13. November 1936 das Kriegsspiel in Dresden.

(...)

Die Bekmpfung der Arbeitslosen

Durch zahlreiche Vergnstigungen, z.B. bei der Verpflegung wurde gerade die Jugend systematisch zur Rstungsarbeit und zum Morden angelernt: Zum Teil hoffen die Jungen spter in der Wehrmacht ein gutes Fortkommen zu finden. ... wandern gerade Lehrlinge aus Handwerksbetrieben in Industriebetriebe ab, vielfach auch zur Wehrmacht (Feinmechaniker, Elektrotechniker, Kraftwagenschlosser), wo sie sich fr lngere Dienstzeiten verpflichten. 3 Die Zuckerchen fr den Schtzengraben wirkten umso strker, je schlechter die Lage des Proletariats wurde: steigende Suglings- und Kindersterblichkeit, steigende Zahl der Arbeitsunflle, lngere Arbeitszeit, v.a. bei Frauen, da sie bei rund 45 Pfennig Stundenlohn nur 2/3 des Mnnerlohns bekamen, steigende Preise usw. Gesetzliches Maximum war der 16-Stunden-Tag.

Die Arbeiter sahen sich immer strengeren Regelungen ausgesetzt, die in offener Sklaverei endeten. Bereits am 20. Januar 1934 wurden die Betriebsrte abgeschafft. Das am 26. Juni 1935 verabschiedete Gesetz zum Reichsarbeitsdienst verpflichtete auerdem alle Mnner zwischen 18 und 25 Jahren zur Zwangsarbeit auer man war bei Wehrmacht, SA oder SS. Die freie Wahl des Arbeitsplatzes wurde am 27. November 1936 abgeschafft: eine Kndigung war nur noch mit Erlaubnis des Arbeitsamtes mglich.


Statt Konsumgtern importierte Deutschland Rohstoffe fr die Rstung Kanonen statt Butter, wie angekndigt. All diese Opfer versuchten die Faschisten zu fordern mit der Behauptung, dies diene der Bekmpfung der Arbeitslosigkeit. Doch wer einen Blick auf die Haushaltsplne wirft, der erkennt, wofr die Opfer verlangt wurden: Der Anteil der Rstungsausgaben am Volkseinkommen stieg von 6% 1933 kontinuierlich auf 34% bei Kriegsbeginn. Nimmt man noch die versteckte Vorbereitung, z.B. den Autobahnbau, kommt man locker auf 50%! Ein Staat, der ein Drittel des Volkseinkommens fr die Rstung ausgibt, bereitet sich auf den Krieg vor die einzige kapitalistische Lsung der Arbeitslosenfrage: Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, das war der Reklameschlager, mit dem es der Nazipartei gelang, auch einen Teil der Arbeiter irrezufhren. 4 Manch junger Arbeiter in Deutschland konnte lange nicht verstehen, welcher Zusammenhang zwischen Hitlers Arbeitsbeschaffung von 1933 und dem Kriegsbeginn im Jahre 1939 besteht Jetzt, zwlf Jahre spter, sieht das deutsche Volk die Ergebnisse von Hitlers Arbeitsbeschaffung. Statt sechs Millionen Arbeitslose weit ber sechs Millionen Tote und Krppel!


Der Preis war weitaus hher als sechs Millionen: ebenso viele Opfer hatte Polen zu beklagen, die Sowjetunion mehr als das dreifache, Spanien, sterreich, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland... Dafr gab es dann nach dem groen Schlachten die ab 1944 von Ludwig Erhardt geplante soziale Marktwirtschaft plus Wirtschaftswunder.


(...)

Friedliche Wiedervereinigungen & friedensschaffende Manahmen

Der Faschismus kennt nur eine Verfassung: den Ausnahmezustand. Der Faschismus kennt nur einen Frieden: den Siegfrieden. Als Deutschland wieder frech geworden, begann es als erstes damit, die Rckgabe des Saarlands zu fordern was es im Mrz 1935 auch bekam und dadurch seine Rstungsproduktion um 10% steigern konnte. Am 7. Mrz 1936 versuchte man es mit der Besetzung des Rheinlandes. Der Befehl lautete, sich beim ersten Schu zurckzuziehen Frankreich scho nicht.


Am 18. Juli 1936 erfolgte der Putsch der Franco-Faschisten in Spanien 5, in der deutschen Presse war vom Freiheitskampf des spanischen Volkes gegen den Bolschewismus u.a. zu lesen. Die Untersttzung Deutschlands und Italiens machte den Sieg der Putschisten mglich und die Verteidigung deutscher Freiheit: Die IG-Farben beherrschte die spanische Farbstoffproduktion, Siemens und AEG produzierten in Spanien, Krupp war an der Erz- und Httenindustrie und dem Schiffbau beteiligt, Deutsche und Dresdner Bank hatten Filialen... Verteidigt wurde auch die Freiheit der Europischen (deutsch-spanischen) Pyritgesellschaft, als Francotruppen die Betriebsrte in ihrem spanischen Ableger Rio Tinto erschossen. Der Bruder eines Aufsichtsrates dieser Gesellschaft durfte sogar die Legion Condor kommandieren womit wir beim zweiten Zweck sind: die deutschen Truppen hatten ein bungsfeld.


Aus dem Wirtschaftsstandort wurde ein militrischer. Die Piloten der Condor schrieben Geschichte: sie legten als erste eine komplette Stadt in Schutt und Asche von dem Blutgeld fr die Zerstrung Guernicas wurde die Fluggesellschaft Condor gegrndet. sterreich wurde gedroht, es werde zu einem zweiten Spanien, aber dann kam ja im Mrz 1938 die friedliche Wiedervereinigung. Die Industrie wurde erhalten, weil man sie fr den Krieg brauchte. Durch Claqueure am Straenrand wurde mancher deutsche Soldat, der sich den Kittel des Rubers angezogen hatte, in seinem Glauben etwas Gutes zu tun besttigt. Und natrlich sollte eben diese Forderung Deutschlands die letzte sein so versprach es Hitler immer wieder.

(...)


Der Frieden der Mrder

Tunlichst wurde 1939 auf Anweisung Goebbels von der deutschen Presse das Wrtchen Krieg vermieden man verteidigte sich, man rchte sich, man schtzte die deutschen Volksgenossen, man wollte eigentlich nur Frieden und war durch den niedertrchtigen berfall zur Notwehr gezwungen. Zudem wurde der Krieg zu Hause auch nicht als einschneidende Vernderung wahrgenommen: das Land befand sich seit 1933 im Ausnahmezustand, jeder zweite arbeitete direkt oder indirekt bereits zur Friedenszeit fr den Krieg, eine groe Mobilmachung blieb vorerst aus, die Lebenslage war bereits miserabel und auf Berlin fielen noch keine Bomben.


Spter, als mit den ersten Siegen die Begeisterung fr den Krieg wuchs, wechselte man den Ton. Mit einer Ausnahme: Der verlogenste aller Feinde der Sowjetunion, der am 22. Juni 1941 sein ruberisches Zerstrungswerk begann, fand zur Zeit seiner Niederlage im Winter 1941-1942, als er die Notwendigkeit versprte, wenigstens nachtrglich einen Kriegsgrund auszudenken, nichts Gescheiteres, als dem deutschen Volke aufzutischen, die Sowjetunion htte im Sinne gehabt, Deutschland zu erobern. Selbst Goebbels, der an schamloseste Lgen gewhnt war, begngte sich in diesem Falle mit dem Nachdruck der Rede des Fhrers, der sich schon gar zu sehr verstiegen hatte, und enthielt sich jeden Kommentars. 6 Dies berlie er so manchem Nachkriegshistoriker.

Arisiertes Eigentum wurde zu Schleuderpreisen versteigert, die Nachbarn beteiligten sich an der Plnderung der Wohnungen von Juden und Antifaschisten, denunzierten sie sogar extra zu diesem Zweck. Soldaten schickten Raubgut per Post nach Hause. Ein Volk wurde korrumpiert. Die Parteimitglieder kannten die Untaten ihrer Kameraden, was jeden zum Schweigen verdammte, wollte er nicht selbst rger mit der Justiz. Es wurden sogar Akten ber Schwchen angelegt: Bestechlichkeit, sexuelle Vorlieben, Verbrechen, verwhnte Ehefrauen und Liebchen.

Die Volksgemeinschaft war die Gemeinschaft der Ruber, und trotz der Bestechung, der Lgen und dem Terror gab es Widerstand: Selbst zur Hochzeit des Faschismus 1941 wurden allein in Deutschland monatlich rund 10.000 Verhaftungen vorgenommen monatlich 10.000 Kommunisten, aufrechte Sozialdemokraten und Menschen, die es ernst meinten mit ihrem Humanismus und ihrem Christentum. 10.000 Menschen, die erkannt hatten, da es nicht reicht, selbst kein Unrecht zu tun man darf es nicht mal dulden!


Der Scho ist fruchtbar noch...

Auch nach 1945 fanden sich im Ausland Menschen, die den deutschen Imperialismus zu verteidigen suchten. H.L. Bretton schrieb: Er wollte lediglich ein Minimum an Revision erreichen. Wren ihm die Alliierten nur mit einigen Zugestndnissen entgegengekommen, htten sie ihn in anderen Bereichen zugnglicher gefunden. Da er aber die gewnschten Zugestndnisse nicht rechtzeitig errang, konnte die nationalistische Opposition so weit anschwellen, da Pazifismus und Demokratie beiseite geschwemmt wurden. 7 Wirklich? Wenn es doch Heute Deutschland und morgen die Welt sein soll, die unsere Herren als Zugestndnis wnschen?

Lassen wir uns nicht tuschen! Vielleicht htte dann schon 50 Jahre frher eine konservative Regierung eine Wiedervereinigung feiern knnen, vielleicht htte schon 60 Jahre frher eine SPD-Regierung einen Krieg gefhrt. Denn die Krise htte auch eine andere Regierung nicht verhindern knnen: Die wirtschaftlichen Probleme mssen gelst werden ... Ohne Einbruch in fremde Staaten oder Angreifen fremden Eigentums ist dies nicht mglich. (Adolf Hitler)8

Die dritte Mglichkeit, welche die von Krise und Arbeitslosigkeit unberhrte Sowjetunion aufzeigte, erwhnte Hitler, erwgt das deutsche Kapital lieber nicht. Fr diese dritte Mglichkeit Sozialismus statt Barbarei entschied sich nach 1945 immerhin ein Drittel der Menschheit.


Stephan






Anmerkungen

1 Aus: Hermann Rauschning: Gesprche mit Hitler, 1937, zitiert nach: Der Widerspruch Nr. 6, Berlin 1976, S. 81

2 Deutschland, einig Vaterland?, Mnchen 1993, S. 14

3 Nach: Jrgen Kuczynski: Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1789 bis in die Gegenwart; Band II, Erster Teil, 1933 bis Mai 1945, Berlin 1953, S. 178f

4 Dieses und die folgenden Zitate aus: Walter Ulbricht: Die Legende vom Deutschen Sozialismus, Berlin 1946, S. 28

5 Zu Spanien: Albert Norden: So werden Kriege gemacht!, Berlin 1968, S. 78ff und: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1966, Band 5, S. 149ff

6 E.W. Tarl: ber die Arbeitsweise der brgerlichen Diplomatie, zitiert nach Der Widerspruch Nr. 6, Berlin 1976, S. 73

7 Zitiert nach: Khnl, Schnwlder (Hrsg.): Sie reden vom Frieden und rsten zum Krieg, Kln 1986, S. 113

8 Zitiert nach: Albert Norden: So werden Kriege gemacht!, Berlin 1968, S. 101f



verffentlicht durch


Freie Deutsche Jugend,
Bundesvorstand,
Karl-Liebknecht-Haus
Weydingerstr. 14-16, 10178 Berlin,

Tel. 030/24 00 92 11, Fax 030/28 38 52 80


E-Mail: kontakt@FDJ.de
Homepage:
http://www.FDJ.de


 

Krieg gegen die Tschecheslowakei: 340.000 Morde der Nazis

 

Quelle:   http://www.ekd.de/EKD-Texte/2110_tschechen_1998_tschechen1.html

  

... berall, wo die deutschen Armeen hinkamen, ergo sich eine Flut

                               von schrecklichen Gewalttaten ber die Bevlkerung. Vor allem die

                               Juden, aber nicht nur sie, wurden verhaftet und ermordet. Auch in

                               den bhmischen Lndern wurden unmittelbar nach der Besetzung

                               Demokraten und andere Gegner des Nazismus verhaftet. Im Herbst

                               1939 wurden die tschechischen Hochschulen geschlossen und

                               Studentenvertreter hingerichtet. Ganze Jahrgnge junger Leute

                               muten Zwangsarbeiten im Reich leisten. Zu Opfern der deutschen

                               Okkupation wurden auch hier hauptschlich Juden und neben ihnen

                               vorwiegend Angehrige der tschechischen Intelligenz wie

                               Universittsprofessoren, Lehrer, Schriftsteller, Leiter der

                               Jugendorganisationen u.a. Dieses Vorgehen stand im Einklang mit

                               den deutschen Absichten, die allerdings erst nach dem Krieg

                               vollstndig offengelegt werden konnten: der am wenigsten

                               "verlliche" Bestandteil des Volkes, die Intelligenz, sollte liquidiert

                               werden; von den anderen sollte der "gutrassige" Teil

                               eingedeutscht, der Rest in Rume von geringerem Interesse fr

                               Deutschland, so z.B. auf die Krim, abgeschoben werden(24).

                               In der Ablehnung der Besetzung und des Protektorats sowie unter

                               dem Eindruck des Besatzerterrors vereinigte sich allmhlich die

                               Mehrheit der Tschechen in Verweigerung und Widerstand. Nach dem

                               Attentat auf den Stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard

                               Heydrich im Mai 1942 nahm der Terror massiv zu. Mit einem Schlag

                               wurden "zur Warnung" die beiden Drfer Lidice und Lekky

                               ausgerottet. Tglich fanden Hinrichtungen von einigen Dutzend

                               Personen statt, deren Namen in allen Gemeinden verffentlicht und

                               im Rundfunk verlesen wurden.

                               Die Verluste an Leben infolge des Terrors auf dem gesamten

                               Gebiet der Tschechoslowakei, durch das im Unterschied zu Polen

                               oder Ruland der Krieg nicht tobte, werden auf 340.000 bis 360.000

                               Opfer geschtzt. Zwei Drittel davon waren Juden. Die tglichen

                               Erfahrungen des deutschen Terrors gaben den Tschechen eine

                               Vorstellung davon, was sie im Falle des Sieges von Hitler zu

                               erwarten haben wrden. Zunehmend baute sich bei ihnen daraus

                               die berzeugung einer Kollektivschuld aller Deutschen und das

                               Verlangen nach Vergeltung auf. Dieses entlud sich nach dem Krieg

                               in Vorgngen und Aktionen, die vielen Deutschen unbegreiflich

                               waren und sie betroffen fragen lieen, wie die Tschechen ihnen so

                               viel Leid zufgen knnten.

 

 

 

... Die Alliierten stimmten schlielich der Zwangsaussiedlung

                               der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zu,

                               bestanden jedoch auf einer geordneten Durchfhrung ohne

                               Verste gegen die Menschlichkeit.

                               Der "geregelte Abschub"(26) erfolgte vor allem im Jahr 1946; im

                               Frhling 1947 wurde er aufgrund des Widerstands der Westmchte

                               nicht weitergefhrt. In dieser Zeit muten ungefhr 3 Millionen

                               Deutsche das Land verlassen. Ungefhr 300.000 blieben - nicht

                               immer freiwillig - in der CSR zurck. Die Anzahl der Deutschen, die

                               bei der Vertreibung umgekommen sind, lt sich anhand der

                               Quellen nicht ganz sicher bestimmen. Die neuesten Schtzungen,

                               denen sich die Gemeinsame deutsch-tschechische

                               Historikerkommission angeschlossen hat, gehen von maximal

                               30.000 Toten aus(27) . Die meisten Opfer gehrten zur

                               Zivilbevlkerung und starben in der Zeit nach dem vollstndigen

                               militrischen Sieg. Das sagt viel ber den Ha aus, der das Land

                               nach dem Ende der deutschen Oberherrschaft berschwemmte.

                               Die Motive, die auf der tschechischen Seite die Notwendigkeit des

                               "Abschubs" begrndeten, waren unterschiedlich. Sie verdichteten

                               sich zu einer derart herrschenden Stimmung, da es ohne

                               persnliche Gefahr nicht mglich war, sich ihr zu widersetzen. Diese

                               heftige Feindselig-keit war geprgt von der Erinnerung an Mnchen,

                               von den Erfahrungen mit dem Terror im Protektorat und den

                               besonders harten Repressalien gegen Ende des Krieges, aber auch

                               von Berichten zurckkehrender Hftlinge ber Bestialitten in

                               Konzentrationslagern und von der inzwischen gewonnenen vollen

                               Kenntnis der deutschen Plne zur "Germanisierung" der

                               bhmischen Lnder.  

 

 

Streit um Dimitroff
Zwischen Antifaschismus und Stalinismus. Zu den Tagebchern Georgi Dimitroffs (Teil 1). Von Ernstgert Kalbe

Textanfang -->

Es mehren sich die Anlsse, um erneut ber die Rolle des Bulgaren Georgi Dimitroff in der bulgarischen und internationalen Arbeiterbewegung sowie fr den weltweiten Antifaschismus nachzudenken. Seit der selbstverschuldeten Implosion des Staatssozialismus in Europa wurde ein undifferenziertes Verdikt der selbstgerechten Sieger ber alle reprsentativen Persnlichkeiten, historischen Ereignisse und politischen Aktivitten dieses mit der kapitalistischen Welt konfrontierten Systems verhngt - und zwar ungeachtet aller Voraussetzungen, Bedingungen und Formen dieser Auseinandersetzung sowie ihrer Wirkungen auf das reale Krfteverhltnis und die politischen Strategien und Entscheidungen der jeweiligen Akteure. Diesen Zusammenhang beschreibt der englische marxistische Historiker Eric Hobsbawm mit dem Umkehrschlu, da der Umgang des einen Systems die malaise des anderen offenbart.

Auf den Index gesetzt

Auch das seit 1952 in Leipzig beheimatete Georgi-Dimitroff- Museum wurde nach der Wende von 1989/90 auf den politischen Index gesetzt. Eine knappe Mehrheit der Leipziger Stadtrte versuchte mit der Umbenennung des nach Dimitroff benannten Platzes vor dem ehemaligen Reichsgericht im Juni 1997 sogar, das Gedenken an den Sieg des Helden von Leipzig im Reichstagsbrandproze 1933 ber die faschistischen Brandstifter zu tilgen, indem man Dimitroff zur stalinistischen Unperson erklrte. Geschichte lt sich jedoch weder einseitig verteufeln noch ignorant verdrngen, sondern verlangt differenzierte Befragung und Bewertung.

Fr eine mglichst wahrheitsnahe Beurteilung der Persnlichkeit Georgi Dimitroffs kommt die Verffentlichung der Tagebcher Dimitroffs gerade recht, da es sich um persnliche Notizen des Zeitzeugen in neun Heften handelt, die Jahrzehnte verschlossen im Parteiarchiv der BKP lagen, unzugnglich selbst einem inneren Fhrungskreis. Freilich verfgen wir nunmehr gleich ber zwei chronologisch, editorisch und sprachlich verschiedene Ausgaben der Aufzeichnungen, die Dimitroff vom 9. Mrz 1933 bis zum 6. Februar 1949 - teils in deutsch, teils in russisch oder bulgarisch - angefertigt hat.

Zwei Ausgaben

Die bulgarische Ausgabe des Dnevnik (Tagebuch), die 1997 im Sofioter Universittsverlag erschien, ist mit einem Vorwort von Dimitroffs Adoptivsohn Bojko Dimitrow sowie einer Einleitung des ausgewiesenen Historikers Iltscho Dimitrow versehen, die Anliegen und historisches Umfeld der Verffentlichung erlutern. Sie umfat den gesamten Zeitraum der Tagebuchnotizen vom 9. Mrz 1933 bis zur letzten Eintragung des schon schwerkranken Dimitroffs Anfang Februar 1949.

Dagegen beinhaltet die deutsche Ausgabe der Tagebcher, die jetzt der Klner Historiker Bernhard H. Bayerlein im Aufbau-Verlag Berlin herausgegeben hat, lediglich den Zeitraum vom 9. Mrz 1933 bis zum 12. Juni 1943. Das ist eine Verkrzung, die erstens die letzte Kriegsperiode vom Sommer 1943 bis 1945 ausspart, und die zweitens den bulgarischen Ministerprsidenten und Balkanpolitiker Dimitroff von 1946 ff. wegschneidet. Whrend die bulgarische Ausgabe also die Ttigkeit Dimitroffs vom Machtantritt des Hitlerfaschismus in Deutschland bis zum Vorabend des Todes des Verfassers reflektiert, interessiert die deutsche Ausgabe ausschlielich Dimitroff und die Komintern. Ein Unterschied mit konzeptionellem Hintergrund. Ob es eine Fortsetzung der deutschen Ausgabe geben wird, hat der Aufbau-Verlag noch nicht entschieden. Unverzeihlich aber erscheint mir die Unterlassung jedes Hinweises in der deutschen Verffentlichung darauf, da schon drei Jahre frher eine bulgarische Ausgabe erschien, und so der Eindruck publizistischer Prioritt erweckt wird, wenngleich auch die deutschsprachige Ausgabe originr aus den Quellen gearbeitet ist.

Die deutsche Fassung verzichtet auf einen wissenschaftlichen Einleitungsbeitrag. Dafr bietet sie im ersten Beiband eher individuelle Betrachtungen des Herausgebers Bernhard Bayerlein unter der berschrift Innenansichten aus dem Stab der Weltrevolution und einen ebenso persnlichen Kommentar von Wolfgang Engler Einheitsfront als Ideologie. bersetzung und Redaktion der deutschen Ausgabe, sorgfltig besorgt von Wladislaw Hedeler und Birgit Schliewenz, verdienen uneingeschrnkten Respekt.

Die die deutsche Ausgabe mit Blick auf Lizenzgeschfte in Westeuropa und den englischsprachigen Raum auszeichnenden umfangreichen Beigaben sind grndlich gearbeitet: Chronik, Anmerkungen und Bibliographie (1. Beiband) sowie 300 Seiten Kurzbiographien und Register (2. Beiband), ein Who is Who der Komintern, wie Aufbau in seiner Werbung stolz vermerkt.

Realisiert in Wrde

Das Anliegen der bulgarischen Ausgabe verdeutlicht Bojko Dimitrow im Vorwort: Wenn es nur von meinem Willen abhinge, htte dieses Buch das Licht der Welt nicht erblickt. Wenn man seine Seiten aufschlgt, wird der Leser allein verstehen, warum. Selbst ein oberflchlicher Blick lt keinen Platz fr Zweifel: Das Tagebuch von Georgi Dimitroff wurde nicht mit dem Gedanken an eine Verffentlichung gefhrt. Die Aufzeichnungen, die mein Vater hinterlassen hat, sind nicht einfach das Register oder der Kommentar des Vollbrachten, Gesehenen, Gehrten, Gelesenen, der Tagesereignisse. Sie stellen etwas unvergleichlich Intimeres dar: eine Art vertrauensvolles Selbstgesprch, in dem er seine geheimsten Gedanken und Gefhle mitteilt, seine Freuden und Schmerzen, seine Zweifel und Sorgen. Er offenbart sich aufrichtig und wahrhaftig, oftmals bis zum ungnstigen Bekenntnis fr den Autor selbst. Mit anderen Worten, was das Dokument angeht, so ist es zum eigenen Trost geschrieben und nur zur eigenen Verwendung bestimmt, keinesfalls fr fremde Augen.

Bojko Dimitrow begrndet seinen Entschlu, die Verantwortung fr die Publikation zu bernehmen, damit, da angesichts des gesellschaftlichen Umbruchs in Bulgarien im Herbst 1991, der einsetzenden Welle von Enteignungen der Kommunistischen Partei und der gesetzgeberischen Lcken ber das Archivwesen die Dinge entweder ihrem unkontrollierten Lauf berlassen oder eine Verffentlichung gestattet werden mute, realisiert in Wrde und Achtung, die diesem historischen Dokument und seinem Autor gebhren. Besorgt von ehrenhaften Menschen und ausgewiesenen Fachleuten, die fhig sind, strengsten Anforderungen nach wissenschaftlicher Objektivitt, Gewissenhaftigkeit und Kompetenz zu entsprechen.

Der Historiker Iltscho Dimitrow wiederum charakterisiert den Verfasser der Tagebcher als einen Menschen seiner Zeit, der sich zu einer Ideologie bekannte, als Kmpfer im Namen eines Ideals und Verfechter einer Politik. Jedoch zwischen Ideologie, Ideal und Politik gibt es hufiger ein Auseinanderdriften als bereinstimmung. Das bezieht sich brigens auf alle ideellen und sozialen Bewegungen in der Geschichte. Obwohl Georgi Dimitroff nicht ohne Verfehlungen wre, bleibt Dimitroff, ungeachtet seiner Widersprchlichkeit, einer der groen Namen in unserer neuen Geschichte, der - bereinigt von einer angepaten Apologetik wie einer nicht weniger angepaten Anschwrzung - seiner objektiven historischen Beurteilung harrt. Der Sache nach war das eine wie das andere eine konjunkturelle Politik: sowohl die ungerechtfertigte Erhebung in den Himmel wie die nicht weniger unberechtigte Verdammung in die Hlle.

Deutsche Urteile

Deutlich anders liest sich das Gesamturteil ber Dimitroff in der deutschen Ausgabe. Bernhard Bayerlein meint: Dimitroffs Tagebcher verweisen nicht mehr auf ein >Jahrhundert der groen Gesnge< (Albert Camus) ... Das realistische Stalin-Bild, das Dimitroff zeichnet, nhert sich dem Trotzkis, des schrfsten Kritikers Stalins, an. Seine Botschaft ist die der Inkompatibilitt der Herrschaft Stalins nicht nur mit der Weltrevolution, sondern mit jeglicher politischer, sozialer und kultureller Emanzipation der Menschheit. Dimitroff selbst war Werkzeug und bersetzer seines Herrn, bisweilen konnte er Ideen liefern, extreme Positionen abschleifen, >seine< Komintern vor (noch) Schlimmerem bewahren. Doch letztendlich demonstrieren seine Tagebcher seine Machtlosigkeit und Mitverantwortung fr ein perfides Herrschaftssystem. (Band 2/1, S. 18) Forscher noch charakterisiert Wolfgang Engler Georgi Dimitroff als Verrter in eigener Sache, nmlich an der Politik der Einheitsfront - ausgerechnet in dem Moment, als sie am dringlichsten war - zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dimitroff war Stalins Mann an der Spitze der Komintern, aber doch nicht sein Mordkumpan. Fr den ideologischen Notfall war er als Komparse vorgesehen; man konnte auf ihn zeigen, so lange er nicht sprach. Nun hat er auch hierzulande seine Sprache wieder. Und was Eingeweihten lngst vertraut war, erfhrt nun auch der interessierte Laie: Der Mann wute alles. Und er nahm alles hin: Suberungen, Schauprozesse, politische Morde. (Band 2/1, S.20)

Mich verwundert stets aufs Neue, mit welcher Selbstsicherheit nachgeborene Betrachter vergangene Ereignisse und Personen beurteilen - abgehoben von den jeweiligen zeithistorischen Bedingungen, die der Erklrung, nicht der Rechtfertigung von Haltungen und Handlungen historischer Akteure dienen. Vielleicht erleichtert das die Selbstfindung auf neuen Wegen, vielleicht verkrzt es aber zugleich den Blick auf historische Kontinuitten wie Brche.

Leben als Revolutionr

Georgi Dimitroff wird kurz nach der Abschttelung der Osmanischen Herrschaft ber Bulgarien am 18. Juni 1882 geboren. Die Tagebcher spiegeln seine Persnlichkeit in einem bestimmten historischen Zeitraum wider. Aber sie erfassen nicht die ihn prgenden Lebensperioden seit seiner Kindheit, nicht seine Existenz als proletarischer Revolutionr zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Seine frhzeitige Gewerkschaftsarbeit, Verantwortung als ZK-Mitglied in der Bulgarischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (tesni socialisti) bzw. spter der BKP, Antikriegskampf in den Balkankriegen 1912/13 wie im Ersten Weltkrieg, begeistertes Engagement fr die russische Oktoberrevolution, fhrende Rolle im umstrittenen bulgarischen Septemberaufstand 1923 und nachfolgende, durch Todesurteil erzwungene Emigration, vorwiegend in Wien, Berlin und Moskau. Solche Erfahrungen lassen Dimitroff zum Funktionr des Exekutivkomitees der Komintern reifen, sie prgen seine Grundhaltung zur Einheitsfrontpolitik gegen Imperialismus, Faschismus und Krieg, die er whrend des Leipziger Prozesses und spter als Generalsekretr der Komintern begrndet und unter wechselnden, hufig widrigen Bedingungen verficht.

Einheitsfrontpolitik

Dimitroff gehrte keinesfalls zu den orthodoxen Ultralinken in der Komintern, er wurde eher des Rechtsopportunismus verdchtigt - Vorwrfe, die zunchst verstummt waren nach seinem Triumph ber die faschistischen Brandstifter im Leipziger Proze.

Georgi Dimitroff hatte als Leiter des Westeuropischen Bros der Komintern von Berlin aus wesentlichen Anteil an der Vorbereitung des Amsterdamer Antikriegskongresses vom August 1932 wie auch des Antifaschistischen Arbeitskongresses Europas vom Juni 1933 im Pleyel-Saal in Paris, der auf Einheitsfront orientierte. Im August 1933 vereinigten sich beide Bewegungen und grndeten das Weltkomitee gegen Krieg und Faschismus unter Vorsitz von Henri Barbusse, der seinerseits zur internationalen Protestbewegung gegen den Leipziger Proze und fr die Befreiung der angeklagten Kommunisten aufrief. Angesichts solcher Erfahrungen ist es nicht zufllig, da Georgi Dimitroff auf dem Leipziger Proze die Linie der antifaschistischen Einheitsfrontpolitik auf den Punkt bringt: Massenarbeit, Massenkampf, Massenwiderstand, Einheitsfront, keine Abenteuer - das ist das Alpha und Omega der kommunistischen Taktik.

Dazu bedarf es keiner neuen Analyse: Dimitroff war der Held von Leipzig, er brachte dem Faschismus seine erste schwere Niederlage bei, motivierte den internationalen Antifaschismus und die Einheitsfrontpolitik, die sich 1935 auf dem VII. Weltkongre der Komintern gegen linksorthodoxe Widerstnde durchsetzte. Das war eine strategische Wende in der kommunistischen Weltbewegung, die freilich spter - zwischen Mnchner Abkommen (1938), deutsch-sowjetischem Nichtangriffspakt (1939) und berfall auf die UdSSR (1941) - erneut ins Abseits gedrngt wurde, ehe sie nach dem faschistischen berfall auf die Sowjetunion ihre Auferstehung erlebte.

Georgi Dimitroff war ein Mann seiner Zeit, geprgt von der kommunistischen Bewegung und ihrem damaligen Gravitationszentrum, der Sowjetunion, mit deren Existenz sich damals alle sozialistischen Hoffnungen verbanden. Die Sowjetunion wurde bedingungslos verteidigt, und stalinistische Deformationen wurden, soweit reflektiert, den Kampfbedingungen zweier kontrrer Welten zugeschrieben. In der realen Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und der Sowjetunion, die als Inkarnation des Sozialismus galt, wurde die Stalinsche These von der stndigen Verschrfung des Klassenkampfes zum Dogma erhoben. Das diente der Rechtfertigung restriktiver Innen- und repressiver Sicherheitspolitik, die immer strker zu terroristischen Herrschaftsmethoden und etatistisch-brokratischen Kommandomethoden in Gesellschaft und Wirtschaft trieben.

Historisch angelegte Demokratiedefizite und systemimmanente Krankheitskeime wucherten zu metastatischen Geschwren. Die Entartung sozialistischer Werte und Ziele bewirkte schlielich den selbstverschuldeten Systemuntergang.

Dem moralisch-politischen Druck und den politischen Konsequenzen des Stalinismus unterlag auch Georgi Dimitroff, namentlich in seiner Funktion als Generalsekretr der Komintern. Wegen seiner unbedingten Treue zur Sowjetunion und angesichts seines offensichtlichen Glaubens an die Autoritt Stalins, der erst spt erschttert wurde, verstrickte sich Dimitroff in die destruktive und selbstzerstrerische Repressionspolitik des Sowjetsystems.

Mitverantwortung

Es fllt auf, da in Dimitroffs Tagebuch - von Ausnahmen abgesehen - gewhnlich nur knappe, zurckhaltende Eintragungen zu den Repressionen und Verfolgungen der dreiiger Jahre zu finden sind, was sicher sowohl als innere Distanz wie auch als vorsichtiger Selbstschutz gedeutet werden kann. Abgesehen von wiederholt bezeugten Fllen seines Einsatzes fr die Freilassung mancher verhafteter Landsleute und direkter Mitarbeiter hat Dimitroff jedenfalls keinen energischen Widerspruch gegen die Verfolgung auch ihm bekannter Kommunisten erhoben. Somit trgt er letztlich Mitverantwortung fr die Repressalien gegen sowjetische und auslndische Kommunisten, darunter viele Emigranten, die in der Sowjetunion Schutz vor faschistischer Verfolgung suchten.

Erneut erweist sich, da Mannesmut vor dem Feind leichter ist als Widerstand gegen die vermeintlich eigenen Leute. In den Jahren des antifaschistischen Befreiungskrieges der Vlker seit Juni 1941, in denen die zeitweilig in den Hintergrund verdrngte Volksfrontpolitik erneut politische Aktualitt erlangte, nahm der Einflu Dimitroffs vorbergehend wieder zu. Jedoch selbst nach Dimitroffs Rckkehr in seine bulgarische Heimat und als Ministerprsident Bulgariens wurde er den Instruktionen und Kontrollen sowjetischer Organe unterworfen, die den Volksdemokratien ab 1947/48 das Sowjetsystem berstlpten und nationale Wege zum Sozialismus abschnitten.

Gesundheitlich seit langem schwer angeschlagen, mute Georgi Dimitroff die Zerstrung seiner Vision einer Balkanfrderation hinnehmen und die Verurteilung seines engen Mitstreiters Trajtscho Kostow wegen Titoismus erleben. Doch davon spter. Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch stammt vom 6. Februar 1949; am 2. Juli 1949 verstarb Georgi Dimitroff.

Wird fortgesetzt. Im Januar Teil 2: Der Held von Leipzig, Teil 3: Volksfrontpolitik, Teil 4: Sowjetmodell

*** Georgi Dimitrov: Dnevnik (Tagebuch) 9. Mart 1933 bis 6. Fevruari 1949. Bearbeitung, bersetzung, Redaktion, Anmerkungen, Register: Dimitar Sirkov, Petko Boev, Nikola Avrejski, Ekaterina Kabakcieva. 794 S., Sofia 1997

Georgi Dimitroff: Tagebcher 1933-1943. Hg. von Bernhard H. Bayerlein. Aus dem Russischen und Bulgarischen von Wladislaw Hedeler und Birgit Schliewenz. 712 S.

Kommentare und Materialien zu den Tagebchern 1933-1943. Hg. von Bernhard H. Bayerlein und Wladislaw Hedeler unter Mitarbeit von Birgit Schliewenz und Maria Matschuk. Bd.2/1, Bd.2/2. 773 S. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. DM 99

Textende -->

 

Georgi Dimitroff - der Held von Leipzig
Die Wahrheit wider den Geschichtsrevisionismus um Reichstagsbrand und Leipziger Proze. Von Ernstgert Kalbe

Textanfang -->

- Zu den Tagebchern Georgi Dimitroffs (Teil II) -

Die Weltffentlichkeit war sich nach dem Leipziger Reichstagsbrandproze weitgehend einig: Das vermeintlich kommunistische Aufstandsfanal der Brandstiftung im Reichstag am 27. Februar 1933 war eine faschistische Provokation zur Begrndung der Notverordnung vom 28. Februar und des Ermchtigungsgesetzes vom 24. Mrz sowie zur Manipulation der Reichstagswahlen vom 5. Mrz 1933, zur Zerschlagung der marxistischen Arbeiter- und jeder demokratischen Bewegung, zur Beseitigung der Verfassung der Weimarer Republik und zur Stabilisierung des faschistischen Terrorregimes in Deutschland.

Der kommunistischer Sympathien unverdchtige US- amerikanische Konsul in Leipzig, Ralph C. Busser, brachte das in seinem Bericht vom 14. April 1934 - ein gutes Vierteljahr nach dem erzwungenen Freispruch der wegen hochverrterischer Brandstiftung inkriminierten kommunistischen Angeklagten Georgi Dimitroff, Blagoj Popoff, Wassil Taneff und Ernst Torgler im Reichstagsbrandproze - an das State Department in Washington auf den juristischen Nenner vom cui bono dieser Brandstiftung. Unter dem ironischen Titel The Riddle of the Revolution. Political aspects of the Reichstag Fire Trial (Das Wunder der Revolution. Politische Aspekte des Reichstagsbrandprozesses) konstatiert Busser, da der Reichstagsbrandproze angesichts der hchst bedeutsamen politischen Interessen und der involvierten Persnlichkeiten natrlich weltweites Interesse hervorrief und sich als ein berhmter Fall in die grten politischen und Ketzerprozesse der Geschichte einreihen wird, solche wie das Verfahren gegen Sokrates, das Verfahren gegen Christus vor Pilatus, die Verhandlungen gegen Jeanne d'Arc, Martin Luther, Galileo Galilei, Maria Stuart, Knigin von Schottland, Karl I., Warren Hastings und - in neuerer Zeit - der Dreyfus-Proze in Frankreich und der krzliche Proze gegen die britischen Ingenieure in Sowjetruland. (S. 12/13)

Geschichtsrevisionismus

Seither wurden Dutzende von Untersuchungen angestellt, die die Verantwortung der Nazis fr die Reichstagsbrandstiftung nachweisen - darunter nicht nur Zeitzeugnisse des antifaschistischen Widerstands, sondern auch sptere wissenschaftliche Arbeiten von Historikern, Politologen, Kriminologen und Brandtechnikern. Ungeachtet dessen wurde in der Bundesrepublik seit den spten 50er Jahren eine Debatte ber Ursachen und Tter der Reichstagsbrandstiftung vom Zaun gebrochen, die die Nazis von Schuld entlasten und mit der Behauptung von der Alleintterschaft des in die Nhe kommunistischer Ideen gerckten Hollnders van der Lubbe unterschwellig allgemeine Verdachtsmomente gegen die Kommunisten schren sollte.

Den Auftakt zu diesem Geschichtsrevisionismus bildete 1959 eine Serie des Verfassungsschutzbeamten Fritz Tobias im Spiegel (1959, Nr. 43-52; 1960, Nr. 1-2) unter der berschrift Stehen Sie auf, van der Lubbe! Der Reichstagsbrand 1933. Geschichte einer Legende, die Tobias 1962 in Buchform wiederholte: Der Reichstagsbrand - Legende und Wirklichkeit. Damit sollte der zuvor von Richard Wolff in der Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament (Aus Politik und Zeitgeschichte) vom 18. 1. 1956 publizierte Forschungsbericht ber den Reichstagsbrand 1933 desavouiert werden. Tobias bedient sich generell unglaubwrdiger Nazizeugen, darunter der Gestapo-Chef Rudolf Diels, der 1933 direkt Hermann Gring unterstellt und mit der Verfolgung der kommunistischen Bewegung befat war.

Der energische Widerspruch, der von bekannten Wissenschaftlern erhoben wurde, wie vom Politologen Karl Dietrich Bracher, vom Historiker Walther Hofer, vom Politologen Eugen Kogon, vom Historiker Golo Mann, vom Literaturwissenschaftler Hans Mayer sowie vom Historiker Friedrich Zipfel - Positionen frherer DDR-Wissenschaftler werden absichtlich nicht genannt -, wurde ohne Bedenken in den Wind geschlagen.

Schlielich sahen sich die renommierten Mnchener Vierteljahreshefte fr Zeitgeschichte zur berprfung der Tobias-Thesen im Spiegel veranlat. Nachdem Martin Broszat in grundstzlichen Errterungen zum Streit um den Reichstagsbrand (Jg. 1960, Nr. 3, S. 277f.) wenigstens ein peinliches Entdeckerpathos des Spiegel in Sachen Reichstagsbrand anmerkte, weil es besttigt, wie nachhaltig der propagandistisch glnzende Einfall Hitlers gewirkt hat, die eigentliche Staatsstreichbrandfackel (die Notverordnung vom 28. 2. 1933 mit ihren unzhligen Konsequenzen) im Schatten des weithin sichtbaren Feuers im Reichstag anzustecken, stellte sich die sptere Recherche des Historikers Hans Mommsen zum Reichstagsbrand und seinen politischen Folgen (Jg. 1964, Nr. 12, S. 351ff.) voll hinter die Alleintterthese von Tobias und verlieh ihr damit quasi wissenschaftliche Weihen.

Ungeachtet zwischenzeitlich vorgelegter neuer Forschungsergebnisse, z.B. des Internationalen Komitees Luxemburg (Der Reichstagsbrand. Eine wissenschaftliche Dokumentation), oder der soliden Dokumentenbnde Der Reichstagsbrandproze und Georgi Dimitroff, die die Marxismus-Institute in Berlin, Moskau und Sofia 1982 bis 1989 herausgaben, fand die Alleintterthese mit ihrer die Nazis entlastenden Geschichtsflschung und ihrer antikommunistischen Folgewirkung bis heute unkorrigierten Eingang in die bundesdeutschen Schulbcher.

Wie Volker Klow im ND-Beitrag vom 29. 12. 2000 ber die Mr vom Einzeltter belegt, stellt sich nun obendrein heraus, da das Mnchener Institut ursprnglich nicht Hans Mommsen mit der berprfung der Spiegel-Recherche beauftragte, sondern zunchst den Historiker Hans Schneider engagiert hatte. Dessen Studie erklrte die von Tobias vorgetragene Argumentation fr die Alleintterschaft van der Lubbes als in der Wissenschaft ohne Beispiel. Offenbar deshalb hielt Hans Mommsen in einer Aktennotiz fr das Institut fest, da aus allgemeinpolitischen Grnden eine derartige Publikation unerwnscht scheint.

Entlarvte Brandstifter

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand stellte sich Ernst Torgler, der Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion, zum Beweis seiner Unschuld den Polizeibehrden, whrend die drei verdchtigen Auslnder Dimitroff, Popoff und Taneff infolge einer Denunziation am 9. Mrz 1933 in die Hnde der faschistischen Inquisitoren fielen. Die Nazis behaupteten gleich nach dem Brand ohne Beweis ein internationales kommunistisches Komplott der aufrhrerischen Brandstiftung und des Hochverrats.

In seiner ersten schriftlichen Erklrung an die polizeiliche Untersuchungsbehrde stellte Georgi Dimitroff fest: Nach meiner tiefen berzeugung kann die Inbrandsetzung des Reichstages nur das Werk verrckter Leute oder aber der rgsten Feinde des Kommunismus sein, die durch diesen Akt eine gnstige Atmosphre fr die Zertrmmerung der Arbeiterbewegung und der Kommunistischen Partei Deutschlands schaffen wollen. Ich bin aber weder verrckt noch ein Feind des Kommunismus. Damit gab Georgi Dimitroff schon die Linie vor, die er sowohl in der Untersuchungshaft als auch whrend des Reichstagsbrandprozesses zur Entlarvung der faschistischen Brandstifter und zu seiner politischen Selbstverteidigung einschlagen wrde. Und er wute, worauf er sich einlassen wrde: Denn am 1. April 1933 notiert er im Tagebuch nach der Tagespresse die Erklrung von Reichskommissar Hanns Kerrl, wonach es das Vorurteil des formalliberalistischen Rechts ist, da der Gtze der Rechtsprechung die Objektivitt sein mu. ... Was ist denn Objektivitt im Augenblick des Lebenskampfes eines Volkes? Kennt der kmpfende Soldat, kennt das ringende Heer Objektivitt? ... So ist es einmal eine Selbstverstndlichkeit, da die Justiz eines auf Tod und Leben kmpfendes Volkes nicht tote Objektivittsanbetung betreiben kann. ... (S. 8f.)

Wirklich: Weder die Methoden der Voruntersuchung noch die Prozefhrung waren objektiv, vielmehr der Versuch, mit allen Mitteln - Pressionen gegen die Angeklagten, falsche Zeugenaussagen, Vertuschung der wahren Spuren, Verhinderung einer unabhngigen Verteidigung, verlogene Berichterstattung, Anwendung rckwirkender Strafgesetze, antikommunistische Hysterie und brauner Terror - Ersatztter anstelle der wirklich Schuldigen dingfest zu machen. Im Lichte dieser Tatsachen erscheint die oft wiederholte Behauptung von der damaligen Unabhngigkeit der deutschen Justiz im allgemeinen und des IV. Strafsenats des Reichsgerichts um Dr. Wilhelm Bnger im besonderen als bestenfalls verlogene Halbwahrheit.

In der halbjhrigen Untersuchungshaft war Dimitroff fnf Monate (5. 4. - 31. 8.) in Handschellen gefesselt und mute unter solchen Bedingungen lesen, schreiben, essen und seine Verteidigung vorbereiten. Alle 23 in- und auslndischen Rechtsanwlte, die von Dimitroff oder seiner Familie als Wahlverteidiger beauftragt wurden, lehnte das Gericht ab und bestellte statt dessen den Stahlhelmer Dr. Paul Teichert als Offizialverteidiger, den Dimitroff als Saboteur der Verteidigung bezeichnete. Dimitroff setzte sein Recht auf Selbstverteidigung durch (S. 40 ff.) Im Verlauf des am 21. September 1933 begonnenen Prozesses wurde Dimitroff mehrfach wegen Beamtenbeleidigung von den Verhandlungen ausgeschlossen und so seine Selbstverteidigung behindert.

Proze aus den Fugen

Dennoch geriet der Proze am dritten Tag mit dem ersten Auftritt Dimitroffs vor Gericht aus den Fugen: Es ist wahr, da ich ein Bolschewik, ein proletarischer Revolutionr bin. ... Wahr ist auch, da ich als Mitglied des ZK der bulgarischen KP und Mitglied der Exekutive der KI ein verantwortlicher und fhrender Kommunist bin ... Aber gerade deswegen bin ich kein terroristischer Abenteurer, kein Putschist und kein Brandstifter! Die Rundfunkbertragung des Prozesses wurde sofort eingestellt.

Die Prozefhrung war von Anbeginn tendenzis. Fast alle von Dimitroff benannten Zeugen wurden abgelehnt. Dafr wurden alle denkbaren Belastungszeugen aufgeboten, die die Anklage sttzen sollten: von NSDAP-Abgeordneten und -Ministern, Untersuchungs- und Kriminalbeamten, kuflichen Journalisten und Polizisten bis zu Psychopathen und Kriminellen. Mit den Brandsachverstndigen und inhaftierten Arbeiterzeugen hatte das Gericht wenig Glck. Bekannt sind der von Dimitroff whrend der Verhandlungen gezeichnete Teufelskreis, der nach dem Mephisto im Zentrum der Nazizeugen fragt, die Kontakte zwischen den Angeklagten behaupteten, sowie sein Zwischenruf am 31. Oktober bei der Vernehmung des Kriminellen Lebermann, da damit der Kreis der Anklage-Zeugen geschlossen sei, angefangen mit nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten und beendet mit einem Dieb. (S. 57)

Ausfhrlicher dokumentierte Dimitroff seine Strategie des antifaschistischen Kampfes, der Einheitsfront, die er insbesondere bei der Vernehmung der Arbeiterzeugen entwickelte. In seiner groen Schlurede vom 16. Dezember argumentierte er, da im Februar/Mrz 1933 die Herstellung der Einheitsfront keineswegs den Aufstand und dessen Vorbereitung bedeutete, sondern die Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen den ruberischen Feldzug der Kapitalisten und gegen die Gewalt der Nationalsozialisten. Er brachte die politische Linie auf den Punkt: Massenarbeit, Massenkampf, Massenwiderstand, Einheitsfront, keine Abenteuer - das ist das Alpha und Omega der kommunistischen Taktik. Und nachdem er Goethe zitiert hatte, wonach auf des Glckes groer Waage die Zunge selten einstnde, man entweder leiden oder triumphieren, Ambo oder Hammer sein msse, schlufolgerte Dimitroff: Ja, wer nicht Ambo sein will, der mu Hammer sein! Diese Wahrheit hat die deutsche Arbeiterschaft in ihrer Gesamtheit weder 1918 noch 1923 noch am 20. Juli 1932 noch im Januar 1933 verstanden. (G. Dimitroff, Reichstagsbrandproze, S. 168, 180)

Unter dem Gewicht der Tatsachen wie der Selbstverteidigung Dimitroffs und angesichts der internationalen Solidarittswelle mit den unschuldig Angeklagten mute das Gericht am 23. Dezember die Angeklagten Dimitroff, Popoff, Taneff und Torgler mangels Beweisen freisprechen, obwohl Dimitroff Freispruch wegen erwiesener Unschuld beantragt hatte.

Internationale Solidaritt

Hartnckig wird bis in jngste Zeit behauptet, da Dimitroff nur deshalb eine so unerschrockene Haltung whrend des Leipziger Prozesses einnehmen konnte, weil er vorab um einen Deal von sowjetischem NKWD und faschistischer Gestapo gewut habe, ihn nach dem Proze in die UdSSR abzuschieben. Damit wird nicht nur die Drohung Grings vor Gericht bagatellisiert und der Held von Leipzig herabgesetzt, sondern gem der Totalitarismusdoktrin werden Faschismus und Kommunismus gleichgesetzt.

Die Wahrheit sieht indessen anders aus. Tatschlich frchtete das Hitlerregime die Reaktion der Weltffentlichkeit, zumal whrend des Leipziger Prozesses eine Einheitsfront im Weltmastab entstand, obwohl formell kein Pakt abgeschlossen worden war - wie Dimitroff feststellte. Ungewhnlich war bereits, da Senatsprsident Dr. Bnger bei der Prozeerffnung mit einem Statement auftrat, wonach das weltweite Interesse am Proze den Gerichtshof nicht beeinflussen knne, sondern dieser sich lediglich nach dem Prozeverlauf richten werde. Das war eine Reaktion auf das Braunbuch, ein antifaschistisches Zeitdokument in der Regie Willi Mnzenbergs, und auch auf die Internationale Untersuchungskommission zur Aufklrung des Reichstagsbrandes - den sogenannten Londoner Gegenproze - unter Vorsitz des britischen Kronanwalts D. N. Pritt, der am Vorabend des Prozesses in Leipzig ein grndlich recherchiertes Gutachten zur Reichstagsbrandstiftung verffentlichte, wonach es erstens unmglich war, da van der Lubbe das Feuer allein gelegt haben konnte, zweitens vieles dafr sprach, da Nazikreise die Brandstiftung ausgefhrt hatten, drittens die vier angeklagten Kommunisten in keinerlei direkter oder indirekter Beziehung zum Reichstagsbrand standen (D. N. Pritt, Memoiren, 1970, S. 30 ff., 40).

Die demokratische Weltffentlichkeit war es, die den Freispruch der Angeklagten erzwang; die Verleihung der sowjetischen Staatsbrgerschaft am 15. Februar 1934 an die drei Bulgaren bewirkte nach weiteren zwei Monaten Schutzhaft ihre Freilassung am 27. Februar 1934. Das war nicht vorbestimmt, denn noch am 4. Januar 1934 insistierte Gestapo-Chef Diels in einer interministeriellen Beratung im Auftrage Grings darauf, da dem Herrn Ministerprsidenten keinesfalls zugemutet werden knne, da ein politischer Verbrecher, der fr alle Zukunft sein geschworener Feind sein msse, in Freiheit gesetzt werde. Vielmehr ginge die Absicht des preuischen Ministerprsidenten dahin, Dimitroff in ein Konzentrationslager zu bringen und ihn dort genauso zu behandeln wie die anderen mageblichen kommunistischen Funktionre Thlmann, Schneller usw. ... Jedenfalls sei es eine undenkbare Vorstellung, wenn ein Mann wie Dimitroff, der durch den Leipziger Proze in aller Welt bekannt geworden sei, und der aus seiner rein bolschewistischen Einstellung nie ein Hehl gemacht habe, ohne weiteres Deutschland verlassen und nun gewissermaen einen Siegeszug durch die ganze Welt antreten knne. (Niederschrift des Reichsinnenministeriums vom 4.1.1934)

Die Intervention der Sowjetregierung zugunsten ihrer Staatsbrger erzwang schlielich deren Ausweisung in die UdSSR, genau am Jahrestag des Reichstagsbrandes. Es geht nicht um eine undifferenzierte Glorifizierung von Dimitroffs Lebensweg, wohl aber darum, seinem antifaschistischen Kampf Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, den er whrend des Reichstagsbrandprozesses schon fhrte, als andere, heute hochgeehrte Persnlichkeiten, z.B. Mnner des 20. Juli 1944, noch tief in das Herrschaftssystem des Hitlerfaschismus verstrickt waren.

Vorauseilender Gehorsam

Als die Leipziger Stadtratssitzung am 11. Juni 1997 in vorauseilendem Gehorsam vor dem knftigen Hausherrn des Gebudes des ehemaligen Reichsgerichts, dem Bundesverwaltungsgericht, die Umbenennung des vorgelagerten Georgi-Dimitroff-Platzes mit 32 Stimmen bei 25 Gegenstimmen und sieben Enthaltungen beschlo - schon zur Wende war das Georgi-Dimitroff-Museum aus dem Gebude exmittiert worden - bewies sie blinden Eifer bei der Eliminierung antifaschistischer Geschichtstraditionen. Das leitete Wasser auf die Mhlen des nicht zufllig auflebenden Rechtsextremismus. Ist die Tilgung des Andenkens an bekannte Antifaschisten, die Kritik am angeblich in der DDR verordneten Antifaschismus nicht Ermunterung fr neofaschistische Krfte, gerade auch im Osten Deutschlands?

Dennoch bleibt es dabei: Georgi Dimitroff ist der Held von Leipzig, der dem Antifaschismus weltweit Impulse verlieh und dem Faschismus die erste schwere politische Niederlage beibrachte!

(Wird demnchst fortgesetzt. Der erste Teil erschien am 22. Dezember 2000)

Textende -->

 

Hhen und Tiefen der Volksfrontpolitik
Zu den Tagebchern Georgi Dimitroffs (Teil III). Von Prof. Dr. Ernstgert Kalbe

Textanfang -->

Zunchst eine Vorbemerkung: Die deutsche Ausgabe (Georgi Dimitroff, Tagebcher 1933-1943, hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, 708 S. Tagebuchtext) und die groformatige bulgarische Ausgabe (Georgi Dimitrov, Dnevnik: 9 mart-6 februari 1949, Sofia 1997, 652 S. Tagebuchtext) unterscheiden sich zunchst dadurch, da erstere die Eintragungen Dimitroffs nur bis zur Auflsung der Komintern im Juni 1943, letztere seine vollstndigen Tagebuchnotizen bis Anfang 1949 beinhaltet - wie mir scheint ein konzeptionell unterschiedliches Anliegen beider Verffentlichungen: Die deutsche Ausgabe will eine vorwiegend kritische Sicht auf Dimitroffs Rolle in der Komintern vermitteln, whrend die bulgarische Ausgabe die Persnlichkeit Dimitroffs in ihrem gesamten Wirken mit Verdiensten und Verfehlungen, deren roter Faden im unbeirrbaren Antifaschismus besteht, vorstellen mchte.

Zum heutigen Gegenstand: Trotz der gewhlten berschrift mchte der Rezensent, gesttzt auf beide Ausgaben, seine Betrachtungen bis Mai 1945, bis zum Sieg der Antihitlerkoalition ber den Hitlerfaschismus ausdehnen, weil darin die Konsequenz der ber Hhen und Tiefen verfolgten Volksfrontpolitik, quasi als Kehrseite zur Politik der kollektiven Sicherheit und Antihitlerkoalition, besteht. Die historische Zsur - auch im Leben Dimitroffs - ist der 8. Mai 1945, nicht der 8. Juni 1943!

Neue Verantwortung

Nach der Verleihung der sowjetischen Staatsbrgerschaft an die im Reichstagsbrandproze freigesprochenen Bulgaren wurden Dimitroff, Popoff und Taneff ausgewiesen und am 27. Februar 1934 per Flugzeug via Knigsberg nach Moskau geflogen, wo ihnen ein grandioser Empfang bereitet wurde.

Bei einer Zusammenkunft mit Stalin, Molotow, Knorin und anderen am 7. April 1934 wurde Dimitroff zur leitenden Arbeit in der Komintern gedrngt. Wenig spter drngte auch Dimitri S. Manuilski Georgi Dimitroff, da man aus dem Gesprch mit Stalin Konsequenzen ziehen msse: Wir brauchen in der KI einen >Chasjain< (Hausherrn). Die Geschichte hat Dich durch den Leipziger Proze in den Vordergrund gestellt. Du hast ungeheure Popularitt unter den Massen. Deine Stimme hat kolossale Resonanz. Du mut die Leitung bernehmen. Ehrenwort, ich werde Dir mit 120 Prozent in allem helfen. Du mut die Leute auswhlen und sie zusammenfhren. Das wird nicht leicht gehen. Es gibt vieles umzustellen. Bei uns gibt es schreckliche Routine und Brokratismus. Ich habe lngst versucht, das zu verndern, aber mir fehlt die ntige Autoritt. Du hast diese Autoritt. Und wenn es auch Dir nicht gelingen sollte, dann bliebe alles wieder beim alten - und ich mu Dir sagen, dann hat es keinen Zweck, in der KI zu arbeiten. (...) Notwendig ist der Kontakt mit Stalin. Bei Dir wird das leichter sein. Er wird sich mit Dir verstndigen. (deutsche Ausgabe S.103)

In der Tat: Dimitroff fand Zugang zu Stalin. Wegen seiner unwandelbaren Ergebenheit gegenber der Sowjetunion und angesichts seines offensichtlichen Glaubens in die Autoritt Stalins, der dieses Vertrauen seinerseits lange - mit Schwankungen bis zum Kriegsende - erwiderte, betrieb Dimitroff in der Komintern eine auf die UdSSR gesttzte und zugleich von ihr abhngige Politik, die er nicht als hegemoniale sowjetische Gromachtpolitik, sondern als im Interesse eines weltrevolutionren Prozesses liegend begriff. Von der kommunistischen Bewegung seiner Zeit geprgt, verteidigte Dimitroff die Sowjetunion bedingungslos als vermeintliche Inkarnation sozialistischer Hoffnungen und verdrngte dabei, soweit berhaupt reflektiert, auch stalinistische Deformationen.

Tatschlich gab es damals wohl auch zwei Wahrheiten nebeneinander: einerseits Arbeitsenthusiasmus und Aufschwung im Sowjetlande und andererseits eine repressive Modernisierungs- und Sicherungspolitik, die in quasi zaristisch-etatistischer Tradition zu terroristischen Herrschafts- und brokratischen Kommandomethoden in Gesellschaft und Wirtschaft mutierte. In diesem Kontext verstrickte sich auch Dimitroff in die destruktive und letztlich selbstzerstrerische Repressionspolitik des stalinistischen Sowjetsystems.

Obwohl infolge der faschistischen Haft gesundheitlich schwer angeschlagen, strzte sich Georgi Dimitroff - von vielen Krankheiten unterbrochen - engagiert in die Vorbereitung des VII. Weltkongresses der Komintern, was im Tagebuch nur sprlich dokumentiert ist. Notizen zum Jahr 1935 fehlen fast vollstndig und ber den VII. Weltkongre vom 25. Juli bis 20. August 1935 gnzlich. Offenbar wurden diese Seiten - warum auch immer - aus dem Tagebuch herausgerissen.

Wende in der Kominternpolitik

Ausgewiesen sind nur Beratungen ber die Tagesordnung im April/Mai 1934, bekannt sind sein Brief samt Expos zum Hauptreferat, das Ende Juni/Anfang Juli in der Vorbereitungskommission beraten wurde, sowie die Tagung des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) im Dezember 1934, auf der Erfahrungen der antifaschistischen Bewegung und strategische Konsequenzen der Aktionseinheit gegen Faschismus und Krieg errtert wurden.

Die Beschlsse des VII. Weltkongresses zur antifaschistischen Einheits- und Volksfrontpolitik, mit denen die Konsequenzen des faschistischen Machtantritts in Hitlerdeutschland gezogen und die Erfahrungen der franzsischen Volksfront 1934/35, der bewaffneten Kmpfe in sterreich im Februar 1934 sowie des bewaffneten Generalstreiks im Oktober 1934 in Spanien verallgemeinert wurden, stellen eine wirkliche Wende in der Politik der Komintern dar, die gegen linksorthodoxe Auffassungen durchgesetzt werden mute. Nicht zufllig scheint mir, da Dimitroff im Tagebuch gleichsam als sein Credo des Antifaschismus immer wieder auf Jahrestage des Reichstagsbrandprozesses zurckkommt.

Gegen Faschismus und Krieg

Georgi Dimitroff definiert im November 1936 nochmals den Sinn der Volksfrontpolitik: Die Herstellung der Volksfront bedeute, wie am Beispiel Frankreichs und Spaniens ersichtlich, einen Umschwung im Krfteverhltnis zwischen Proletariat und Werkttigen einerseits und der faschistischen Bourgeoisie andererseits: Ebnen die Spaltung in den Reihen der Arbeiterklasse und das Fehlen der Aktionseinheit zwischen ihr und den brigen werkttigen Volksschichten dem Faschismus den Weg zur Macht, so sichern die Einheit der proletarischen Reihen, die Bildung der Volksfront den Sieg der Demokratie ber den Faschismus, schtzen die Welt vor den faschistischen Kriegsbrandstiftern und ebnen letzten Endes den Weg zum Sieg der Arbeit ber das Kapital. (Dimitroff, Ausgewhlte Schriften, Bd. 3, S. 37 f.). Deshalb betrachtete er es als politische Kurzsichtigkeit linker Kritiker, der Politik der Volksfront die Prinzipien des Klassenkampfes entgegenzusetzen. Wiederholte Angebote des EKKI an die Sozialistische Arbeiter-Internationale zur Aktionseinheit gegen den Faschismus scheiterten an wechselseitigen Vorbehalten, bewirkten jedoch wenigstens die Duldung von Einheitsfrontabkommen auf nationaler Ebene, so in Frankreich und Spanien.

Das Tagebuch gibt Einblick in vielfltige Aktivitten zur Entwicklung der Volksfront in Europa. Es dokumentiert das Auf und Ab der Volksfront in Frankreich. Es belegt die vielfltige politische, materielle und militrische Hilfe von Komintern und Sowjetunion fr die spanische Republik gegen den Franco-Putsch, macht jedoch auch deutlich, da sich wirksame Aktionen wiederholt mit politischer Einmischung in innere Angelegenheiten verbanden.

Die eskalierende Aggressivitt des Faschismus, verbunden mit einer beschmenden Befriedungspolitik der Westmchte gegenber den faschistischen Achsenmchten, bewirkten die Schwchung und Niederlagen der Volksfrontpolitik seit 1938. Diese Entwicklung kulminierte in der sogenannten Sudetenkrise und dem schndlichen Mnchener Abkommen vom 29. September 1938 zur Preisgabe der Tschechoslowakei, das die Politik der kollektiven Sicherheit fragwrdig machte, die Volksfront in Frankreich spaltete und die spanische Volksfront schrittweise zum Rckzug zwang. Dimitroff konstatierte am 11. Oktober 1938: Zieht man ein vorlufiges Fazit der jngsten Ereignisse, mu man sagen, da die Arbeiterklasse (und das bedeutet auch die kommunistische Partei) der wichtigsten kapitalistischen Lnder auch diesmal die Prfung nicht bestanden hat. Dem Faschismus ist ein weiterer zeitweiliger Sieg gelungen, zudem ein fr ihn unblutiger Sieg, der fast keine Opfer gekostet hat. (S. 204)

Die Sowjetregierung leitete im Mai 1939 mit der Ablsung von M. M. Litwinow und der Ernennung W. M. Molotows zum Auenminister einen auenpolitischen Kurswechsel ein, der im Abschlu des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages gipfelt.

Verstrickung in Repressionen

Der wegen der internationalen Lage ohnehin deutliche Einfluverlust der Komintern verband sich zudem mit der Eskalation der innenpolitischen Repressionspolitik Stalins, die nicht ohne Auswirkungen auf die Komintern bleiben konnte. Dimitroffs Tagebuch verzeichnet - von Ausnahmen abgesehen - gewhnlich nur knappe, zumeist zurckhaltende Eintrge zu den Verfolgungen und Prozessen der dreiiger Jahre, was man als innere Distanz oder vorsichtigen Selbstschutz auffassen kann. Natrlich registriert er den ersten Moskauer Schauproze vom August 1936 (gegen Kamenjew, Sinowjew und weitere Angeklagte) wie den zweiten vom Januar 1937 gegen das antisowjetische trotzkistische Zentrum (Pjatakow, Sokolnikow, Radek und andere) ebenso wie die Jagd auf den Block der Rechten und Trotzkisten, dem im Mrz 1938 Bucharin, Rykow und viele andere zum Opfer fielen. Mit Ausnahme einer negativen Bemerkung zu Bucharin trifft Dimitroff aber keine persnlichen Wertungen.

Im Gegensatz dazu gibt er breit zwei Gesprche mit Lion Feuchtwanger und Maria Osten vom 18. Dezember 1936 (S. 140) und 2. Februar 1937 (S. 148) wieder. Im ersten Gesprch drckte Feuchtwanger sein Unverstndnis darber aus, da alle Angeklagten alles gestehen, obwohl auer den Gestndnissen keine Beweise vorliegen, whrend er beim zweiten Gesprch Spionage und Diversionsakte einrumt, jedoch nochmals konkreten Beweismangel moniert und Kritik an unfltigen Beschimpfungen der Angeklagten bt.

Dimitroff merkt zum ersten Gesprch an, da die Protokolle des Prozesses nachlssig zusammengestellt, voller Widersprche und nicht berzeugend seien, whrend zum zweiten Besuch festgehalten wird, da in der Bevlkerung eine Atmosphre auerordentlicher Unruhe entstanden sei, gegenseitiger Verdchtigungen, Denunziationen usw.

Wiederholt erlebt Dimitroff die Verhaftung sowjetischer und auslndischer Mitarbeiter des EKKI, Mitstreiter aus engster Umgebung, die er hufig ohne Einspruch hinnimmt. Besonders tragisch ist die Verstrickung Dimitroffs in die Auflsung der KP Polens im November 1937 und die Verfolgung ihrer ZK-Mitglieder. Andererseits bezeugt das Tagebuch wiederholte Flle seines Einsatzes fr verhaftete bulgarische Landsleute oder auslndische Kommunisten, darunter deutsche und jugoslawische Emigranten, was schon aus jugoslawischen Quellen bekannt ist.

brigens war auch die Komintern-Fhrung unverhllten Drohungen ausgesetzt, so Stalins, der die Komintern beschuldigte, dem Feind in die Hnde zu arbeiten (S. 149), oder Jeshows, der die grten Spione in der KI whnte (S. 158). Letztlich trgt Dimitroff Mitverantwortung fr Repressalien gegen sowjetische und auslndische Kommunisten, auch wenn er versuchte, das Schlimmste von der Komintern abzuwenden. Angesichts der damals herrschenden Umstnde ist freilich eine Alternative schwer vorstellbar, was erneut besttigt, da Widerspruch gegen die eigene Partei schwerer war als Widerstand gegen den Feind.

Nach dem Scheitern der Bndnisverhandlungen zwischen der UdSSR und den Westmchten im Sommer 1939 unterschrieb die Sowjetregierung am 23. August den deutsch- sowjetischen Nichtangriffspakt und am 26. September 1939 einen Grenz- und Freundschaftsvertrag. War der erstgenannte Vertrag unter dem Aspekt sowjetischer Staatsrson noch erklrlich, so verletzten das zugehrige Geheimprotokoll wie der zweite Vertrag - wegen seiner territorialen Konsequenzen, namentlich der polnischen Teilung - alle vlkerrechtlich gesetzten Normen.

Kontrre Kriegssituationen

Dieser auenpolitische Kurswechsel wurde offenbar nicht mit dem EKKI vorberaten, wie die seltsam knappen Notizen im Tagebuch zum Nichtangriffspakt verraten, der faktisch die antifaschistische Volksfrontpolitik desavouierte. Nicht nur in den kommunistischen Parteien verbreitete sich Unsicherheit; es dauerte immerhin bis zum 9. September, ehe das EKKI - nach Instruktion durch Stalin - eine Direktive verabschiedete, die den am 1. 9. 1939 begonnenen Zweiten Weltkrieg als imperialistischen, ungerechten Krieg zweier Gruppen kapitalistischer Lnder um die Weltherrschaft einschtzte, weshalb die Teilung der kapitalistischen Staaten in faschistische und demokratische jetzt ihre frhere Bedeutung verloren habe und die kommunistischen Parteien eine gegen den imperialistischen Krieg gerichtete Politik verfolgen mten (S. 275).

Dimitroff orientierte nunmehr auf eine antiimperialistische Volksfront, auf Massenaktionen zur Beendigung des Krieges, auf Verhinderung der Einbeziehung weiterer Lnder in den Krieg, gesttzt auf die Sowjetunion.

Dennoch untersttzte Dimitroff den national gerechten Widerstand der vom Faschismus okkupierten oder versklavten Lnder und Vlker, z.B. der Tschechoslowakei und Polens oder spter Frankreichs und Jugoslawiens, wie aus Dokumenten des Dimitroff-Fonds 146 im ehemaligen bulgarischen Parteiarchiv hervorgeht. Erst mit dem berfall der faschistischen Achsenmchte am 22. Juni 1941 auf die UdSSR erlebte die antifaschistische Volksfrontstrategie ihre nachdrckliche Auferstehung, wie wir sowohl aus einer Dimitroff-Rede vor dem EKKI-Sekretariat vom gleichen Tage (CPA Sofia, Fonds 146, Op.2., A.E.431, pag.2-4) wie aus seinem Tagebuch wissen: aktive Untersttzung des Vaterlndischen Krieges der Sowjetunion; Organisierung nationaler Befreiungsbewegungen in den faschistisch besetzten Lndern; Hauptschlag gegen den Faschismus, fr Demokratie und Unabhngigkeit! Die operative Leitung des EKKI wurde in die Hnde von Dimitroff, Manuilski und Ercoli (Palmiro Togliatti) gelegt und konzentrierte sich auf die Untersttzung der KPs bei der Schaffung nationaler antifaschistischer Fronten, auf die Entfaltung des Widerstandes und Partisanenkrieges im Hinterland des Feindes, auf antifaschistische Rundfunkpropaganda und auf die Arbeit unter kriegsgefangenen Soldaten der Achsenmchte.

Der Vorwurf der Kooperation des EKKI mit dem sowjetischen NKWD und der militrischen Abwehr geht insofern ins Leere, als Aktivitten auslndischer Brger unter Kriegsbedingungen in jedem Lande geheimdienstlich observiert und begleitet werden, was keine unbegrndeten Verhaftungen rechtfertigt, die es freilich weiterhin zur Genge gab.

Insgesamt sei festgestellt, da das EKKI und Dimitroff als Person whrend der ersten Kriegsjahre eine ungeheure Arbeit bewltigten, auch als Komintern-Organe whrend der Schlacht um Moskau aus der Hauptstadt nach Kuibyschew und Ufa umsiedelten.

Besondere Erwhnung verdienen der engagierte Einsatz Dimitroffs fr die Grndung der Polnischen Arbeiterpartei um P. Finder, M. Novotko und B. Molojec im Jahre 1942, seine Untersttzung der jugoslawischen Volksbefreiungsbewegung um die KPJu und J. B. Tito, die lange gegen zgerlichen Widerstand Stalins erfolgte, sowie die enge Zusammenarbeit mit der KPD (W. Pieck, W. Florin, W. Ulbricht und A. Ackermann) hinsichtlich des deutschen Radiosenders, der Arbeit unter den Kriegsgefangenen und der Grndung eines Nationalkomitees Freies Deutschland.

Im Umgang mit seinen Mitarbeitern war Dimitroff an kollegialer Zusammenarbeit interessiert. Als z.B. einige Abteilungsleiter ihren Mitarbeitern den direkten Zugang zu Dimitroff verbieten wollten, ordnete er an, da jeder Mitarbeiter des EKKI-Apparates sich direkt an den Generalsekretr wenden kann, wenn er dies im Interesse der Sache fr notwendig erachtet. (S. 618)

Auflsung der Komintern, kein Ende der Arbeit

Im Frhjahr 1943 drngte die sowjetische Fhrung mit Rcksicht auf Empfindlichkeiten der westlichen Alliierten, die die Komintern als Instrument sowjetischer Auenpolitik verstanden, auf die Auflsung der Komintern. Nach mehreren Beratungen im EKKI- Prsidium wurde die Meinung der nationalen KI- Sektionen eingeholt, die dem Vorschlag smtlich zustimmten. Mit der Begrndung, da die Leitung der nationalen Arbeiterparteien von einem Zentrum aus nicht mehr mglich sei, wurde am 8. Juni 1943 die Auflsung der Komintern beschlossen (S. 689-706).

Zur Weiterfhrung der internationalen Zusammenarbeit wurde im ZK der KPdSU (B) eine Abteilung Internationale Information gebildet, deren nominelle Leitung anfangs bei A. S. Tschtscherbakow und alsbald direkt bei Georgi Dimitroff lag.

In den letzten beiden Kriegsjahren stand fr Georgi Dimitroff die Beratung der KPs, vor allem der ost- und sdosteuropischen Lnder bei der Entfaltung des antifaschistischen Widerstands, der Formierung Nationaler Fronten, der Erarbeitung volksdemokratischer Programmdokumente fr die Nachkriegszeit und bei der Zusammenarbeit der Parteien der Balkanlnder im Vordergrund. Unberhrbar sind seine Warnungen vor bereilten Schritten zu sozialistischen Gesellschaftsvorstellungen.

Wesentliche Aussagen sind auch zur Arbeit mit den polnischen und deutschen Kommunisten an deren politischen Nachkriegskonzeptionen enthalten. Am 17. Mrz 1945 notiert Georgi Dimitroff Gesprche mit Stalin und Molotow zur deutschen Frage nach der Jalta-Konferenz (bulg. Ausgabe, S. 471). Endlich am 8. Mrz 1945 verzeichnet Dimitroff im Tagebuch: In Berlin wurde der Akt der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands unterzeichnet. Der Krieg in Europa ist beendet! (bulg. Ausgabe S. 477)

(Wird demnchst fortgesetzt. Die ersten beiden Teile erschienen am 22. 12. 2000 und am 19. 1. 2001)

 

Volksdemokratie und Balkanfderation
Zu den Tagebchern Georgi Dimitroffs (Teil IV). Von Ernstgert Kalbe

Textanfang -->

Die zwei abschlieenden Teile meiner Betrachtungen zu Dimitroffs Tagebchern ber die Jahre 1943/45 bis 1949 sttzen sich allein auf die bulgarische Ausgabe (Georgi Dimitrov: Dnevnik, Sofia 1997), da die rund 270 Druckseiten seiner Aufzeichnungen nach Auflsung der Komintern im Juni 1943 bzw. gut 170 Seiten nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands in die deutsche Ausgabe (Georgi Dimitroff: Tagebcher 1933-1943. Berlin 2000) nicht aufgenommen worden sind.

Die historische Wendezeit nach dem Sieg der Antihitlerkoalition der Vlker ber den Faschismus stellt den letzten Abschnitt des ereignisreichen und widerspruchsvollen Lebens Georgi Dimitroffs dar, der zur Krnung seines Weges als unbeugsamer Antifaschist und revolutionrer Kommunist htte fhren sollen, der indes mit persnlichen Enttuschungen und politischer Desillusionierung endete.

Umbruch 1945

Dabei waren die Chancen fr einen Weg zu antifaschistischer Demokratie und demokratischem Sozialismus gnstig wie nie zuvor. Die Erfahrungen antifaschistischer Volks- und nationaler Befreiungsfronten gegen die faschistischen Aggressoren in Europa, die gewachsene Autoritt der siegreichen Sowjetunion und das im antifaschistischen Widerstand gestiegene Ansehen der kommunistischen Parteien, die im Krieg gewonnene berzeugung der Vlker von der notwendigen Ausrottung des Faschismus samt seiner gesellschaftlichen Wurzeln, erzeugten eine hoffnungsvolle Stimmung des Aufbruchs zu neuen Ufern, zu antiimperialistischer Demokratie, nationaler Freiheit und demokratischem Sozialismus in breiten Volksschichten. Dafr htte es eines offenen Bndnisses aller revolutionren und demokratischen Krfte bedurft, die im Ringen um Konsens und unter Nutzung demokratischer Formen und nationaler Traditionen ber antifaschistische Reformen die Gesellschaft revolutionr umgestaltet htten. Dieses Konzept wurde jedoch durch doktrinre Fhrungsansprche der kommunistischen Parteien, sektiererischen Avantgardismus, vorschnelle Schritte sozialkonomischer Umwlzung und schlielich diktatorische Machtausbung entwertet.

Die damals viel diskutierten nationalen Wege oder volksdemokratischen Wege zum Sozialismus boten durchaus Mglichkeiten fr einen revolutionr-demokratischen Umbruch der Gesellschaft, bei dem politische Irrwege und grobe gesellschaftliche Deformationen, wie sie dann eintraten, vermeidbar gewesen wren. So aber trug revolutionre Ungeduld zum Scheitern der Revolution bei.

Bereits 1918 hatte Rosa Luxemburg die Bolschewiki gemahnt, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen, sondern anstelle der brgerlichen sozialistische Demokratie zu entwickeln. Wenn dagegen das ffentliche demokratische Leben allmhlich einschliefe, bliebe die Brokratie allein das ttige Element. In Wirklichkeit regierte und dirigierte ein Dutzend Parteifhrer und bot von Zeit zu Zeit eine Elite der Arbeiterschaft zu Versammlungen auf, um den Reden der Fhrer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft - eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d. h. Diktatur im rein brgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobinerherrschaft. (Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S.363)

Freilich wirkten auch innere und uere Faktoren, die die demokratischen Chancen der Umbruchzeit nach 1945 negativ beeinfluten und letztlich zerstrten. Da ist zunchst die in der kommunistischen Bewegung verwurzelte Geringschtzung formalen Rechts und formaler Demokratie und eine auf Macht - nicht auf reale Hegemonie - verkrzte Sicht auf die Diktatur des Proletariats; da ist sodann das Allgemeingltigkeit beanspruchende Beispiel des sowjetischen Sozialismusmodells, das zur Nachahmung aufforderte; da sind schlielich der Zerfall der Antihitlerkoalition und die Spaltung der Nachkriegswelt in zwei antagonistische Lager, die wiederum verschrfte internationale Konfrontationen und Konflikte der sozialpolitischen Krfte im Inneren der noch instabilen osteuropischen Volksdemokratien auslsten und deren ohnehin gering ausgeprgten politischen Kultur schadeten.

Georgi Dimitroff war ein berzeugter Anhnger der Sowjetunion, zu der er trotz aller ihm bekannten Widrigkeiten keine reale Alternative sah. Er war ein Mensch seiner Zeit, der sich zur kommunistischen Ideologie bekannte, ein Kmpfer im Namen eines sozialistischen Ideals und einer sich darauf berufenden Politik. Jedoch gab es zwischen weltanschaulicher Ideologie, theoretischem Ideal und konkreter Politik hufiger gravierende Divergenzen als konfliktlose bereinstimmung, wie brigens bei allen ideellen und sozialen Bewegungen in der Geschichte, die das quasi messianistische Ziel einer besseren Welt verfolgten.

Heimkehr nach 22 Jahren

Auf seinen Antrag entlie das Prsidium des Obersten Sowjets der UdSSR Georgi Dimitroff am 21. August 1945 aus seinem Deputiertenmandat sowie aus der ihm 1934 verliehenen sowjetischen Staatsbrgerschaft, damit er bei den anstehenden Wahlen zur bulgarischen Volksversammlung fr die Vaterlndische Front Bulgariens kandidieren konnte (Dnevnik, S.494). Die Vaterlndische Front war noch im Krieg 1942/43 mit seiner aktiven Mitwirkung gegrndet worden und hatte nach dem Umsturz vom 9. September 1944 die Regierungsgewalt bernommen. Am 4. November 1945 kehrte Georgi Dimitroff nach zweiundzwanzigjhriger Abwesenheit nach Bulgarien zurck und hielt am 6. November im Sofioter Nationaltheater, enthusiastisch begrt, eine programmatische Rede: Das Volk mu sein Wort sprechen, mu es frei sprechen. Diese Wahlen mssen und werden die Grundlagen unserer bulgarischen Demokratie festigen. Das ist keine sowjetische sozialistische Demokratie, aber es ist auch nicht die falsche, verlogene Demokratie Muschanoffs (bulgarischer Ministerprsident 1932-34, der Dimitroff 1933 die Rckkehr verweigert hatte, E.K.). Sie ist, sie mu und wird eine Volksdemokratie, die Demokratie der Vaterlndischen Front sein. (...) Und in dieser Vaterlndischen Front sind die Mitglieder, Anhnger und Sympathisanten von fnf Parteien vereinigt (Bulgarische Arbeiterpartei/Kommunisten, Bauernbund, Sozialdemokratische Arbeiterpartei, Volksbund Zveno, Radikale, E. K.). Die Parteien der Vaterlndischen Front sind auf der Basis einer positiven Plattform, eines aufbauenden Programms, eines schpferischen Werkes vereinigt. Schauen Sie aber auf die Oppositionellen: Auf welcher Basis sind sie vereinigt? Wenn berhaupt von einer Vereinigung bei ihnen die Rede sein kann, so ist es die Vereinigung auf dem Boden der Zerstrung der Volkseinheit. (Georgi Dimitroff: Ausgewhlte Schriften, Bd.3, Berlin 1958, S. 256 f.)

Die Opposition, bestehend aus den rechten Flgeln des Bauernbundes, der Sozialdemokratie und der Demokratischen Partei, hatten in Erwartung westlicher Untersttzung die Fehlentscheidung getroffen, die Wahlen vom 18. November 1945 zu boykottieren. Angesichts des Wahlsieges der Vaterlndischen Front, die bei einer Beteiligung von 85,5 Prozent der Whler 88 Prozent Zustimmung erreichte, hatte sich die Opposition selbst isoliert. Auch bei den Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung vom 27. Oktober 1946, an denen die Opposition nunmehr teilnahm, errangen die Parteien der Vaterlndischen Front fast 70 Prozent der Stimmen, davon die Bulgarische Arbeiterpartei/Kommunisten (BAP) allein 53 Prozent, whrend auf die Opposition 30 Prozent der Stimmen entfielen. Als Konsequenz aus diesem Krfteverhltnis whlte die Nationalversammlung Georgi Dimitroff zum neuen Ministerprsidenten.

Freilich sind politische Krfteverhltnisse selten allein an Wahlergebnissen abzulesen. Whrend sich damals die traditionelle Russophilie der Bulgaren fr die Vaterlndische Front positiv auswirkte, weckten auerordentlich harte Urteile von Volksgerichten ber Trger und Anhnger des gestrzten monarcho-faschistischen Regimes, das hohe Tempo sozialkonomischer Umwlzungen im Lande und die gnadenlose Verurteilung von Oppositionspolitikern wegen volksfeindlichen Verrats auch Mitrauen im stdtischen und drflichen Kleinbrgertum. Auch in Bulgarien setzte sich so eine repressive Sicherheitspolitik durch, die eine flexible Bndnispolitik verletzte.

Schlielich trugen die hufig politischen Augenblicksbedrfnissen geschuldeten und mitunter sehr widersprchlichen Instruktionen und Kontrollen sowjetischer Berater und Organe zu politischen Unsicherheiten und Schwankungen bei. So wurde z. B. im Verhltnis zur Opposition - mit Rcksicht auf die jeweiligen Beziehungen zwischen den drei Gromchten - bald Entgegenkommen, bald Unnachgiebigkeit eingefordert (S. 522-524). Das betraf z. B. den Umgang mit Nikola Petkow, dem Fhrer des oppositionellen Flgels des Bauernbundes, der 1947 schlielich zum Tode verurteilt wurde (S. 565, 574 f.). Man gewinnt den Eindruck, da Georgi Dimitroff, der sich als bulgarischer Ministerprsident stndig um Abstimmung wichtiger politischer Schritte mit der sowjetischen Fhrung bemhte, kleinlicher Bevormundung und Kontrolle ausgesetzt war.

Seit 1947/48 wurden die Spezifik des volksdemokratischen bergangs zum Sozialismus mehr und mehr verdrngt, restriktive Herrschafts- und brokratische Kommandomethoden in der Wirtschaft eingefhrt und den volksdemokratischen Staaten das sowjetische Modell eines Staatssozialismus bergestlpt. Das geschah freilich unter Mitwirkung und Mitverantwortung der regierenden kommunistischen Parteien, auch Georgi Dimitroffs.

Anfang einer Fderation

Die Idee der Balkanfderation wurde schon in den nationalrevolutionren Befreiungsbewegungen des 19. Jahrhunderts gegen die Fremdherrschaft des Osmanenreiches und der Habsburger Monarchie geboren und von der sozialistischen Bewegung aufgegriffen. Auch die Komintern sah in der Fderation der Balkanvlker die einzige Alternative zu nationalen Konflikten und kleinstaatlicher Zerrissenheit, die den faschistischen Achsenmchten die Okkupation und Neuordnung dieser Region erleichtert hatte.

Noch whrend des Krieges legte Georgi Dimitroff seine Vorstellungen in einem Brief an Stalin vom 16. April 1944 dar: Die am meisten wnschenswerte Orientierung fr den Balkan wie fr die Sowjetunion wre meines Erachtens die Schaffung einer Fderation der Sdslawen, bestehend aus Bulgaren, Serben, Kroaten, Slowenen, Montenegrinern und Mazedoniern auf gleichberechtigter Grundlage. In dieser Fderation knnte Mazedonien seine nationale Freiheit und Staatlichkeit erhalten und wrde aufhren, ein Zankapfel zwischen den Balkanstaaten zu sein. (S. 419). In stndigem Kontakt (hinsichtlich des Partisanenkrieges, der Balkanfderation und der Nachkriegsregelungen) stand Dimitroff mit Josip Broz Tito - brigens mit ausdrcklicher Billigung Stalins. Prinzipiell einigte man sich auf eine bulgarisch-jugoslawische Fderation vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meer, wobei das geteilte Mazedonien vereinigt und die bulgarisch-jugoslawischen Grenzen des Friedensvertrages von Neuilly 1919 korrigiert werden sollten. Offen blieb, ob es sich um eine dualistische, eine trialistische (Bulgarien, Jugoslawien, Mazedonien) oder aber um eine sdslawische Fderation aus sieben gleichberechtigten Republiken handeln sollte.

Stalin und Dimitroff schtzten am 10. Januar 1945 die jugoslawische Vorstellung ber die Einbindung Bulgariens in die Fderative Republik Jugoslawien als falsch ein, weil das eine Majorisierung Bulgariens bedeuten wrde. Besser sei eine Lsung hnlich dem frheren sterreich-Ungarn; jedenfalls sollte man mit einem Bndnisvertrag beginnen und spter weitersehen, riet Stalin zu einer pragmatischen Lsung. Die Jugoslawen mchten auch das griechische Mazedonien haben. Sie verlangen auch Albanien und sogar Teile Ungarns und sterreichs. Das ist unvernnftig. Mir gefllt ihr Verhalten nicht, bemerkte Stalin und fgte hinzu, da er den griechischen ELAS-Leuten vom Austritt aus der Papandreou- Regierung und der Aufnahme des Kampfes abgeraten habe, weil sie eine Sache angefangen htten, fr die ihre Krfte nicht reichten. Anscheinend htten sie damit gerechnet, da die Rote Armee bis zum gischen Meer vorstoen wrde. Das knnen wir nicht tun. Wir knnen unsere Truppen nicht auch noch nach Griechenland schicken. Die Griechen haben eine Dummheit begangen (S. 460).

Vertragsverhandlungen

In einem Gesprch Stalins mit Dimitroff und Tito am 12. April 1945 wurde vereinbart, da zunchst diplomatische Beziehungen zwischen Bulgarien und Jugoslawien hergestellt, danach ein Vertrag ber Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe geschlossen und schlielich eine gemeinsame Fderation geschaffen werden sollte, deren konkrete Gestalt spter zu bestimmen wre (S. 474). Dimitroff hielt es fr mglich, da die Mazedonier ihre nationale Gleichberechtigung im Rahmen des fderativen Jugoslawien erhalten knnten. Wir mssen uns nicht frchten zu erklren, da unsere Partei entschieden fr die Anerkennung der Mazedonier als eigenes Volk und fr nationale Selbstbestimmung des mazedonischen Volkes ist, teilte er dem ZK der BAP am 22. Februar 1945 mit (S. 466f). Das trug ihm spter von Verfechtern des bulgarischen Volkscharakters der Mazedonier den Vorwurf des nationalen Nihilismus ein.

Bei verschiedenen Beratungen ber die knftige Fderation der Sdslawen drngte Stalin 1946 die Bulgaren und Jugoslawen, sowohl den Bndnisvertrag als auch den Fderationsplan erst nach Abschlu des Friedensvertrages mit Bulgarien zu realisieren. Nach Abschlu des Friedensvertrags reiste Georgi Dimitroff vom 27. Juli bis 3. August 1947 nach Jugoslawien, um den Text des Freundschaftsvertrags abzustimmen sowie die Protokolle wichtiger Abkommen zu unterzeichnen: zum Grenzregime, zur Zollunion und zum Eisenbahnverkehr, zur Whrungsparitt von Dinar und Lewa, zur Wirtschaftskooperation und zur Zusammenarbeit der Sicherheitsorgane. Die als Vergleich von Bled bekannten Abkommen vom 1. August 1947 bildeten zusammen mit dem beim Gegenbesuch Titos in Bulgarien am 27. November 1947 in Evksinograd unterzeichneten Freundschaftsvertrag einen bedeutenden Schritt zur als unmittelbar bevorstehend gedachten Fderation der Sdslawen (S. 553-556, 590).

Der Artikel 1 des Vertragstextes lautete: Die Hohen Vertragschlieenden Parteien werden in Zukunft in jeder Hinsicht eng und vertraulich bezglich aller Fragen, die das Schicksal ihrer Vlker und ihre gegenseitigen Beziehungen betreffen, im Interesse der beiden Lnder und im Geist der Verbrderung der sdslawischen Vlker zusammenarbeiten.

Nicht zufllig folgte schon am 16. Dezember der bulgarisch-albanische Bndnisvertrag. Die baldige Grndung einer bulgarisch-jugoslawischen Balkanfderation war freilich verschiedenen Hindernissen unterworfen. Gewi konnte ein groer Balkanstaat in Widerspruch zu hegemonialen Interessen der Sowjetunion im Lager des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus geraten, erst recht, wenn er eine eigenstndige Innen- und Auenpolitik betriebe. Mit dem sich abzeichnenden bergang zur west-stlichen Blockbildung und zum Kalten Krieg zwischen den Gromchten der ehemaligen Antihitlerkoalition drngte die politische Logik zum Zusammenschlu der Partner um die jeweilige Fhrungsmacht wie zur Vereinheitlichung ihrer politischen Doktrinen. Die Zuspitzung der internationalen Lage und die damit entstehende Kriegsgefahr trieben zum forcierten bergang zur sozialistischen Umwlzung mitsamt ihren dogmatischen Nivellierungen zwischen den Volksdemokratien und zur Kopierung der sowjetischen Erfahrungen. Wahrlich schlechte Zeiten fr schpferische und differenzierte Politik.

(Alle bersetzungen aus der bulgarischen Ausgabe stammen vom Autor)

Morgen: Teil V und Schlu: Volksdemokratie oder Sowjetmodell

Textende -->

 

Volksdemokratie oder Sowjetmodell
Zu den Tagebchern Georgi Dimitroffs (Teil V und Schlu). Von Ernstgert Kalbe

Textanfang -->

Im Hinblick auf eine Balkanfderation kam alles anders als gedacht. Nachdem Georgi Dimitroff Mitte Januar 1948 beim Staatsbesuch in Rumnien auch noch die Mglichkeit einer Erweiterung der Balkan- oder gar Donaufderation um Griechenland, Rumnien und Ungarn, eventuell auch die Tschechoslowakei und Polen ins Gesprch gebracht hatte, reagierte Moskau mit scharfer Kritik: Wir halten es fr unsere Pflicht, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, da Ihre uerung auf der Pressekonferenz in Rumnien zu dem Teil, der sich auf die Fderation oder Konfderation der Lnder der Volksdemokratie bezieht, ... von den Moskauer Freunden als schdlich eingeschtzt wird und den Lndern der neuen Demokratie Schaden zufgt, weil sie den Kampf der Anglo-Amerikaner gegen diese Lnder erleichtert ... Es ist schwer zu verstehen, was Sie veranlat haben knnte, auf einer Pressekonferenz derart bereilte und unbedachte Erklrungen abzugeben, bermittelte Stalin an Dimitroff. (Dnevnik, S. 595)

Ende der Fderation

Zum 10. Februar 1948 wurden Dimitroff, Wasil Kolarow und Trajtscho Kostow sowie von jugoslawischer Seite Edvard Kardelj, Milovan Djilas und Vladimir Bakaric nach Moskau bestellt, um mit Stalin, Molotow, Shdanow, Malenkow und Zorin die inzwischen leidige Fderationsfrage zu errtern. Diese im Dnevnik, der bulgarischen Ausgabe des Tagebuchs, erstmals ausfhrlich dokumentierte Beratung, endete nach scharfer Kritik an beiden Delegationen mit dem erstaunlichen Ergebnis, da Jugoslawien und Bulgarien unverzglich Manahmen zum beschleunigten fderativen Zusammenschlu ihrer Staaten treffen sollten. Zuvor aber muten sich beide Seiten eine Strafpredigt anhren. (S.596- 603) Stalin erffnete, da es ernsthafte Meinungsverschiedenheiten zu drei wesentlichen Fragen gbe: zum bulgarisch-jugoslawischen Vertrag, zum Interview des Genossen Dimitroff ber eine Balkan- oder Donaufderation und zur Verlegung von jugoslawischen Truppen nach Albanien. (S.596)

Bezglich des bulgarisch-jugoslawischen Vertrages monierte Stalin, da dieser vor Inkrafttreten des Friedensvertrages und auf ewig geschlossen wurde, was England und Amerika Anla fr die Verstrkung ihrer Intervention in Griechenland bte. Hinsichtlich des Dimitroff- Interviews in Bukarest ber weitreichende Fderations- oder Konfderationsplne der Volksdemokratien rgte Stalin die unabgestimmte Eigenmchtigkeit des von niemandem gewnschten Vorschlags, welcher der Bildung eines Westblockes Vorschub leiste. An Dimitroff gerichtet, kritisierte Stalin dessen Verliebtheit in Interviews: Man darf nicht so oft Interviews geben. Sie wollen etwas Neues sagen und die ganze Welt in Erstaunen versetzen. Sie reden, als ob Sie noch Generalsekretr der Komintern wren und der kommunistischen Presse ein Interview gben. (S.598) Dimitroff rede neuerdings dmmer als der jngste Komsomolze, habe Stalin gesagt, berichten jugoslawischen Quellen, z.B. Titos Biograph Dedijer.

Schlielich verurteilte Stalin die jugoslawische Haltung zu Albanien, die mit dem griechischen Brgerkrieg seit 1946 verbunden war und auch die Grenzen zu Albanien und Jugoslawien berhrte: Wie einfach lsen die jugoslawischen Genossen diese Frage! Whrend des Krieges haben die drei verbndeten Staaten die Unabhngigkeit Albaniens verkndet und erklrt, da sie diese Unabhngigkeit untersttzen werden. Von allen Knotenpunkten des Kampfes zwischen Reaktion und Demokratie ist der albanische Knoten unser schwchster Punkt. Albanien ist noch nicht in die UNO aufgenommen, die Englnder und Amerikaner anerkennen es nicht ... Wenn Tito dorthin eine Division verlegt, selbst nur ein Regiment, bleibt das der Aufmerksamkeit Amerikas oder Englands nicht verborgen. Sie werden zu schreien anfangen, da Albanien okkupiert ist. Hat etwa Albanien sich ffentlich um Hilfe an Jugoslawien gewandt? Und bezglich des damit verbundenen griechischen Brger- und Partisanenkriegs richtete Stalin an Kardelj die Frage: Falls die griechischen Partisanen geschlagen werden, wollen Sie dann einen Krieg beginnen? ... Falls Sie berzeugt wren, da die Partisanen eine Siegeschance haben, wre das eine andere Frage. Aber ich zweifle ein wenig daran. (S.598)

Nach Molotows Kritik an linksradikalen Leidenschaften erklrte Stalin pltzlich drei Fderationen fr mglich: 1. Jugoslawien und Bulgarien unter Einschlu Albaniens; 2. Rumnien und Ungarn; 3. Polen und Tschechoslowakei. Auf Rckfragen von Kostow und Kardelj, ob man die bulgarisch- jugoslawische Fderation denn nun beschleunigen oder verzgern solle, antwortete Stalin: Sie sollten mit der Vereinigung der drei Lnder - Jugoslawien, Bulgarien und Albanien - nicht zgern. Notwendig ist aber, da die Nationalversammlungen Beschlsse fassen und ihre Regierungen beauftragen, Verhandlungen ber eine Vereinigung zu beginnen ... Voreilig war es, eine Fderation zu betreiben, solange es keinen Friedensvertrag mit Bulgarien gab ... Jetzt darf man meines Erachtens diese Frage nicht mehr verzgern - besser wre es, sie zu beschleunigen ... Und auch die Albaner werden bei einer Fderation gewinnen, weil ein vereinigtes Albanien mit einer fast verdoppelten Bevlkerung entstehen wrde. (S.599)

Bruch mit Jugoslawien

Nach dieser pragmatischen Antwort schien alles bereinigt, aber die Sache kam nicht mehr vom Fleck. Mitrauen war bei allen Beteiligten geblieben. Dimitroff bte auf dem II. Kongre der Vaterlndischen Front im Februar 1948 - und spter erneut auf dem V. Parteitag der BAP(K) im Dezember - ffentliche Selbstkritik und betonte seine Verbundenheit mit der Sowjetunion, mit der Bulgarien am 18. Mrz 1948 den flligen Freundschaftsvertrag schlo.

Die selbstbewuten Jugoslawen waren am 12. Januar wortlos aus Moskau abgereist und bremsten seither die Fderationsgesprche. Noch im Mrz 1948 fand eine Sitzung des ZK der KPJu statt, dessen Haltung in Moskau als trotzkistisch und antisowjetisch bewertet wurde; Anfang April 1948 zog die UdSSR ihre Berater und Militrspezialisten aus Jugoslawien ab. (S.608-610) Damit begann der offene Bruch. Zwar traf sich Georgi Dimitroff auf dem Wege nach Prag ber Belgrad am 18. April nochmals im Zug mit Milovan Djilas und riet den Jugoslawen nach deren Quellen zur Standhaftigkeit - die Fderationsplne jedoch waren definitiv gestorben. Es begann die unsgliche Auseinandersetzung mit dem Titoismus, die in Wirklichkeit die Anfnge der Spaltung in der kommunistischen Weltbewegung markierte.

Wegediskussion

Fraglos hingen die Durchsetzung der sowjetischen Hegemonialrolle im Lager des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus, die eskalierende Abgrenzung vom Titoismus bzw. die Ausgrenzung Jugoslawiens und die Interpretation der Volksdemokratie als neue Form der Diktatur des Proletariats, die den allgemeinen Gesetzmigkeiten der sozialistischen Umwlzung und den gltigen Erfahrungen der Sowjetunion folgte, eng miteinander zusammen. Die verbal stets beschworene Bercksichtigung nationaler Besonderheiten spielte in der Realitt eine immer geringere Rolle. Dem Wesen der Sache nach wurde den Volksdemokratien seit 1948 zunehmend das Sowjetsystem bergestlpt. Das war nicht unvermeidlich, denn gerade die Erfahrungen der Volksfrontbewegung und des antifaschistischen Kampfes hatten Erkenntnisse ber nationale und demokratische Wege zum Sozialismus reifen lassen.

Aus der Vielzahl der am Ende des Zweiten Weltkrieges gefhrten Diskussionen ber nationale und demokratische Revolutionen bzw. Wege zum Sozialismus (Ackermann, Appelt, Dimitroff, Gomulka, Ibarruri, Kardelj, Lukcs, Togliatti u.a.) sei hier nur an die wohl theoretisch fundierteste Auffassung zur Neuen Demokratie von Georg Lukcs erinnert, der Volksdemokratie als aus der Demokratie herauswachsenden Sozialismus verstand, ein Sozialismus, der Kontinuitt zu den brgerlich-demokratischen Rechten und Freiheiten bewahren sollte und als bergangsproze eine lange Zeit beanspruchen wrde (G. Lukcs, Gelebtes Leben, Frankfurt./M. 1980, S. 188).

Georgi Dimitroff betonte wiederholt den Zusammenhang von Antifaschismus und Volksdemokratie, von Volksdemokratie und Frieden, die sich gegenseitig bedingten. (G. Dimitroff, Ausgewhlte Schriften, Bd. 3, 1958, S. 353 ff) Sein Tagebuch belegt, da selbst Stalin 1945 ber die Wegeproblematik nachdachte: Vielleicht machen wir einen Fehler, wenn wir denken, da die sowjetische Form die einzige sei, die zum Sozialismus fhrt. Es hat sich in der Sache gezeigt, da die Sowjetform die beste, aber nicht die einzige ist. Es kann auch andere Formen geben - die demokratische Republik und unter bestimmten Bedingungen sogar die konstitutionelle Monarchie. (S. 464). Im September 1946 riet Stalin Dimitroff gar zur Bildung einer sozial ein breites Spektrum umfassenden Arbeitspartei und hielt einen besonderen Weg zum Sozialismus ohne Diktatur des Proletariats fr mglich, weil sich die Zeit seit unserer Revolution grndlich verndert hat und es ntig ist, andere Formen und Methoden anzuwenden und nicht die russischen Kommunisten nachzuahmen. (S. 533 f.) Auch wenn diese Aussagen nicht gerade von theoretischer Analyse, eher von politischem Pragmatismus zeugen, verdeutlichen sie doch die damals aktuelle Wegediskussion.

Im Zusammenhang mit der Vorbereitung des V. Parteitags der BAP(K) im Dezember 1948 schrieb Dimitroff am 2. November an Stalin einen Brief mit der Bitte um Beratung einiger prinzipieller politischer Fragen und fgte ein ausfhrliches Expos zu vier Themen bei: zum Charakter des volksdemokratischen Staates, zu Volksdemokratie und Sowjetregime, zu gegenwrtigen Hauptaufgaben, zum Internationalismus. Darin entwickelte er schon weitgehend die Thesen zum Wesen der Volksdemokratie, die er im Bericht an den V. Parteitag der BAP am 19. Dezember 1948 vortrug. Danach verstand Dimitroff unter Volksdemokratie die Herrschaft der Werkttigen unter Fhrung der Arbeiterklasse. Und der volksdemokratische Staat war fr ihn in einer bergangsperiode dazu berufen, die Entwicklung auf dem Wege zum Sozialismus zu sichern. Ohne ein Sowjetregime zu errichten, be er wesentliche Funktionen der Diktatur des Proletariats aus. Auenpolitisch gehre die Volksdemokratie, die in Zusammenarbeit mit der Sowjetunion geschaffen wird, zum antiimperialistischen Lager des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus und kmpfe fr Internationalismus, gegen Nationalismus. (G. Dimitroff, Ausgewhlte Schriften, Bd.3, S.596-600).

Interessant an einer Diskussion vom 6. Dezember 1948 in Moskau, an der auer Stalin, Molotow und Dimitroff auch Boleslaw Bierut, Hilari Minc und Jakub Berman von der polnischen Partei teilnahmen, sind folgende Bemerkungen Stalins: Wir glauben, da Sie ohne Sowjetregime auskommen. Bei Ihnen reicht das volksdemokratische Regime aus, um den bergang vom Kapitalismus zum Sozialismus zu vollziehen. Aber dieses Regime mu die Funktionen der Diktatur des Proletariats erfllen ... Marx und Engels hielten die demokratische Republik mit starkem Einflu der Arbeiterklasse fr die zweckmigste Form der Diktatur des Proletariats. Bei uns aber entstanden Sowjets, kein Parlamentarismus, Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten, die alle nichtwerkttigen Elemente ausschlossen. (Dnevnik, S.645)

Whrend fr Dimitroff die Volksdemokratie immer an ihre antifaschistischen Wurzeln gebunden war, was einen demokratischen Weg zum Sozialismus mglich gemacht htte, betrachtete Stalin die volksdemokratische Ordnung vorrangig als eine andere Form der proletarischen Diktatur neben dem Sowjetregime.

Kominformbro

Interessantes Material enthlt die bulgarische Ausgabe von Dimitroffs Tagebuch auch zur Politik des im September 1947 gegrndeten Kominformbros, das die Politik von neun europischen kommunistischen Parteien koordinieren sollte, z. B. die Resolution des ZK der BAP vom 14. Oktober 1947 zur Grndungstagung des Kominformbros und dessen Einschtzung der internationalen Lage. (S. 582 f.) Im Juni 1948 fhrte der Konflikt zwischen der KPdSU und KPJu zur zweiten Kominformtagung in Bukarest. Auf ihr wurde die jugoslawische Partei einer ungerechtfertigten und rden Kritik unterzogen, was neben der Disziplinierung aller Parteien zur schlielichen Exkommunizierung Jugoslawiens fhrte.

Aufschlureich, da Dimitroff dieser Tagung fernblieb und statt dessen Kostow und Tscherwenkow nach Bukarest schickte. Freilich stimmte die bulgarische Partei den Beschlssen des Kominformbros zu. Aber trotz der dort beginnenden Kritik an Trajtscho Kostow wegen antisowjetischer Tendenzen und Titoismus setzte Dimitroff dessen erneute Wahl ins ZK und ins Politbro auf dem V. Parteitag der BKP im Dezember 1948 durch. Georgi Dimitroff, der wegen schwerer Krankheit nach dem 6. Februar 1949 keine Eintragungen mehr in seinem Tagebuch machte, sich seit 7. Mrz 1949 zur rztlichen Behandlung im Sanatorium Borowicha bei Moskau befand, wurde durch den Parteiausschlu Trajtscho Kostows, seines ber viele Jahre engsten Mitstreiters, im Juni 1949 und dessen anschlieende Verhaftung schwer getroffen. Fr ganz unwahrscheinlich halte ich, da Dimitroff im Mai 1949 dem ZK-Plenum der BKP entgegen seiner Art eine in rdem Ton gehaltene Verurteilung Kostows bermittelt haben soll, die nach seinem Tod im Sofioter Rabotnicesko delo vom 10. Dezember 1949 erschien.

Am 2. Juli 1949 verstarb Georgi Dimitroff - noch vor dem Proze im Dezember 1949 gegen Trajtscho Kostow und seine Gruppe, die mit dem Todesurteil gegen Kostow endete und weitere Verfolgungen wegen Titoismus und feindlicher Ttigkeit nach sich zog.

Tragik

Der Wert der Tagebcher Dimitroffs fr das Verstndnis seiner Zeit, fr die historische Forschung ist unbestritten. Sie enthalten das Arbeitsprotokoll einer Persnlichkeit, die in den 30er und 40er Jahren die Geschicke der kommunistischen Bewegung wesentlich mitgestaltet, durchkmpft und durchlitten hat. Manches in den knappen Notizen erschliet sich dem Leser erst in Kenntnis anderer Zeitdokumente. Manches konnte hier nicht behandelt werden: seine Korrespondenzen und Kontakte mit der KP Chinas im national-revolutionren Befreiungskrieg, seine vielfltigen Verbindungen mit der italienischen und franzsischen Arbeiterbewegung, seine Beratung und Hilfe fr die deutsche Partei bei der Grndung und Arbeit des Nationalkomitees Freies Deutschland im Kriege.

Viele Eintragungen machen Willkr und Pragmatismus, die gleichsam zaristisch-asiatische Terrormethoden und die expansiven Gromachtambitionen der Politik Stalins deutlich, der sich weder die Komintern noch Dimitroff noch die jungen volksdemokratischen Staaten nach 1945 entziehen konnten. Als Beispiel dafr mag hier der von Dimitroff festgehaltene Toast Stalins zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November 1937 stehen: Die russischen Zaren haben viel Schlechtes getan ... Aber eine groe Sache haben sie vorzuweisen: Sie haben ein Riesenreich zusammengezimmert - bis nach Kamtschatka. Wir haben diesen Staat als Erbe erhalten. Und wir Bolschewiki haben diesen Staat erstmals gefestigt, zu einem einheitlichen, unteilbaren Staat ... Deshalb ist jeder, der versucht, diese Einheit des sozialistischen Staates zu zerstren, der danach strebt, einzelne Teile und Nationalitten von ihm abzutrennen, ein Feind, ein geschworener Feind des Staates, der Vlker der UdSSR. Und wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei er auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten ... (Dnevnik, S. 128 f; deutsche Ausgabe, S. 162). Wie alle Anwesenden applaudierte auch Dimitroff und lie Stalin in seinem devoten Trinkspruch hochleben.

Dimitroff hielt unbeirrt an seiner Verbundenheit mit der Sowjetunion fest, er war sich bewut, da damals ohne oder gar gegen die UdSSR eine alternative Gesellschaftsordnung zum Kapitalismus nicht vorstellbar war. Er sah sich als Soldat der Revolution und agierte zwischen Heroismus und Gehorsam.

Stellt sich abschlieend die Frage, was fr ein Mensch Georgi Dimitroff war: zweifelsfrei ein Kmpfer mit politischem Charisma, mit Elastizitt und Hrte, mit Visionen und berzeugungen. Aber er war auch ein emotionaler und hilfsbereiter Mensch, der seiner groen Familie und seinen vielen Freunden beistand, so er konnte. Er liebte seinen 1936 geborenen Sohn Mitja, der 1943 an Diphtherie starb, was ihn tief traf. Er war auch ein lebensfroher Mann, der den Tod seiner ersten Frau, der serbischen Poetin Ljuba Ivosevic, 1933 im faschistischen Gefngnis betrauerte, der seiner deutschen Geliebten Any Krger selbst aus der Haft wie aus der neuen sowjetischen Heimat heraus materiell zu helfen versuchte, der eine glckliche zweite Ehe mit der jdisch-sterreichischen Rosa Fleischmann fhrte und sich mit ihr treusorgend um die Adoptivkinder Fanja (seit 1937) und Bojko (seit 1945) kmmerte. Aber Dimitroff war auch ein kranker Mann, den faschistischer Kerker, ein berma an Arbeit in der Komintern, im Kriege und danach in Bulgarien, nicht zuletzt auch qulende Sorgen - vielleicht auch Selbstvorwrfe - wegen der Verfolgungen und Repressalien gegen Gesinnungsgenossen gesundheitlich und wohl auch moralisch zermrbt hatten. Fazit: Ein Soldat der sozialistischen Revolution, dessen Visionen - eine sozialistische Vlkergemeinschaft und eine internationalistische Balkanfderation - noch vor seinem physischen Tode starben.

Die verffentlichten Tagebcher sollten helfen, Georgi Dimitroff Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wozu eine Fortsetzung der deutschen Ausgabe ber das Jahr 1943 hinaus beitragen knnte.

(Die vorangegangenen vier Teile erschienen in unseren Ausgaben vom 22. Dezember 2000, vom 19. Januar sowie vom 1. und 15. Februar 2001)

Textende -->

 

 

 

 

Schuldspruch gegen Dimitroff?
Textanfang -->

Wre Georgi Dimitroff nach seinem erzwungenen Freispruch im Reichstagsbrandproze 1933 von den Nazis doch noch heimlich erschossen worden, befnde sich die Leipziger SPD heute in Argumentationsnten. Denn ein frherer Tod des spteren Komintern-Chefs und bulgarischen Nachkriegspremiers htte die Chancen verbaut, den Helden von Leipzig heute als Stalinisten bezeichnen zu knnen. Darauf nmlich haben sich die in der Messestadt regierenden Sozialdemokraten verlegt. Wie ihr de facto Koalitionspartner CDU mchten sie, da der Platz vor dem ehemaligen Reichsgericht - dort fand der Reichstagsbrandproze statt - nicht mehr Georgi-Dimitroff- Platz heien soll. Doch nach einer Umfrage der Bild-Zeitung will die Mehrheit der Leipziger von einer Umbenennung nichts wissen. Gegen den Namenswechsel richtet sich derzeit auch eine Unterschriftenaktion, die prominente Leipziger initiiert hatten.

Kein Platz fr Dimitroff? - Darber sollte auch am Montagabend in der Leipziger Universitt diskutiert werden, und zwar mit Stadtrten von CDU und SPD. Doch die lehnten die Einladung der Linken StudentInnengruppe ab. So mute ein im Saal anwesender junger Sozialdemokrat den Part des Dimitroff- chters bernehmen. An den Hnden des Bulgaren, meinte er, klebe Blut, weil Dimitroff fr die Verfolgung von Mitgliedern anderer Parteien und von Kommunisten in seiner Heimat nach 1945 verantwortlich sei. Auf Leipzigs Straenschildern sei zwar auch Platz fr die Namen von Kommunisten, aber nur, wenn die nachweislich nicht an der Verfolgung Andersdenkender beteiligt waren.

Der Held von Leipzig als Henker? Zwar lehnte niemand im Saal eine kritische Sicht auch auf Dimitroff ab. Doch sei bei Etikettierungen Vorsicht geboten, wandten einige der Diskutanten ein. Immerhin habe sich der angebliche Stalinist zusammen mit Palmiro Togliatti in Moskau fr Verfolgte eingesetzt. Und immer noch nicht geklrt sei die Frage, ob nicht Dimitroff selbst ein Opfer Stalins geworden ist. Die Umstnde seines Todes in einer sowjetischen Klinik 1949 zhlen weiter zu den historischen Rtseln.

Im Publikum war eine Mehrheit der Meinung, da die Stalinisten-Diskussion ohnehin nur vorgeschoben werde. Es gehe vielmehr um die politische Entscheidung, einen Teil des antifaschistischen Widerstands zu entsorgen. Dimitroff, der 1933 vielen Mut gemacht habe, msse in Leipzig bleiben, hie die einhellige Ansicht am Podiumstisch. Dort saen unter anderem der frhere Direktor des Dimitroff-Museums Hans- Joachim Bernhard, der Schauspieler Fred Delmare, der ehemalige Leipziger Oberbrgermeister Walter Kresse, der Schriftsteller Helmut Richter und als Moderator der Historiker Werner Bramke. Als einsame sozialdemokratische Stimme schlo sich ihnen dann zu spter Stunde noch ein SPD-Mann an, der sagte, da er in der Stadtratsfraktion fr Dimitroff stimmen werde.

Holger Becker

Textende -->

Goerdeler - ein Antifaschist?
Gegen die Ehrung Carl-Friedrich Goerdelers in Leipzig. Entgegnung auf ein jW-Interview vom 15. Oktober

Textanfang -->

Im Sommer diesen Jahres entbrannte ein Streit ber die Errichtung eines Denkmals fr einen antifaschistischen Widerstandskmpfer. Zuerst dachte ich, es handele sich um Georgi Dimitroff, dessen Name ja untrennbar mit dieser Stadt verbunden ist.

Unter den angeblichen Reichstagsbrandstiftern, die man 1934 vor das Gericht gezerrt hatte, befand sich auch der bulgarische Kommunist Dimitroff. Mutig und mit messerscharfen Argumenten berzeugend, wurde er vom Angeklagten zum Anklger und entlarvte die Nazifhrung als die wahren Schuldigen. So wurde Dimitroff zur Symbolgestalt des antifaschistischen Widerstandes in aller Welt.

Doch der Streit in Leipzig entbrannte erst, als nach dem Sieg im Kalten Krieg die neuen Machthaber nichts Eiligeres zu tun hatten, als aktive antifaschistische Widerstandskmpfer zu verunglimpfen und ihre Namen zu entfernen. So wurde auch der Dimitroff-Platz vor dem einstigen Reichsgericht in Leipzig umbenannt. Als diejenigen, die sich als Nachfolger des III. Reiches bezeichneten, ihre Macht auf das Gebiet der DDR ausdehnten, lieen sie erkennen, welches Erbe sie bernehmen wollten. Sie lieen erkennen, da sie den Sozialismus auch ideologisch mit Stumpf und Stiel ausrotten wollten. Die DDR verleumdeten sie als Unrechtsstaat, alle, die aktiv fr soziale Gerechtigkeit, Frieden und Vlkerfreundschaft gewirkt hatten, wurden diffamiert und kriminalisiert. Ihr besonderer Ha galt jenen, die dem Faschismus aktiven Widerstand geleistet hatten. Die Kommunisten, die den konsequentesten und als einzige die ganze faschistische Diktatur berdauernden organisierten Widerstand geleistet und dabei die weitaus grten Opfer gebracht hatten, waren am strksten den unverschmten Verleumdungen ausgeliefert.

Natrlich war ich vllig verblfft, als ich dann erfuhr, da in diesem Lande nun ein Denkmal fr einen antifaschistischen Widerstandskmpfer errichtet worden sei. Als ich kurz darauf durch die Presse erfuhr, da es tatschlich fr Goerdeler in Leipzig errichtet worden ist, schien mir alles wieder normal zu sein.

Wer war Carl Goerdeler? Ein Altnazi, ein Wegbereiter der faschistischen Diktatur, der das Vertrauen Hitlers geno und in der Zeit, als Dimitroff vor Gericht gezerrt wurde, Brgermeister der Stadt Leipzig war. Es erbrigt sich zu sagen, da er ein fanatischer Anitikommunist war. Er hatte den Krieg Hitlers, besonders seinen berfall auf die Sowjetunion begrt und sich von ihm soviel erhofft wie die reaktionren Krfte seines Landes.

Was fhrte zum Kriegsende auf einmal zu dem Wandel in der Einstellung zu Hitler, da sich Goerdeler einer Gruppe anschlo, die sich zur Beseitigung des Fhrers entschlo? Er kam mit einer Gruppe oppositioneller Offiziere in Berhrung, die erkannt hatten, da die Oberbefehlsgewalt Hitlers aufgrund seiner dilettantischen Kenntnisse und die Fortsetzung seiner wahnsinnigen Zerstrungspolitik Deutschland in eine furchtbare Katastrophe fhren wrde. Deshalb sahen sie die Beendigung des verlorenen Krieges als ihre Hauptaufgabe an. Die Mehrzahl der Verschwrer, unter ihnen auch der Attentter des 20. Juli, Claus Graf Schenk von Stauffenberg, gehrten dem sogenannten Kreisauer Kreis an. ber folgende Grundstze hatten sie eine Einigung erzielt: Brechung des totalitren Gewissenszwanges und Anerkennung der unverletzlichen Wrde der menschlichen Person als Grundlage der zu erstrebenswerten Rechts- und Friedensordnung. Einige von ihnen, so die Sozialdemokraten Reichwein und Leber, forderten die persnliche politische Verantwortung und ... eine mitbestimmende Beteiligung an der neu zu belebenden Selbstverwaltung und verwiesen auf die Notwendigkeit eines sofortigen Friedensschlusses, eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten und die Bildung einer neuen Volksfront auf der Grundlage aller sozialen und demokratischen Krfte im nazifreien Deutschland.

Sehr bald stellte sich heraus, da diese Zielsetzung berhaupt nicht mit Goerdelers Absichten bereinstimmte, ja diesen zuwiderlief. Goerdeler gehrte zu jenen, die enttuscht waren, da Hitler ihre Erwartungen nicht erfllen konnte; deshalb wollten sie diesen Dilettanten beseitigen. Mit keinem Wort sprach er sich gegen den Eroberungskrieg, die Versklavung der Vlker und die Vernichtung des jdischen Volkes aus. Im Gegenteil, er strebte einen Friedensschlu mit den Westmchten an mit dem Ziel, mit diesen gemeinsam den Raubkrieg weiterzufhren, es sollten alle Kriegskrfte des deutschen Volkes auf den Osten konzentriert werden. Das war fr die Angehrigen des Kreisauer Kreises, unter ihnen auch Graf Schenk von Stauffenberg, undenkbar. Sie lehnten die von einigen geplante Nominierung Goerdelers als Reichskanzler ab, der nach der Erhaltung des Reiches in den Grenzen von 1914 unter einer autoritren monarchistischen Spitze strebte.

Damit hat sich Goerdeler ganz eindeutig von den Mnnern getrennt, die man zu recht als antifaschistische Widerstandskmpfer bezeichnet.

Somit ist es verstndlich, da ihm von den politischen Krften, die eine Rechtsorientierung haben, ein Denkmal gesetzt wird. Vllig unerklrlich erscheint es, was Lothar Brckner als Sprecher des Landeskoordinierungsrates der Kommunistischen Plattform der PDS dazu veranlat, in der jungen Welt vom 15. Oktober ein Interview zu geben, in dem er - aufmerksam gemacht auf die Proteste, welche die Goerdeler-Ehrung hervorrief - auf die Frage: Sind Sie auch gegen das Denkmal? mit Nein antwortet.

Ganz klar mchte ich zum Ausdruck bringen, da ich jeden wrdige, der gegen den Faschismus gekmpft hat, auch wenn ich seine politischen Ansichten nicht teile. Aber einen Wegbereiter des Faschismus, einen Antisemiten, Antibolschewisten und Befrworter des Krieges als antifaschistischen Widerstandskmpfer zu ehren, halte ich fr eine Beleidigung all jener, die ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus eingesetzt und geopfert haben. Wer selbst - wie ich - mit Parteilosen, Christen, Sozialdemokraten und Anarchisten in den Interbrigaden gekmpft hat, zieht die Grenzen nicht zu eng. Aber niemals identifiziert er sich mit einem Wegbereiter des Faschismus, einem Antisemiten, einem Antibolschewisten, einem Befrworter des Aggressionskrieges. Meine Sympathie gilt all jenen, die gegen die Aufstellung des Goerdeler-Denkmals protestiert haben.

 

 

Prof. Fred Mller

 

Vorwand fr den Terror
 
Der Reichstagsbrand 1933 und die politische Funktion der vom Spiegel lancierten und von Hans Mommsen befrderten These vom Alleintter van der Lubbe (Teil I)
 
* ber kaum ein Ereignis in der deutschen Geschichte wurde jahrzehntelang so heftig und erbittert gestritten wie ber den Brand des Berliner Reichstagsgebudes vom 27. Februar 1933. Noch heute, 70 Jahre nach dem folgenschweren Anschlag, sind sich Historiker uneins ber die Hintergrnde der Tat, ber Motive und Tter. Unser Autor Alexander Bahar hatte in dem zusammen mit Wilfried Kugel im Jahr 2001 verffentlichten Buch Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird, erstmals eine exakte Rekonstruktion des Tathergangs vorgelegt.

War es ein Einzeltter, der das Wahrzeichen der Weimarer Republik in Brand setzte? Oder waren es die Nazis selbst, die mit der Vernichtung der Schwatzbude den Vorwand schufen fr die flchendeckende Verfolgung der vorrangig linken politischen Opposition und die Zerstrung des verhaten parlamentarischen Systems? Improvisation oder Planung? Die Beantwortung dieser Frage ist fr die historische Beurteilung der Machtbertragung an die Nazis von entscheidender Bedeutung.

Unbestritten ist immerhin, da Brandstiftung im Spiel war und da die seit dem 30. Januar amtierende Hitler-Regierung den Brand skrupellos fr ihre Zwecke nutzte, indem sie ihn sofort und ohne jegliche Beweise den Kommunisten in die Schuhe schob und die Brandstiftung im Reichstagsgebude kurzerhand zum Signal fr einen angeblich unmittelbar bevorstehenden kommunistischen Aufstand erklrte. So jedenfalls lautete die offizielle Rechtfertigung der Hitler-Regierung fr die nur einen Tag spter zur Abwehr kommunistischer staatsgefhrdender Gewaltakte, wie es hie erlassene Verordnung zum Schutz von Volk und Staat sowie ihre Zwillingsschwester, die Verordnung gegen Verrat am deutschen Volke und hochverrterische Umtriebe, mit denen die wesentlichen Grundrechte der Weimarer Verfassung gleichsam ber Nacht auer Kraft gesetzt wurden.


Ausschaltung der Kommunisten

Diese beiden Notverordnungen so nannte man die vom Kabinett unter Ausschaltung des Parlaments verabschiedeten und von Hindenburg abgesegneten Verordnungen, wie sie seit der ra Brning Usus waren sollten bis zum Ende des Dritten Reiches Gltigkeit behalten und bildeten die legalistische Grundlage fr die gesamte Nazidiktatur. Erst mit Hilfe dieser Brandverordnungen, die der Hitler-Regierung auch die alleinige Verfgungsgewalt ber die Presse und den Rundfunk sicherten und damit ungeahnte Propagandamglichkeiten erffneten, sowie flankiert vom Terror der SA, war es der NSDAP und ihren deutschnationalen Verbndeten mglich, bei den Reichstagswahlen am 5. Mrz 1933 einen sicheren, wenn auch knappen Sieg einzufahren. Die Reichstagsmandate der KPD, der immerhin noch 12,3 Prozent der Whler ihre Stimme gaben, wurden kassiert, ihre Nebenorganisationen in der Folge verboten.

Schon kurz nach dem Reichstagsbrand wurde im Ausland allgemein angenommen, da die Nazis, an der Spitze Gring, die Urheber der Brandstiftung seien. Dies war auch der Tenor des im Sommer 1933 unter Leitung von Willi Mnzenberg, Chef des KPD-eigenen Mnzenberg-Konzerns, verffentlichten Braunbuchs ber Reichstagsbrand und Hitlerterror. Darin versuchten deutsche Emigranten, den Beweis zu fhren, da die deutschen Faschisten den Brand von langer Hand vorbereitet hatten. Neben zahlreichen Indizien legten die Autoren auch erstmals eine umfassende Dokumentation nazistischer Gewaltverbrechen an zumeist linken Oppositionellen vor.

Ein internationaler Untersuchungsausschu, dem prominente Juristen aus Europa und den USA angehrten, befand in dem im September 1933 tagenden Londoner Gegenproze߫ ebenfalls die Nazis fr schuldig. Im anschlieenden Reichstagsbrandproze vor dem Leipziger Reichsgericht wurde noch nicht einmal der Schein von Rechtsstaatlichkeit gewahrt. Doch der zur Anklage des internationalen Kommunismus breitbeinig inszenierte Tuschungsversuch erwies sich fr die Nazifhrung als Bumerang. Die kommunistischen Angeklagten muten freigesprochen werden. Nicht die Kommunisten, sondern die Nazis standen vor der Weltffentlichkeit als Schuldige da. Bis 1959, als das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel den Reichstagsbrand lauthals zum Werk eines Einzeltters erklrte und mit dieser Behauptung Schule machte, zweifelte auerhalb Deutschlands kaum ein ernstzu- nehmender Zeitgenosse an diesem Urteil.

Die Spiegel-Legende konnte sich auch deshalb so lange halten, weil zentrale Dokumente jahrzehntelang nicht ffentlich zugnglich waren. Die originalen Akten des Reichstagsbrandprozesses waren 1945 von der Roten Armee in die Sowjetunion verfrachtet worden. Dort lagen sie lange beim ZK der KPdSU unter Verwahrung. Erst in den 80er Jahren erschienen in der DDR zwei Dokumentenbnde, in denen Teile dieser Akten erstmals publiziert wurden. 1) Vorrangiges Ziel der deutsch-bulgarisch-sowjetischen Publikation war allerdings die Heldenverehrung des Mitangeklagten Georgi Dimitroff, nachmaliger Generalsekretr der Komintern und bulgarischer Ministerprsident. Dimitroffs unerschrockenes Auftreten im Leipziger Reichstagsbrandproze hatte wesentlich zum Freispruch der kommunistischen Angeklagten beigetragen. Da die Tterschaft der Nazis in der DDR und in den anderen Staaten des Warschauer Vertrages als feststehende Tatsache galt, machten sich Redaktion und Herausgeber nicht die Mhe, diesen Nachweis anhand des neu zugnglichen Originalmaterials detailliert zu fhren. Eine grndliche Auseinandersetzung mit den Quellen htte beim Leser berdies Zweifel an der parteioffiziellen Darstellung genhrt, wonach die KPD-Fhrung 1933 alles unternommen habe, um die faschistische Diktatur in Deutschland zu verhindern.

Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik 1990 sind die originalen Akten von Reichsgericht, Politischer Polizei und Oberreichsanwaltschaft erstmals allgemein zugnglich. 2) Die umfassende Auswertung dieser sowie weiterer zum Teil bisher unbekannter Quellen machte es erstmals mglich, die Ereignisse exakt zu rekonstruieren. 3)


Von langer Hand geplant

Unsere Rekonstruktion ergab unter anderem:

Hermann Gring, damals Reichsminister ohne Geschftsbereich und Innenminister in Preuen, war bereits viel frher im brennenden Reichstagsgebude, als er nach der offiziellen Benachrichtigung htte eintreffen knnen. Der damalige Reichstagsprsident und Chef der preuischen Polizei mu also bereits vor Ausbruch des Brandes von diesem Kenntnis gehabt haben. Wie eine Analyse von Grings Verlautbarungen nach dem Brand und seiner Aussagen vor dem Leipziger Reichsgericht zeigt, verfgte der zweite Mann in der Nazihierarchie ber ein umfassendes Tterwissen. Grings Behrde war es auch, die als erste darauf hinwies, da die Brandstifter durch den unterirdischen (Heizungs-)Tunnel entflohen seien, der das Reichstagsprsidentenpalais mit dem Reichstagsgebude verband.

Der im Reichstag festgenommene und im Proze vor dem Leipziger Reichsgericht mittels eines rckwirkenden Gesetzes zum Tode verurteilte und bald darauf hingerichtete Tter Marinus van der Lubbe, Mitglied einer rtekommunistischen hollndischen Splittergruppe, hatte fr die Brandlegung noch weniger Zeit zur Verfgung als bisher angenommen wurde nmlich nur etwa zwlf bis 13 Minuten! Van der Lubbe war an der eigentlichen Brandstiftung so gut wie nicht beteiligt. Er war ein Strohmann, der Naziprovokateuren in die Falle gegangen war. Nicht nur Lubbes eigene widersprchliche Angaben, auch die Sachverstndigengutachten und der Bericht eines ehemaligen Funktionrs der Allgemeinen Arbeiterunion (AAU), mit deren Berliner Mitgliedern van der Lubbe wenige Tage vor dem Brand Kontakt gehabt hatte, legen diesen Schlu nahe.

Die Verhaftungsaktion in der Brandnacht hatten die Nazis von langer Hand geplant. Dies belegt u. a. ein Schreiben des von Gring eingesetzten Hheren Polizeifhrer West/Sonderkommissar des Ministers des Innern, Polizeigeneral Arthur Stieler von Heydekampf, an alle staatlichen Polizeiverwalter, Gemeindepolizeiverwalter aller kreisfreien Stdte und Landrte. Diese wurden ersucht, bis zum 26. Februar 1933 (...) ergebenst hier Listen vorzulegen mit den Namen und Adressen von Fhrern der KPD und kommunistischen Nebenorganisationen wie R.G.O., Kampfbund gegen den Faschismus, RFB (damals schon verboten), Sport- und kulturellen Organisationen (z. B. Freidenker) etc. wie auch den Fhrern der Freien Gewerkschaften. Sechs Stunden vor dem Reichstagsbrand warnte der erste Chef der Gestapo, Rudolf Diels, Organisator der Verhaftungsaktion in der Brandnacht (!), in einem Polizeifunktelegramm vor kommunistischen Provokationen am Tage der Reichstagswahl: Geeignete Gegenmanahmen sind sofort zu treffen, kommunistische Funktionre erforderlichenfalls in Schutzhaft zu nehmen.

Eine Reihe von wichtigen Dokumenten sind whrend der Nazizeit verschwunden, so insbesondere das Aussageprotokoll des spter von der Gestapo ermordeten SA-Mannes Adolf Rall mit detaillierten Angaben ber ein SA-Sonderkommando zur Brandstiftung. Das Ermittlungsverfahren gegen Ralls Mrder wurde von Gring hchstpersnlich niedergeschlagen. Weiterhin verschwand der vom Leiter der Berliner Feuerwehr, Oberbranddirektor Walter Gempp, verfate Bericht der Berliner Feuerwehr. Gempp selbst wurde kurze Zeit darauf seines Amtes enthoben und unter dem Vorwand der Korruption verurteilt. Er soll im Gefngnis Selbstmord verbt haben.

Die Existenz eines SA-Brandstifterkommandos, das einige Zeit vor dem Reichstagsbrand Brandanschlge mittels einer selbstentzndlichen Flssigkeit durchgefhrt hatte, wird durch weitere bisher unbekannte Quellen und Zeugenaussagen belegt. Recherchen der Autoren sttzen den Verdacht, da zu diesem Kommando auch der damalige SA-Fhrer Hans Georg Gewehr gehrte, ein Freund des am 30. Juni 1934 erschossenen Berliner SA-Gruppenfhrers Karl Ernst. Gewehr war 1946 von dem frheren Gestapo-Mitarbeiter und spteren Mitverschwrer des 20. Juli 1944 Hans Bernd Gisevius als technischer Leiter der Brandstiftung genannt worden. In die Vorbereitungen der Brandstiftung verwickelt war nach seinen eigenen Aussagen (die von dem bekannten Bauhaus-Designer Prof. Wilhelm Wagenfeld berliefert wurden) auch der sptere Betriebsfhrer der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) Dr. Bruno Kindt. Der studierte Chemiker rechnete es sich gegenber Wagenfeld als Verdienst an, die bentigte Menge an Brandmaterial richtig vorausberechnet zu haben.

Von diesen Plnen mu auch Erik Jan Hanussen, der spter ermordete Hellseher Hitlers, erfahren haben. Hanussen war, obwohl Jude, ein Intimus der Berliner SA-Gren Karl Ernst und Graf Wolf von Helldorf und machte lange vor dem 27. Februar 1933 in seiner Hanussen-Zeitung detaillierte Angaben ber die bevorstehende Brandstiftung. Am Vorabend des Brandes soll Hanussen diesen nach mehrfach bezeugten Angaben in einer Seance sogar vor einem berwiegend faschistischen Publikum angekndigt haben. Sein Vorauswissen wurde dem Hellseher zum Verhngnis. Ein SA-Kommando brachte den allzu Gesprchigen im Auftrag Karl Ernsts zum Schweigen. Entsprechende Bemerkungen im Hanussen-Jahrbuch 1933, das lange Zeit verschollen war und erst nach Erscheinen unseres Buches von Wilfried Kugel gefunden wurde, geben Anla zu dem Verdacht, da Naziplne fr eine Provokation groen Stils bis ins Jahr 1932 zurckreichen. Darin heit es: Eine groe Brandkatastrophe wird hohe knstlerische Werte vernichten. (...) Ein Attentat auf einen sehr groen politischen Fhrer wird geahndet werden. (...) Der Versuch eines Putsches in Deutschland wird krftig unterdrckt werden mssen. 4) Plne fr ein fingiertes Attentat auf Hitler waren im Februar 1933 auch der KPD-Fhrung bekannt geworden.

Aufschlureich ist ferner, da der Freispruch des im Leipziger Reichstagsbrandproze mitangeklagten ehemaligen Chefs der kommunistischen Reichstagsfraktion, Ernst Torgler, von Anfang an feststand. Torgler, der gut mit Rudolf Diels bekannt war, hat sptestens seit 1933 mit dem Naziregime kollaboriert. Gegen die Weisung seiner Partei lie Torgler sich im Verfahren von dem NS-Staranwalt Alfons Sack verteidigen, was seinen Ausschlu aus der KPD zur Folge hatte.

Eine Reihe von mysterisen Morden und Todesfllen im Anschlu an den Reichstagsbrand (Walter Gempp, Adolf Rall, Dr. Georg Bell, Dr. Ernst Oberfohren, Karl Reineking u.a.) lassen sich aufgrund erdrckender Indizien unschwer mit der Brandstiftung in Verbindung bringen. Ganz offensichtlich wurden hier lstige Mitwisser beseitigt.


Wem nutzte das Verbrechen?

Der Reichstagsbrand kam den Nazis aus innenpolitischen Grnden wie gerufen noch kurz vor den von Hitler auf den 5. Mrz 1933 vorgezogenen Neuwahlen waren die Aussichten fr die NSDAP alles andere als gnstig, Partei und SA vom Zerfall bedroht. Obwohl sie wenige Tage vor dem Brand in unterirdischen Katakomben des Karl-Liebknecht-Hauses (KPD-Zentrale) Material fr einen geplanten kommunistischen Umsturz gefunden haben wollten, darunter Plne fr die Inbrandsetzung ffentlicher Gebude, unterlieen es die Nazis, das Reichstagsgebude zu bewachen. Es versteht sich beinahe von selbst, da diese Plne trotz der grospurigen Ankndigung Grings nie verffentlicht wurden.

Obwohl die Indizien im Fall Reichstagsbrand eine unmiverstndliche Sprache sprechen, halten einige Historiker krampfhaft an der lngst unhaltbar gewordenen These von der Alleintterschaft van der Lubbes fest. Andere Zeitgeschichtsforscher widersprechen dieser These zwar aus guten Grnden, zielen aber an den relevanten Fragen geschickt vorbei. Warum Historiker und Publizisten ber Jahrzehnte hinweg so viel Energie darauf verwandten, den Tathergang zu verschleiern und der Nazifhrung in Sachen Reichstagsbrand die Absolution zu erteilen, ist nicht nur eine konspiratologische, sondern vor allem eine historisch-politische Frage. Da es eine Konspiration der berlebenden direkten und indirekten Tatbeteiligten nach 1945 gegeben hat, ist erwiesen.

Darber hinaus gab und gibt es fr die Leugnung der faschistischen Urheberschaft am Reichstagsbrand aber auch ein allgemeines politisches Interesse: Liee sich doch an diesem Fall exemplarisch zeigen, wie systematisch (und damit prinzipiell erkennbar!) und mit welch krimineller Energie die Nazifhrung auf ihr Ziel zusteuerte: die Zerschlagung der sozialistischen Arbeiterbewegung und die Errichtung einer totalitren, die kapitalistischen Besitzverhltnisse bewahrenden Diktatur. Mit dieser Erkenntnis fllt jedoch die Legende, die heute noch fast jedes Schulkind, zumindest in den alten Bundeslndern eingetrichtert bekommt, wonach die Weimarer Republik von den politischen Extremisten der Rechten und der Linken zugrunde gerichtet worden sei.


Nazis Zeugen des Spiegel

In einer spektakulr aufgemachten Artikelserie sprach Rudolf Augsteins Spiegel als erstes meinungsbildendes Blatt der jungen BRD die Nationalsozialisten von jeder Schuld am Reichstagsbrand von 1933 frei. 5) Der im Reichstag festgenommene, zu 75 Prozent sehbehinderte Hollnder Marinus van der Lubbe habe den Brand ganz alleine gelegt, die Nazis seien von der Tat vllig berrascht worden und gewissermaen durch einen blinden Zufall und geschicktes Improvisieren an die Macht gekommen. Die noch seinerzeit auch in der Bundesrepublik weitverbreitete Ansicht, der Brand sei das Werk der Nazis gewesen, wurde in der Serie und dem ihr folgenden Buch als das Ergebnis kommunistischer Propaganda dargestellt.

Bereits die Autorenangabe nach einem Manuskript von Fritz Tobias lie darauf schlieen, da auer dem von Augstein in einer Einleitung vorgestellten Amateurforscher und Beamten im niederschsischen Verfassungsschutz noch andere an der Serie mitgewirkt hatten. Zu jenen gehrte, wie Tobias spter zugab, auch ein ehemaliger hochrangiger Nazi: der SS-Obersturmbannfhrer Paul Karl Schmidt, Pressechef des als Kriegsverbrecher hingerichteten Auenministers Joachim von Ribbentrop und Spezialist fr antisemitische Provokationen, wie aus einer geheimen Aktennotiz Schmidts fr Herrn Staatssekretr vom 27. Mai 1944 anllich einer geplanten Groaktion gegen die Budapester Juden hervorgeht. Schmidt, der spter unter dem Pseudonym Paul Carell in Bchern wie Verbrannte Erde den Vernichtungskrieg der Wehrmacht verherrlichte, war seinerzeit schon lnger beim Spiegel als Serienschreiber ttig.

Fritz Tobias selbst soll whrend des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Geheimen Feldpolizei gewesen sein der Gestapo der Wehrmacht. Das berichtete Otto Strasser, der Bruder des von den Nazis beim Rhm-Putsch ermordeten ehemaligen NS-Reichsorganisationsleiters Gregor Strasser. Auch ein deutscher Emigrant will Tobias whrend des Krieges in der Uniform der Geheimen Feldpolizei im besetzten Holland wiedergesehen haben. Tobias selbst hat bestritten, Mitglied der GFP oder der NSDAP gewesen zu sein und immer wieder auf seine langjhrige SPD-Mitgliedschaft verwiesen. (Leider durfte uns die deutsche Dienstelle keine Ausknfte ber Tobias Ttigkeit als Angehriger der deutschen Wehrmacht erteilen, weil dieser seine Einwilligung hierzu nicht erteilte).

Hauptquellen der Spiegel-Serie waren Aktenauszge von NSDAP-Mitglied Alfons Sack, Verteidiger des im Reichstagsbrandproze angeklagten frheren KPD-Fraktionschefs Ernst Torgler, auerdem die Erinnerungen des ersten Gestapo-Chefs Rudolf Diels und die Nachkriegsbekundungen der damals im Auftrag Grings ermittelnden Kriminalkommissare. Offen erklrtes Ziel des Amateurhistorikers war die Revision einer angeblich von Kommunisten beeinfluten Geschichtsschreibung.


1) Georgi Dimitroff und der Reichstagsbrandproze, Band 1 und 2, Berlin 1982 und 1989

2) Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, St 65

3) Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird, edition q, Berlin 2001

4) Hanussen-Jahrbuch 1933, hg. E. J. Hanussen, 1. Auflage, Berlin, ca. Oktober 1932

5) Stehen Sie auf, van der Lubbe. Der Reichstagsbrand 1933 Geschichte einer Legende. Nach einem Manuskript von Fritz Tobias, in: Der Spiegel, 43/1959-1-2/1960. Fritz Tobias: Der Reichstagsbrand: Legende und Wirklichkeit, Rastatt 1962

* Morgen: Planlos ins Dritte Reich gestolpert?

 

 

 

 

 

 

Die Neuinterpretation
 
Der Reichstagsbrand 1933 und die politische Funktion der vom Spiegel lancierten und von Hans Mommsen befrderten These vom Alleintter van der Lubbe (Teil II und Schlu)
 
Die im Spiegel (43/19591-2/1960) nach einem Manuskript von Fritz Tobias verffentlichte Legende vom Alleintter van der Lubbe schpfte u. a. aus den Erinnerungen von Rudolf Diels. Der war 1932 Dezernent fr Linksradikalismus in der Polizeiabteilung des Preuischen Innenministeriums und hatte dort jene Intrige mit eingefdelt, die den kalten Staatsstreich, den Preuenschlag, ermglichte, mit dem Reichskanzler Franz von Papen am 20. Juli 1932 die SPD-gefhrte Regierung Preuens absetzte (die sich ihm widerstandslos ergab) und durch einen Reichskommissar ersetzen lie. Fr seine Handlangerdienste wurde Diels zum Oberregierungsrat befrdert. Unmittelbar nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wurde die Politische Polizei aus dem Berliner Polizeiprsidium herausgelst und unter Diels Leitung Grings preuischem Innenministerium unterstellt. Aus ihr entstand das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa), Vorlufer der berchtigte Gestapo. Ihr erster faktischer Chef: Rudolf Diels.


Die Wiederverwendung der Tter

Diesem Mann hatte Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein bereits 1948/49 Raum fr eine achtteilige apologetische Serie eingerumt, die vor Geschichtsflschungen nur so strotzte.1) Der virtuose Anpassungsknstler, der 1943 die Witwe von Grings verstorbenem Bruder heiratete, durfte sich als berzeugter Demokrat prsentieren, der die Position als Gestapochef nur genutzt habe, um Schlimmeres zu verhindern.

Zum Reichstagsbrand uerte sich Diels im Spiegel mit der Bemerkung: Es sind ehemalige Mitarbeiter an der Arbeit, um Klarheit in diese Sache zu bringen. Und: Ich selbst habe schon einige Wochen nach dem Brand und bis 1945 geglaubt, da die Nationalsozialisten die Brandstifter gewesen seien. Ich glaube es heute nicht mehr. Dies war die fr die ffentlichkeit bestimmte Version. Wie Zeugen versicherten, darunter der ehemalige stellvertretende Chefanklger des Nrnberger Gerichtshofs, Robert Kempner, hatte Diels ihnen gegenber erklrt, den Reichstag htten die Nazis in Brand gesteckt. Als Anfhrer des Brandstiftertrupps habe Diels den SA-Fhrer Heini Gewehr, Spezialist fr selbstentzndliche Brandmittel, genannt. Im Sommer/Herbst 1957 erzhlte Diels dies u.a. Mitarbeitern der Illustrierten Stern und Weltbild. Kurz darauf war Diels tot aus der Flinte des gebten Jgers hatte sich ein Schu gelst!

Der erste Chef der Gestapo konnte sich auf seine Mitarbeiter verlassen. 1949 prsentierte die Zeitschrift Neue Politik (Zrich, Heft 2/1949) des Schweizer Nazikollaborateurs Wilhelm Frick eine Artikelserie Der Reichstagsbrand in anderer Sicht. Hinter dem Assessor Dr. Schneider, der darin als Gewhrsmann fr die Unschuld der Nazis am Brand auftritt, verbirgt sich der anonyme Autor selbst: Dr. Heinrich Schnitzler, der mit Diels schon den Preuenschlag vorbereitet hatte, war u. a. Mitorganisator der von Diels geleiteten Massenverhaftungen in der Brandnacht. Nach 1945 ressierte er als Ministerialrat in der Polizeiabteilung des Innenministeriums in NRW. Die Nachkriegskorrespondenz zwischen Diels und seinem Intimus Schnitzler enthllt, wie sich die beiden fr ihre Entnazifizierung abstimmten. Diels: Es scheint mir wichtig, unsere Arbeit als eine einheitliche Widerstandsleistung darzustellen, die zunchst den Gang der Entwicklung weg vom Rechtsstaat und hin zum reinen Terrorismus verzgert hat.

Fr die Neuinterpretation des Reichstagsbrands hielten Diels und Schnitzler einen ehemaligen Kollegen fr besonders geeignet: Dr. Walter Zirpins, seinerzeit als Kriminalkommissar mit den ersten Ermittlungen zum Reichstagsbrand betraut. Seit Mai 1933 Lehrer am Kriminalpolizeiinstitut Berlin-Charlottenburg, war Zirpins Anfang der vierziger Jahre als SS-Obersturmbannfhrer im Ghetto von Lodz (Litzmannstadt) mit der Bekmpfung des jdischen Verbrechertums beauftragt, wobei ihn naturgem auch Gold und Wertsachen aus jdischem Besitz interessierten. Da Zirpins 1946 auf der polnischen Kriegsverbrecherliste stand, war seiner Karriere in der BRD nicht abtrglich. Entnazifiziert und als minder belastet eingestuft, brachte er es bis zum Leiter des Landeskriminalamts in Hannover unweit von Rudolf Diels: Auch der Ex-Gestapochef stand als Regierungsprsident zur Wiederverwendung in den Diensten der Landesregierung Hannover (wo der Spiegel in den Anfangsjahren seinen Sitz hatte).

Zirpins und Diels avancierten wohl nicht zufllig zu Kronzeugen fr die Spiegel-Serie von Tobias. Der hatte seine Nachkriegslaufbahn bei der Entnazifizierungsbehrde in Hannover begonnen und stieg spter zum Ministerialrat beim niederschsischen Verfassungsschutz auf. Diels, der als Kommunismusexperte und passionierter Menschenjger in den 50er Jahren in die Dienste des amerikanischen Militrgeheimdienstes CIC trat, milang das Comeback. Seine Ambitionen auf den Prsidentenstuhl beim neugeschaffenen Amt fr Verfassungsschutz scheiterten vermutlich an Adenauer, der sicher keinen zweiten Fall Globke wollte.

Mehr Glck als Diels hatten zwei seiner ehemaligen Mitarbeiter. Einer von ihnen, Dr. Rudolf Braschwitz, Leiter der von Gring eingesetzten Reichstagsbrandkommission, brachte es zum stellvertretenden Leiter der Kripo Dortmund. Braschwitz hatte den zu Unrecht angeklagten Dimitroff vor dem Reichsgericht unter Eid mit geflschten Beweismitteln beschuldigt und tat spter whrend des Krieges als Feldpolizeidirektor (SS-Sturmbannfhrer) bei der Geheimen Feldpolizei im besetzten Frankreich Dienst. Der andere hie Hans Schneppel und war unter Adenauer als Leiter der Abteilung VI im Bundesinnenministerium, ffentliche Sicherheit, u.a. fr Bundesverfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Bundesgrenzschutz zustndig. Schneppel, seinerzeit Dezernent im Gestapa, hatte nicht nur in der Brandnacht zahlreiche Haftbefehle unterzeichnet, die fr viele den Tod im KZ zur Folge hatten. Er hatte sich auch whrend des Reichstagsbrandprozesses um die Abstimmung der Aussagen von Nazigren gesorgt.

Zirpins Karriere hat Rudolf Augstein befrdert. Bereits in seiner Serie Das Spiel ist aus Arthur Nebe von 1949 hob der Spiegel die Unterschiede zwischen den bewhrten Elite-Kriminalisten des ehemaligen Reichskriminalpolizeiamts einerseits sowie SS und Gestapo andererseits hervor sorgsam verschweigend, da es sich hier jeweils nur um verschiedene Zweige ein- und derselben Superbehrde, nmlich von Heydrichs Reichssicherheitshauptamt, handelte. Die Serie fhre, so Augstein, den heutigen Polizeiverantwortlichen vor Augen, da die Kriminalpolizei zentrale Weisungsbefugnis ntig hat und deshalb auf ihre alten Fachleute zurckgreifen mu, auch wenn diese mit einem NS-Dienstrang angeglichen worden waren. In Wahrheit beweist Zirpins handschriftlicher Lebenslauf, da er schon im Mai 1937 als SS-Mitglied gefhrt wurde, als der Eintritt auch fr Mitglieder der Kriminalpolizei noch weitgehend freiwillig war.

Im selben Beitrag legte der Spiegel eine Liste der frher mageblichen Kriminalisten vor, die rehabilitiert, aber noch nicht wiedereingestellt worden waren, obwohl ihre Wiederverwendung im Bereich Innere Sicherheit im nationalen Interesse lge. Unter dieser Elite der alten Sherlock Holmes aus dem Reichskriminalpolizeiamt waren zwei Mnner, die bei der Aufklrung des Reichstagsbrandes eine entscheidende Rolle gespielt hatten: Kriminalkommissar Helmut Mller, der im Reichstagsgebude Fingerabdrcke gesichert hatte, die nicht von van der Lubbe stammten, dieses Faktum aber vor dem Reichsgericht verschwieg, sowie Zirpins.

Als Reaktion auf Tobias Spiegel-Serie lie die Zeit einen anderen ehemaligen Mitarbeiter von Diels zu Wort kommen: Dr. jur. Hans-Bernd-Gisevius, der im Auftrag von Diels zeitweiliger Beobachter des Leipziger Reichstagsbrandprozesses war. Nach seinem Bruch mit dem Hitler-Regime wurde er fr den US-amerikanischen Geheimdienst ttig und hat mit den Verschwrern des 20. Juli zusammengearbeitet. Gisevius beschuldigte in seiner Serie Der Reichstagsbrand im ZerrSpiegel (Die Zeit, 4.3.1960 25.3.1960) den schon erwhnten Hans Georg Gewehr als einen der Haupttter der Brandstiftung. Augstein erwiderte am 27.4.1960 mit einer aggressiven und emotionalen Polemik, in der er den von Gisevius als Organisator der Brandstiftung beschuldigten Berliner SA-Verbrecher Karl Ernst in Schutz nimmt und vehement den SA-Schlger und Kriegsverbrecher Heini Gewehr verteidigt, der, zuletzt Major an der Ostfront, eigenhndig polnische Juden erschossen hat. Gisevius Angaben zu der Ermordung des SA-Mannes und mutmalichen Mitwissers der Brandstiftung, Rall, weist Augstein unter Berufung auf Diels als samt und sonders falsch zurck. Die Originalakten freilich besttigen weitestgehend Gisevius und widerlegen Augstein.


Mommsens Gutachten

Auf Anregung des Politologen Prof. Eugen Kogon beschftigte sich das Mnchner Institut fr Zeitgeschichte (IfZ) mit dem Tobias-Buch. Am 3.5.1962 lag im Proze Gisevius gegen Tobias ein unverffentlichtes, erst vom Autor wiederentdecktes Gutachten des Instituts fr Zeitgeschichte vor, verfat vom damaligen IfZ-Mitarbeiter Hermann Graml. 2) Der geht schonungslos mit dem Tobias-Buch ins Gericht, bezeichnet es als tendenzis, unwissenschaftlich und unseris. Doch kaum zwei Jahre spter, 1964, wartet das gleiche Institut berraschend mit einem neuen, diesmal in den Vierteljahrsheften fr Zeitgeschichte verffentlichten Gutachten auf, erstellt von dem jungen Historiker Hans Mommsen, ebenfalls Mitarbeiter des IfZ. Mommsen besttigt die Darstellung von Diels/Tobias. Dabei unterlaufen ihm haarstrubende Schnitzer. So wirft er analog zu Tobias den Sachverstndigen im Leipziger Reichstagsbrandproze, allen voran dem chemischen Gutachter Dr. Schatz, Widersprche und Fehler vor, die jedoch weder in deren Gutachten noch in den Aussagen vor Gericht aufgetreten sind. Falsch ist auch Mommsens Behauptung, man habe keine Spuren, keine Werkzeuge, keine Reste von Brennmaterial gefunden, welche die Annahme rechtfertigten, da van der Lubbe den Plenarsaal nur mit fremder Hilfe in Brand gesetzt haben knnte. Mommsen verga nicht nur die Brandfackel, die Zeugen lange vor Eintreffen der Feuerwehr in einem Klubsessel im Wandelgang entdeckt hatten, er spielte auch die Phosphorreste als bedeutungslos herunter, die der chemische Sachverstndige Dr. Schatz im Plenarsaal gefunden hatte. Frei erfunden ist schlielich Mommsens Behauptung, der als Zeuge vor dem Reichsgericht vernommene Oberbranddirektor Gempp habe seine Aussage ber eine Giespur von verschttetem Brandmaterial vor Gericht zurckgezogen. Mommsens Text wimmelt vor kapitalen Fehlern.

Mittlerweile wei man, beim Zustandekommen des Aufsatzes gaben nicht wissenschaftliche Motive, sondern politische Interessen den Ausschlag. Dies besttigt ein Aktenvermerk Mommsens von 1963. 3) Darin nimmt Mommsen zu einer Expertise Stellung, die das Institut in Auftrag gegeben hatte. Autor ist der Oberstudienrat und Reichstagsbrandforscher Dr. Hans Schneider. 4) An den Tobias-Thesen lt Schneider kein gutes Haar. Er weist Tobias Fehler und sinnentstellende Verdrehungen nach. Mommsen jedoch mifllt die grndliche Arbeit Schneiders. Sie sei aus allgemeinpolitischen Grnden (...) unerwnscht, weshalb das Institut ein Interesse habe, die Publikation Schneiders berhaupt zu verhindern. Der Historiker Mommsen gibt zu bedenken, ob das Institut nicht ber das Stuttgarter Ministerium Druck auf Schneider ausben knne, um eine anderweitige Verffentlichung der Arbeit zu verhindern. (In Stuttgart sa damals als Chef der Landesregierung von Baden-Wrttemberg Kurt Georg Kiesinger, ehemaliger Verbindungsmann zwischen Goebbels und Ribbentrop zur Abstimmung der Auslandspropaganda (Spezialgebiet: Nachrichtenflschung).

Mommsens Votum zeigte Wirkung. Schneiders Arbeit wurde nicht verffentlicht, statt dessen bertrug das Institut fr Zeitgeschichte seinem Mitarbeiter Hans Mommsen den Auftrag. Offiziell galt Mommsen damals als Kritiker von Tobias, er hatte dessen Buch in der Stuttgarter Zeitung (5.7.1962) mit scharfen Worten angegriffen. Wie aus internen Vermerken des Instituts fr Zeitgeschichte
Fr Mommsen bot sich mit dem Gutachten die ungeahnte Chance, seine spekulative, damals zweifellos provokante These, wonach Hitler und die Nazis gewissermaen planlos ins Dritte Reich hineingestolpert seien, auf eine vermeintlich solide Faktenbasis zu stellen. War der Reichstagsbrand nur ein bser Zufall der Geschichte, die sich daran anschlieende Suspendierung der brgerlichen Rechte und die Verfolgung der Kommunisten nur eine bona fide erfolgte Panikreaktion der vllig berraschten Nazifhrung, dann konnte von einer planvollen, vorherseh- und damit verhinderbaren (!) Machtbernahme kaum noch ernstlich die Rede sein.

Damit fand die Einzeltterthese Eingang in den bundesrepublikanischen Tempel der Wissenschaft. Wer an der Tatversion des Fritz Tobias zweifelte, der wurde bald selbst zur Zielscheibe des Hamburger Nachrichtenmagazins, dessen Treibjagd auf Kritiker sich zeitweilig auch die Zeit anschlo. Und wieder war der Verfassungsschutz beim Nebelwerfen mit von der Partie: diesmal mit den Herausgebern der Jahrbcher Extremismus & Demokratie, Eckhard Jesse und Uwe Backes. 6)

Auch die letzte grere Spiegel-Geschichte zum Reichstagsbrand (vor Erscheinen unseres Buches) greift auf einen ehemaligen NS-Experten zurck. 1970 verffentlichte ein interdisziplinres Team von Wissenschaftlern um den renommierten Schweizer Historiker Walther Hofer ein Gutachten des Instituts fr Thermodynamik an der TU Berlin. Die Expertise war zu dem eindeutigen Schlu gekommen, da Marinus van der Lubbe den Brand im Reichstag unmglich allein in der ihm zur Verfgung stehenden Zeit und mit den ihm zur Verfgung stehenden Brandmitteln (Kohlenanznder) verursacht haben kann.

1975 widersprach diesem Gutachen in den Vierteljahrsheften fr Zeitgeschichte ein gewisser Alfred Berndt. 8) Er ignorierte Dokumente, die bis dahin von keinem Historiker bestritten wurden; lie Feuerwehrleute, Polizisten und Passanten viel langsamer agieren, als tatschlich geschehen, und den nahezu blinden van der Lubbe seine Aktionen im dunklen Reichstag mit unglaublicher Geschwindigkeit ausfhren. Der Spiegel triumphierte ber Berndts Ergebnis: Das letzte Rtsel des Reichstagsbrandes von 1933 ist gelst: Ein einzelner Tter hatte doch Zeit genug, den Brand allein zu legen. Den Urheber dieser Erkenntnis stellte der Spiegel als Feuerwehr- bzw. Brandexperte vor. Nach unseren Erkenntnissen hat sich Berndt auch nach dem Krieg nie im Bereich Feuerwehr oder Brandbekmpfung bettigt. Allerdings findet sich im Bundesarchiv eine auf den Namen Alfred Berndt ausgestellte NSDAP-Karteikarte: Das Geburtsdatum 18.01.1907 stimmt mit Berndts eigenem Lebenslauf von 1961 berein. Aus dem geht hervor, da er von 1936 bis 1945 Ingenieur im Reichsluftfahrtministerium Grings war.


Der Rckzug ist vorbereitet

Auch nach unserer umfassenden Auswertung der Originalakten des Reichstagsbrandprozesses hlt der Spiegel an den Erkenntnissen seiner unvoreingenommenen Experten fest, 9) nennt Spiegel-Autor Klaus Wiegrefe die Alleintterthese die immer noch plausibelste aller mglichen Erklrungen des Geschehens. Die Argumente des Magazins sprechen fr sich: Fr die Spiegel-Kritiker, akademische Auenseiter(!), zhlten nur jene Merkwrdigkeiten, die sich wohl nie klren lassen und: Auch die Uhren der Polizisten und Feuerwehrmnner (mssen) nicht unbedingt genau gehen.

Man glaubt indessen die Unsicherheit des Verfassers mit Hnden greifen zu knnen, wenn er andererseits erwhnt, Wissenschaftler hielten es fr ausgeschlossen, da van der Lubbe allein durch den Reichstag strmte und in wenigen Minuten mit Kohlenanzndern und einigen Textilien den Plenarsaal mit dem tonnenschweren Eichengesthl anznden konnte, urteilte der Schweizer Historiker Walther Hofer in der Neuen Zrcher Zeitung. Im Grunde genommen bringt der studierte Historiker (Wiegrefe), den der Spiegel beauftragt hat, in seinem Artikel fast alle Argumente, die man gegen seine These vorbringen kann, um sie dann mit hchst fadenscheinigen Begrndungen zu verwerfen. Der Rckzug ist also vorbereitet doch welche Legende folgt nun?

1) Rudolf Diels: Die Nacht der langen Messer ... fand nicht statt. Der Spiegel, Hamburg, 7.7.1949. Rudolf Diels: Lucifer ante portas, Zrich 1949, Stuttgart 1950

2) Gutachten des Instituts fr Zeitgeschichte, erstattet im Proze Dr. Gisevius gegen Tobias vor dem Oberlandesgericht Hamburg, vom 3.5.1962, Bl. 1 (Nachla Gisevius, Archiv fr Zeitgeschichte der ETH Zrich, Sig. 15.15 u. 15.19)

3) Aktennotiz. Unterredung [von Hans Mommsen] mit Rechtsanwalt Dr. Delp betr. Rechtslage in der Angelegenheit Schneider, Institut fr Zeitgeschichte, ZS-A7. Mommsen selbst hat sich bis heute nicht ffentlich ber die von ihm angefhrten allgemeinpolitischen Grnde geuert. Dagegen hat sich das Institut fr Zeitgeschichte inzwischen von Mommsens Vorgehen in der Angelegenheit Schneider distanziert. (VfZ, 49. Jg., 3. Heft, S. 555)

4) Hans Schneider: Neues vom Reichstagsbrand?, unverffentlichtes Manuskript, Institut fr Zeitgeschichte, Mnchen

5) Vgl. Aktennotiz von H. Graml an den Leiter des Instituts, Helmuth Krausnick, vom 9.01.1961, Institut fr Zeitgeschichte, Mnchen

6) U. Backes. K. H. Janen, E. Jesse, H. Khler, H. Mommsen, F. Tobias: Reichstagsbrand. Aufklrung einer historischen Legende, Mnchen 1986

7) Abgedruckt in: Walther Hofer, Eduard Calic, Christoph Graf, Friedrich Zipfel: Der Reichstagsbrand. Eine Dokumentation, neu hg. u. bearb. von
Alexander Bahar, Freiburg i. Br. 1992

8) Alfred Berndt, Zur Entstehung des Reichstagsbrandes. Eine Untersuchung ber den Zeitablauf, in: VfZ 23 (1975), 77-90.

9) Flammendes Fanal, Der Spiegel, 15/2001, S. 38-58


* Die Rekonstruktion des Verbrechens: Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. Mit 46 Fotos und Dokumenten. Edition q, Berlin 2001, 863 Seiten, 34,80 Euro
artikel_ende

 

Glatteis, Legenden und tragische Geschichte
Leipzigs Georgi-Dimitroff-Platz und die Stalinismus-Keule

Textanfang -->

In Leipzig geht die Auseinandersetzung um die Neubenennung des Georgi-Dimitroff-Platzes weiter. Zwar hat der Stadtrat inzwischen beschlossen, den Namen des bulgarischen Kommunisten von den Schildern vor dem ehemaligen Reichsgericht zu entfernen. Doch die Leipziger selbst wurden von der SPD-gefhrten Stadtverwaltung nicht gefragt. Laut einer Zeitungsumfrage jedoch ist mehr als die Hlfte der Bevlkerung dagegen, Dimitroffs Namen von dem Platz im Zentrum der Stadt zu entfernen. Die Initiatoren der Umbenennung aus CDU und SPD entzogen sich zudem ffentlichen Diskussionen ber das Wirken Dimitroffs, der 1933 im Reichstagsbrandproze die Anklagekonstruktion der Nazis zu Fall brachte - untersttzt von einer publizistischen Offensive aus dem Ausland, die der deutsche Kommunist Willi Mnzenberg initiierte.

Unser Autor, der Leipziger Historiker Ernstgert Kalbe, beschftigt sich in dem folgenden Beitrag mit den Stalinismus-Vorwrfen gegen Dimitroff, der 1935 auf dem VII. Weltkongre der Kommunistischen Internationale die Volksfrontpolitik begrndete, einen Versuch der Sammlung aller antifaschistischen Krfte, den dann Stalin vor allem mit den Moskauer Schauprozessen von 1936 und 1937 sabotierte. (jW)

Georgi Dimitroffs Name steht fr die erste Niederlage des faschistischen Hitlerregimes im Reichtagsbrandproze 1933 in Leipzig. Dort ging es um jene politische Brandstiftung vom 27. Februar 1933, in deren langem Schatten die Verfolgung von Kommunisten, Sozialdemokraten, Demokraten und Antifaschisten aller Couleur eingeleitet und schlielich die Weltbrandstiftung des Zweiten Weltkrieges vorbereitet wurde.

Ist es das, was Leipziger Lokalpolitiker und Pseudohistoriker von CDU bis SPD zur Umbenennung des Georgi-Dimitroff-Platzes vor dem Gebude des ehemaligen Reichsgerichts treibt, nachdem schon bald nach der Wende das Dimitroff-Museum aus dem Gebude vertrieben und seine Bestnde weggeschlossen wurden? Oder ist es der vorauseilende Gehorsam gegenber den hohen Richtern des knftig hier beheimateten Bundesverwaltungsgerichts, denen man die Konfrontation mit jener makabren Seite deutscher Reichs- und Rechtsgeschichte ersparen mchte?

Im Unterschied zum IV. Strafsenat des Deutschen Reichsgerichts, der angesichts der Tatsachen die angeklagten Bulgaren Dimitroff, Popow und Taneff sowie den deutschen Angeklagten Torgler 1934 freisprechen mute, sind heutige Leipziger Politiker zu einer fairen politisch-rechtlichen Wrdigung der Rolle Dimitroffs im Leipziger Proze sowie im antifaschistischen Kampf nicht bereit. Vielmehr schwingen sie die vielseitig verwendbare Keule des Stalinismus gegen Dimitroff, der damals weltweit als der Held von Leipzig gefeiert wurde.

Der erste Vorwurf lautet, Dimitroff habe als Sekretr des Westeuropischen Bros der Kommunistischen Internationale (KI) in Deutschland zur Vernichtung der Sozialdemokratie aufgerufen, weil Faschismus und Sozialdemokratie Zwillingsbrder seien. Gerade Dimitroff gehrte zu jenen fhrenden Kommunisten, die gegen die These vom Sozialfaschismus auftraten. Whrend des Leipziger Prozesses rief er zur Einheitsfront mit der Sozialdemokratie auf, so wie er es bereits zuvor getan hatte.

Im Oktober 1932 zum Beispiel schrieb Dimitroff einen Brief an das Exekutivkomitee der KI, in dem er sektiererische Enge der KPD bei der Politik der Antifaschistischen Aktion beklagte. Gegenber den sozialdemokratischen Arbeitermassen setzen wir in der

>Antifaschistischen Aktion< die frhere Fragestellung fort:

Kommt zu uns! Kmpft mit uns gegen den Faschismus, gegen den Lohn- und Untersttzungsraub (...) Faktisch stellen wir immer noch die Anerkennung der Fhrung der Kommunistischen Partei als eine Vorbedingung fr die revolutionre Einheitsfront ... Statt dessen empfahl er, da die Arbeiter ohne Unterschied der Partei- und Organisationszugehrigkeit gemeinsam gewhlte Kampforgane schaffen sollten.

Bekannt ist Dimitroffs Wirken fr den Amsterdamer Antikriegskongre im August 1932 und fr den Antifaschistischen Arbeiterkongre Europas im Juni 1933 in Paris. Whrend des Leipziger Prozesses rief er zu Massenarbeit, Massenkampf und Einheitsfront auf, die das Alpha und Omega des antifaschistischen Kampfes seien.

Der zweite Vorwurf lautet, Dimitroffs Mut in Leipzig habe im Wissen darum bestanden, da Gestapo und NKW vorab seine berstellung nach Moskau vereinbart htten. Wei der Henker, woher diese Weisheit stammt. Die Akten des schsischen Ministeriums des Innern wie die Gestapo-Akten (Landeshauptarchiv Dresden, Ministerium des Auswrtigen Amtes, Teil I, Nr. 846, XXI. 45) weisen jedenfalls aus, da am 4. Januar 1934 in Berlin eine Beratung im Reichsministerium des Innern stattfand, auf der ber die Auslieferung Dimitroffs und seiner Genossen oder ihre Verbringung in ein KZ diskutiert wurde. Ministerialdirigent Diels erklrte dort im Auftrage des preuischen Ministerprsidenten Gring, da man die weitere Behandlung Dimitroffs geradezu eine Stilfrage fr den Nationalsozialismus nennen knne. Die Absicht des preuischen Herrn Ministerprsidenten ginge dahin, Dimitroff in ein KZ zu bringen und ihn dort genauso zu behandeln wie die anderen mageblichen kommunsitischen Funktionre Torgler, Schneller usw. Aus auenpolitischen Rcksichten entschied Hitler persnlich, die freigesprochenen Bulgaren in die Sowjetunion abzuschieben, nachdem diesen im Februar 1934 die sowjetische Staatsbrgerschaft verliehen worden war. Der beabsichtigte gleichsetzende Totalitarismusvorwurf geht also nicht auf.

Der dritte Vorwurf lautet, Dimitroff habe nach dem Leipziger Proze und als Generalsekretr der KI als Erfllungsgehilfe Stalinscher Repressionspolitik gedient. Zunchst begrndete Dimitroff nach dem Leipziger Proze die Strategie der antifaschistischen Einheitsfront und Volksfrontpolitik des VII. Weltkongresses der KI im Sommer 1935, die anfnglich zum Aufschwung des weltweiten antifaschistischen Kampfes beitrug, mit dem Mnchner Abkommen und dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt jedoch faktisch fr zwei Jahre auer Kraft gesetzt wurde. Die Durchsetzung der Volksfrontpolitik war nur gegen den Widerstand sektiererischer Krfte in der kommunistischen Bewegung mglich.

Es ist wahr: Als Generalsekretr der KI konnte Dimitroff die um sich greifenden Repressionen gegen sowjetische Funktionre, deutsche, bulgarische und andere Politemigranten in der Sowjetunion nicht verhindern, teils wegen zunehmender Machtlosigkeit, teils wegen falscher Glubigkeit gegenber den sowjetischen Organen, teils auch wegen selbstverschuldeter Unmndigkeit gegenber dem Machtapparat Stalins, zumal das Gewicht der KI seit 1938 stndig sank. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklrung. Freilich gibt es auch Beweise dafr, da Dimitroff - wie Togliatti oder Pieck - in manchen Fllen verhaftete Gesinnungsgenossen aus der Haft befreien konnte. Bekannt ist die Aussage des autorisierten Tito-Biographen Dedijer, wonach Dimitroff und Tito bei den Verhaftungswellen 1937/1938 gegenseitig gefhrdete Landsleute in ihren Datschen versteckten.

Stefan Troebst, zu realsozialistischen Zeiten westdeutscher Geschichtsstudent in Sofia und heute als Leiter des Flensburger Europischen Zentrums fr Minderheitenforschung (EZM) mageblich am Ausbau einer rechtsextremistisch beeinfluten Volkstumspolitik beteiligt (siehe jW vom 22. Mai 1997), widmet sich in einem lngeren Artikel, der von der Leipziger SPD gewissermaen als Hauptbeweismittel gehandelt wird, den in der Tat verbrecherischen Suberungen und Verfolgungen in der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP). Der Autor bezeichnet dabei Dimitroff neben Kolaroff als Strohmann bei solchen Repressalien gegen Politemigranten in der UdSSR und gegen Parteifunktionre in Bulgarien. Troebst verteidigt in diesem Zusammenhang faktisch sogar die sogenannte linke Fhrung der BKP um Petar Iskroff, um die Einheits- und Volksfrontlinie Dimitroffs ins Zwielicht zu rcken. Nicht immer recherchierte er die Fakten exakt, so wenn er von der Teilrehabilitierung Blagoj Popoffs 1954 spricht, eines Mitangeklagten Georgi Dimitroffs im Leipziger Proze, der nach seiner Entlassung aus sowjetischer Haft immerhin Ende der fnfziger und Anfang der sechziger Jahre 1. Botschaftsrat der Volksrepublik Bulgarien in der DDR war.

Der unterschwellige Verdacht, Dimitroff knnte seine Hand auch bei der Ausschaltung und Verurteilung Traitscho Kostoffs, des 1. Sekretrs der BKP, im Jahre 1949 im Spiele gehabt haben, geht ins Leere. Der todkranke Dimitroff befand sich seit dem 15. April 1949 im sowjetischen Sanatorium Barwicha und verstarb dort am 2. Juli 1949, Kostoff wurde - freilich mit Kenntnis Dimitroffs - hingegen im Mai 1949 aus dem ZK, im Juni aus der BKP ausgeschlossen, am 20. Juni 1949 verhaftet und im Dezember 1949 in einem konstruierten Proze zum Tode verurteilt.

Nach seiner Rckkehr nach Bulgarien hatte Dimitroff von 1946 bis 1948 gemeinam mit Tito eine aktive Politik zur Schaffung einer Balkanfderation zwischen Bulgarien, Jugoslawien, Albanien, eventuell auch Griechenland (im Falle eines linken Sieges im griechischen Brgerkrieg) und Rumnien betrieben. Das fand im sogenannten Bleder Vergleich zwische Bulgarien und Jugoslawien vom 1. August 1947 und in den Freundschaftsvertrgen von 1947/48 zwischen den sdosteuropischen Lndern der Volksdemokratie konkreten Ausdruck. Damit wre eine starke staatliche Fderation in Sdosteuropa entstanden - mit eigenem internationalem Gewicht und eigenen Interessen.

Das rief die harsche Kritik Stalins hervor. Whrend sich Dimitroff dem Verdikt aus Moskau beugte, beharrte Tito auf eigenen Positionen, was 1948 zum Kominform-Konflikt mit Jugoslawien fhrte. Das tragische Ende einer groen Idee.

brigens war Kostoff aktiv an den Fderationsgesprchen mit Jugoslawien beteiligt. Das war der eigentliche Punkt seiner spteren Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung, die zweifellos auf Stalins Intervention zurckzufhren war. Jedenfalls riet Dimitroff, der sich an der Kominform-Beratung im Juni 1948 nicht beteiligte, den Jugoslawen zum Durchhalten. In Jugoslawien wurden deshalb der Name Dimitroff fr Orte und Betriebsbezeichnungen beibehalten, whrend Tito die Namen von fhrenden Funktionren anderer sozialistischer Lnder entfernen lie.

In der blutigen Geschichte des 20. Jahrhunderts, das Eric Hobsbawm als das Zeitalter der Extreme bezeichnet, sind fleckenlose Biographien selten. Das gilt zum Beispiel auch fr die Mnner des 20. Juli 1944, die sich fhrend an Hitlers Krieg beteiligt hatten. Warum gilt hnliche Fairne nicht fr Dimitroff? Oder obwaltet hier die Logik umgekehrter Totalitarismusdoktrin?

*** Unter dem Titel Der Dimitroff-Skandal: Wie die Stadt Leipzig einen weltberhmten Antifaschisten abwickelt hat der PDS-Stadtvorstand Leipzig eine illustrierte Chronik der bisherigen Auseinandersetzungen um den Georgi-Dimitroff- Platz herausgegeben. Die von Volker Klow und Dietmar Pellmann verfate 32seitige Broschre ist zum Preis von 4 Mark plus Porto ab dem heutigen Donnerstag ber die Leipziger PDS (04277 Leipzig, Brandvorwerkstr. 52/54, Tel. 0341/3950455) erhltlich.

Textende -->

 

Keinen Stein fr van der Lubbe?
jW-Gesprch mit dem Berliner Gerhard Brack, der sich fr einen Gedenkstein in Berlin einsetzt

Textanfang -->

*** Gerhard Brack - das Foto zeigt ihn mit drei niederlndischen Knstlern vor dem Berliner Reichstagsgebude - lebt als freier Autor und Wissenschaftler in Berlin. Er promovierte ber Friedrich Drrenmatt, arbeitete beim Bayrischen Rundfunk. Er beschftigt sich mit dem Leben von Marinus van der Lubbe und studiert derzeit im Bundesarchiv vor allem die Akten, die 1982 aus der Sowjetunion nach Berlin zurckkamen: 250 Kartons ber den Reichstagsbrand - mit jeweils zwischen 200 und 8 000 Seiten

* Die Nazis hatten versucht, die Brandstiftung den Kommunisten anzuhngen. Noch in der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 wurden zahlreiche Mitglieder der KPD und andere Antifaschisten nach vorgefertigten Listen verhaftet. Die Anklage gegen Georgi Dimitroff und andere brach im Reichstagsbrandproze zusammen. Doch Marinus van der Lubbe wurde widerrechtlich zum Tode verurteilt. Bis heute wird versucht, ihn als Alleintter bei der Reichstagsbrandstiftung hinzustellen

F: In Leipzig und dem niederlndischen Leiden sind zwei Gedenksteine fr den niederlndischen Rtekommunisten Marinus van der Lubbe errichtet worden. Nun soll auch in Berlin vorm Reichstagsgebude ein Gedenkstein fr den als angeblichen Reichstagsbrandstifter zum Tode Verurteilten errichtet werden. Sie engagieren sich - gemeinsam mit zahlreichen niederlndischen Knstlern - fr diese Ehrung. Was hat Sie dazu bewegt?

Ich interessiere mich sehr stark fr das Leben Marinus van der Lubbes. Er ist eine in der Geschichte sehr wichtige Persnlichkeit. In den Niederlanden existiert eine Stiftung, die sich dafr einsetzt, da es ein Grab fr van der Lubbe gibt. In Holland ist das Interesse riesengro. Bei der Stiftung laufen die Telefone hei. Auch wenn ich selbst nicht Mitglied dieser Stiftung bin, war ich in den Niederlanden, habe dort recherchiert und diejenigen kennengelernt, die diese Initiative ins Leben riefen. Das berzeugte mich.

Marinus van der Lubbe ist jemand, der sich stark politisch engagierte einerseits. Und er ist jemand, der ein sehr frsorglicher, offener, kmpferischer, aber fr andere kmpferischer Mensch war. Ich habe mich auf die Suche nach Menschen gemacht, die noch Marinus van der Lubbe persnlich erlebten und habe diese auch gefunden.

Beispielsweise habe ich den Sohn des Mannes gefunden, der Marinus in die Kommunistische Partei eingefhrt hat. Im Bundesarchiv fand ich vor kurzem einen Brief, worin van der Lubbe einem Jungen zum Geburtstag Geld schickt. Er bekam selber sehr wenig Geld, er war Invalide und hatte nur sieben Gulden vierundvierzig pro Woche. Dieses wenige Geld hat er oft verschenkt an andere.

In Leipzig, wo van der Lubbe vor dem Reichsgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, steht bereits ein solcher Gedenkstein fr ihn.

Ja, als Grabmal. Das Grab von Marinus liegt versteckt, in doppelter Tiefe, und es war nicht leicht, dieses Grab zu finden.

F: Wieweit sind die Bemhungen gediehen, in der deutschen Hauptstadt eine Ehrung fr van der Lubbe zu schaffen?

Dieser Stein ist fertig. Er ist als Geschenk von Brgern aus den Niederlanden gestiftet worden. Er ist ein Geschenk fr die Stadt Berlin. Die Stadt Berlin mchte sich - so die letzten mir vorliegenden Informationen - jedoch nicht engagieren, sich nicht einsetzen, es nicht befrworten, da dieser Stein aufgestellt wird. Vom Bundestag gab es einige positive Rckmeldungen, auch die Stadt Leipzig uerte sich sehr positiv. Aber die zustndige Berliner Senatsverwaltung uerte, da sie das Projekt nicht empfehlen mchte. Ohne Empfehlung der Stadt Berlin wird die Aufstellung des Denkmals nicht genehmigt. Es geht seit lngerem nur darum, ob und wo der Stein aufgestellt werden kann. Aber die Senatsverwaltung wnscht offenbar diesen Stein nicht. In den Niederlanden interessiert man sich stark fr van der Lubbe, wo er auch einen groen Rckhalt hat. Politiker und auch die Bevlkerung dort stehen sehr hinter ihm. Am kommenden Montag wird eine Ausstellung im Amsterdamer Widerstandsmuseum erffnet, wo dieser Stein zu sehen sein wird. Es bewegt die Menschen in den Niederlanden sehr. Sie sagen, Marinus war das erste Nazi-Opfer in den Niederlanden. Ich finde es sehr warm von den Niederlndern, da gerade von dieser Nation, die als erste durch die Ermordung van der Lubbes betroffen war, eine solche Ausshnungsgeste kommt und Berlin dieser Stein geschenkt wird. Ich fnde es vllig unverstndlich, dieses Geschenk abzulehnen.

F: Sind die drei Steine in Leipzig, der in Berlin geplante und der in der Heimatstadt van der Lubbes, in Leiden, identisch?

Nein. Die drei Steine sind vom Format her gleich gro und sehen aus, als seien sie die Sandsteinquader, aus denen der Reichstag aufgebaut ist. Marinus dachte trotz seiner harten Haftbedingungen - ber Monate hinweg waren seine Hnde mit Ketten an die Hften gefesselt, bei Tag und Nacht brannte Licht in seiner Zelle - an seine Freunde und schrieb ihnen ein dreistrophiges Gedicht, in dem es um die Schnheit des Lebens geht. Die zweite Strophe steht auf dem Stein, der fr Berlin gedacht ist.

F: Gibt es in Deutschland weitere Ehrungen fr van der Lubbe?

Nein. Nicht, da ich wte.

F: Die Leipziger PDS hat sich seinerzeit sehr fr ein ffentliches Gedenken an Marinus van der Lubbe in Leipzig eingesetzt. Hat Ihr Vorhaben auch von anderer Seite hierzulande Untersttzung bekommen?

Ich glaube, da viele noch gar nicht wissen von dem Projekt. Die junge Welt ist die erste deutsche Zeitung, die bei uns anfragt und wissen will, was da eigentlich genau geplant ist. Es ist zu wnschen, da dem Vorhaben mehr ffentlichkeit geschenkt wird. Die Zeit schrieb seinerzeit, als der Gedenkstein in Leipzig aufgestellt wurde, es sei zu hoffen, da sich die Hauptstadt genauso leicht tue wie Leipzig.

F: Was haben Sie jetzt konkret vor, um fr mehr ffentlichkeit, auch mehr Untersttzung zu sorgen?

Es wird auf jeden Fall die Mglichkeit geben, da jeder Berliner diesen Stein sehen kann, und zwar am 27. Februar. Die Knstler werden aus Holland nach Berlin kommen, und sie werden den Stein mitbringen. Jeder wird sich davon berzeugen knnen, da der Stein nicht bertrieben ist, sondern sehr schlicht und bescheiden.

Es wird gegen Marinus gesagt, durch seine Tat seien die Konzentrationslager entstanden, das Ermchtigungsgesetz. Das ist nichts, was Marinus wollte, und das hat er wirklich nicht verschuldet. Er war nach Deutschland gekommen, als er vom Machtantritt Hitlers hrte, und er ist nach Berlin gegangen, um zu sehen, wie es den Arbeitern geht. Er ging damals davon aus, so sagte er, da diese Regierung der nationalen Konzentration erstens die Arbeiter unterdrcken und zweitens zum Krieg fhren werde. Es ist wirklich nicht die Schuld von Marinus, wenn die Nazis den Reichstagsbrand benutzten, um Konzentrationslager einzurichten und das Ermchtigungsgesetz durchzudrcken. Man kann also nicht sagen, da der Stein keinen Platz habe, weil Marinus Schuld habe an den Dingen, die in der Folge des Reichstagsbrandes geschahen.

F: Das Berliner Reichstagsgebude ist im vergangenen Jahr nach groen Umbauarbeiten wieder erffnet worden. Auf die Rolle von Marinus van der Lubbe in der Geschichte dieses Gebudes ist von dem amerikanischen Architekten Foster in keiner Weise eingegangen oder hingewiesen worden. Wie erklren Sie sich das?

Das ist einfach ein Versumnis. Als sich die Initiative fr diesen Gedenkstein grndete, waren die Planungen von Foster schon beendet. Das Empfehlungskomitee des Bundestages war zum letzten Mal zusammen getreten. Die Planungsphase war abgeschlossen, was es auch jetzt problematisch macht.

F: Aber es ist zumindest verwunderlich, da bei der Konzeption einer Renovierung, Neugestaltung des Reichstagsgebudes ein solcher Hinweis auf van der Lubbe berhaupt nicht in Erwgung gezogen wird? Das kann man doch eigentlich nicht vergessen.

Das ist richtig. Der Heizungsgang, durch den die Nazis gekommen sein sollen, soll wohl erhalten bleiben. Auf den soll warscheinlich hingewiesen werden. Aber, da auf Marinus van der Lubbe nicht hingewiesen wird, ist wirklich ein riesiges Versumnis.

F: Die Bundesrepublik Deutschland hat als Rechtsnachfolger des Nazi-Reiches die von den deutschen Nazis ber van der Lubbe verhngte Todesstrafe in eine achtjhrige Freiheitsstrafe revidiert. Was sagen Sie dazu?

Das hat alle, die sich mit dieser Geschichte und mit Marinus auseinandersetzen, persnlich getroffen und verletzt. Es leben noch Angehrige von Marinus, die das genausowenig verstanden haben, wie all diejenigen, die sich mit seinem Leben auseinandergesetzt haben. Marinus ist zum Tode verurteilt und gekpft worden aufgrund eines Gesetzes, das es zur Tatzeit noch gar nicht gegeben hat.

In dem Gerichtsverfahren unter den Nazis selbst ist auch vieles nicht bercksichtigt worden, was Marinus entlastet htte. Es ist bedauerlich, da das nicht richtiggestellt worden ist. Ein bundesdeutscher Verfassungsrichter soll sich wohl auch einmal sehr gegen diese Umwandlung in eine achtjhrige Zuchthausstrafe ausgesprochen hat.

F: An diesem Wochenende ziehen wieder Zehntausende Menschen an die Grber der ermordeten KPD-Mitbegrnder Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die grte antifaschistische Demonstration, die alljhrlich in Deutschland stattfindet. Knnen Sie sich vorstellen, da Marinus van der Lubbe auch einmal in den Mittelpunkt eines breiten ffentlichen Gedenkens gelangen wird?

Marinus wird immer jemand sein, mit dem sich die Beschftigung lohnt. Es gibt in den Niederlanden fast eine Kultur des Anarchismus, und ich glaube auch, da wir von der etwas lernen knnen. Ich glaube ganz bestimmt, da viele Berliner ihn liebgewinnen knnen. Es wird immer viel unverstndlich bleiben an ihm. Aber er war jemand, der sich den gesellschaftlichen Problemen nicht verweigerte und versuchte, etwas zur Lsung dieser Probleme zu tun. Als ich vor kurzem in Leipzig war, lagen dort auf seinem Grab auch Tulpen. Orange Tulpen.

Das Gesprch fhrte Ulrike Schulz

(Aus der Wochenend-Ausgabe)

 

 

Kein Platz fr Dimitroff und van der Lubbe?
Leipzig will Platz umbenennen und ein NS-Mord vergessen machen

Reinhard Bohse, der Pressesprecher der Stadt Leipzig, ist offenkundig ein Mann mit seherischen Fhigkeiten. Whrend die fr Mittwoch geplante Umbenennung des Georgi-Dimitroff-Platzes kurzfristig von der Tagesordnung der Ratsversammlung gestrichen wurde, gibt er protestierenden Brgern die schriftliche Prognose, ziemlich gewi߫ sei es, da der Platz den Namen Dimitroff nicht behalten wird. Den Antrag zur Umbenennung hatte die Leipiger CDU-Stadtfraktion - allerdings ohne alternativen Vorschlag - bereits am 4. Oktober 1996 mit der Begrndung eingebracht, da dem Bundesverwaltungsgericht als knftigem Nutzer des ehemaligen Reichsgerichts der Name eines fhrenden bulgarischen Stalinisten nicht zugemutet werden knne.

Die mit der CDU faktisch in groer Koaliton verbandelte SPD berholte die Christdmeokraten wenig spter noch rechts. Mit der Begrndung, das Reichsgericht habe bis in die Nazizeit seine Unabhngigkeit erhalten, schlug man die sofortige Umbenennung des Georgi-Dimitroff-Platzes in Reichsgerichtsplatz vor. Die verheerende Unkenntnis der Leipziger Sozialdemokraten ber die NS-Justiz und ihre Vorgeschichte knnte fast anrhrend wirken, wenn sie nicht das Fundament geradezu abenteuerlicher Argumentationen bilden wrde. Gesttzt auf Handreichungen eines Hobby-Historikers kolportierte der zustndige SPD-Stadtrat Hans Heinrich Deicke beispielsweise die These, Dimitroff htte vor Beginn des Reichstagsbrandprozesses um seinen Freispruch gewut und sei nach den Verhandlungen gemeinsam mit Hermann Gring auf der Jagd gewesen.

Ob sich die vom Grohistoriker Hans Mommsen angefhrten Verfechter der sogenannten Alleintter-Theorie, die den Brand vom 27. Februar 1933 bis zum heutigen Tag als Solotat des invaliden niederlndischen Maurers Marinus van der Lubbe ansehen, ber derartigen sozialdemokratischen Flankenschutz freuen, darf bezweifelt werden. Die mit dem Untergang der DDR nunmehr hegemoniale Ausdeutung des Reichtagsbrandes wird aus mchtigeren Kraftquellen gespeist und ist auf die wirren Phantasien lokaler Pseudoforscher nicht angewiesen. Es ist hier nicht der Ort, die eigentmlichen Entstehungsumstnde der Spiegel-Serie zum Reichstagsbrand aus der Feder von Fritz Tobias in den Jahren 1958/59 nachzuzeichnen, als im Rahmen eines verdeckten Zusammenspiels von ehemaligen NS-Ttern in Polizei und Publizistik die Reinwaschung der wirklichen Brandstifter ihren Anfang nahm. Allerdings mu darauf verwiesen werden, da diese bis heute nicht ffentlich gewordene Symbiose noch fast fnfzig Jahre spter eine enorme Wirkung entfaltet. Eben diese Konstellation - mit Hans Mommsen als wissenschaftlicher Leitfigur - behindert die Publikation des seit 1990 druckreifen 3. Bandes der international renommierten Dokumentenedition Der Reichstagsbrand und Georgi Dimitroff.

Dieser Band knnte auch nheren Aufschlu ber die letzten Wochen des Mannes geben, der das eigentliche Opfer des Reichstagsbrandprozesses war: Marinus van der Lubbe. Im brennenden Reichstag von der Polizei am 27. Februar 1933 gegen 21.30 Uhr aufgegriffen, hatte van der Lubbe vom Zeitpunkt seiner Verhaftung an nicht mehr die Spur einer Chance. Schon wenige Tage nach dem Brand, als im Hitler-Kabinett die Behauptungen auslndischer Zeitungen behandelt wurden, da die Nazis den Reichstag selbst angezndet htten, uerte Hitler, diesem ganzen Geschrei wre der Boden entzogen worden, wenn der Tter sofort aufgehngt worden wre. Drei Wochen spter beschlo die NS-Regierung das Gesetz ber die Verhngung und den Vollzug der Todesstrafe vom 29. Mrz 1933 (Lex van der Lubbe), das vom Reichsgericht bei seinem Urteil zum Reichstagsbrand am 23. Dezember 1933 rckwirkend angewendet wurde: Wegen Hochverrats (Paragraph 81 StGB) in Tateinheit u. a. mit aufrhrerischer Brandstiftung (Paragraph 307 StGB) verurteilte das hchste deutsche Gericht den aus dem niederlndischen Leiden stammenden Maurer und Rtekommunisten, der whrend des Prozesses mutmalich unter dem Einflu von Drogen bzw. Medikamenten gestanden hatte, zum Tode und beging damit einen bis heute ungeshnten Justizmord.

Zur Rekonstruktion der geschichtlichen Wahrheit gehrt auch die Feststellung, da die Behandlung van der Lubbes durch die antifaschistische Linke - bei allem Verstndnis fr die vorbehaltlose Untersttzung von Dimitroff und den anderen Mitangeklagten - wenig ehrenvoll war. Das unter Leitung von Willi Mnzenberg entstandene und in seiner weltweiten politischen Wirkung nicht zu berschtzende Braunbuch denunzierte van der Lubbe als angeblichen Homosexuellen und Nazisympathisanten, der wissentlich im Auftrag bzw. nach Absprache mit den Faschisten gehandelt habe. Lediglich einige niederlndische Rtekommunisten und Freunde des Angeklagten solidarisierten sich mit dem ehemaligen Mitglied der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Hollands (KPH), der sich seit 1928 auf Wanderschaft durch Europa befunden hatte und Anfang 1933 wieder nach Deutschland gekommen war, um die deutschen Arbeiter in fataler Verkennung der neuen politischen Situation durch infantile Brandstiftungen zum Kampf gegen Hitler wachzurtteln.

Als publizistische Antwort auf das Braunbuch verffentlichte das Internationaal van der Lubbe-Comit 1933 eine Verteidigung in niederlndischer Sprache. In deutschsprachiger Ausgabe erschien dieses Rotbuch, das van der Lubbes Persnlichkeit als eine fast kindliche Natur nachzeichnete, erst 50 Jahre spter bei der Edition Nautilus.

Am 10. Januar 1934, drei Tage vor seinem 25. Geburtstag, wurde Marinus van der Lubbe im Lichthof des Leipziger Landgerichts frh 7.30 Uhr durch den Scharfrichter Engelhardt aus Schmlln enthauptet. Neben dem Oberreichsanwalt Dr. Karl Werner lieen sich auch sechs Dezernenten Leipzigs und mehrere Stadtverordnete die Teilnahme an der Hinrichtung nicht nehmen. Entgegen der Strafprozeordnung verweigerten die NS-Behrden den Angehrigen zunchst die Herausgabe des Leichnams, da sie eine mgliche toxikologisch-chemische Untersuchung der sterblichen berreste befrchteten. Am 15. Januar wurde van der Lubbe auf dem Leipziger Sdfriedhof in einem anonymen Grab in doppelter Tiefe beigesetzt; Den eichernen Sarg mit Zinkeinsatz bedeckte zustzlich ein riesiger Stein.

Mitte der fnfziger Jahre wurde die Grabstelle Nr. 257 (VIII. Abteilung, 8. Gruppe) geffnet und die Korrektheit aller im Friedhofsarchiv berlieferten Informationen festgestellt. Ein Jahrzehnt spter regte das Georgi-Dimitroff-Museum die Exhumierung der Leiche van der Lubbes an, um die Vergiftungsthese gerichtsmedizisnich berprfen zu lassen. Auf Grund wirklicher oder vermeintlicher diplomatischer Rcksichtnahmen gegenber den Niederlanden wurde damals eine auch heute noch vorstellbare - durch die erneute Belegung des Grabes und den inzwischen verstrichenen Zeitraum allerdings wesentlich verringerte - Chance vergeben, eines der groen Rtsel im Reichstagsbrandproze wissenschaftlich berzeugend zu lsen.

1967 begann das juristische Nachspiel des Falles Marinus van der Lubbe. 33 Jahre nach seiner Hinrichtung verurteilte ihn das Berliner Landgericht auf Antrag seines Bruders und unter Aufhebung des vormaligen Todesurteils in einem neuen Verfahren wegen menschengefhrdender Brandstiftung zu acht Jahren Zuchthaus. Im Dezember 1980 erkannte das gleiche Gericht sogar auf Freispruch. Gegen dieses Urteil legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Daraufhin entschied das zustndige Kammergericht, das Wiederaufnahmeverfahren von 1967 sei nicht zulssig gewesen, weil es in der Bundesrepbulik Deutschland kein Nachfolgegericht fr das frhere Reichsgericht gbe. Der ehemalige Anklger im Nrnberger Kriegsverbrecherproze, Robert Kempner, beantragte im Auftrag des Bruders von van der Lubbe am 25. Februar 1983 ein erneutes Wiederaufnahmeverfahren beim Bundesgerichtshof.

Whrend in der Bundesrepublik bislang der Versuch scheiterte, Gerechtigkeit fr van der Lubbe zu erkmpfen, wurde sein Name in den Niederlanden rehabilitiert: Am 10. Januar 1980, genau 46 Jahre nach der Hinrichtung, weihte sein Jugendfreund Koos de Vink gemeinsam mit ehemaligen rtekommunistischen Mitstreitern in Leiden den Marinus van der Lubbe-Hof ein. Auf deutschem Boden steht eine ffentliche Sttte der Erinnerung und damit ein Mindestma an postumer Rehabilitierung fr Marinus van der Lubbe immer noch aus.

Volker Klow

 

Literatur:

Carl Dirks / Karl-Heinz Janen


Der Krieg der Generle
Hitler als Werkzeug der Wehrmacht

Berlin: Propylen Verlag, 1999
ISBN 3-549-05590-0
DM 39,90

Neue Archivfunde der beiden Zeithistoriker belegen, da das deutsche Militr nicht erst nach 1933, sondern sptestens 1923 mit der Vorbereitung fr einen neuen Weltkrieg begann. Detailliert analysieren die Autoren die geheimen Rstungsprogramme der 1920er Jahre, die Umwandlung der vom Versailler Vertrag verordneten Rumpfarmee in ein Angriffsheer und die Weltmachttrume der Militrs. Sie zeigen, da die deutschen Generalitt schon lange vor Hitler einen neuen Krieg plante und vorbereitete - Mobilmachung, Anforderungen an die Rstungsindustrie, Planspiele fr den Ostfeldzug -, der im Zweiten Weltkrieg Realitt wurde.




 

Dietrich Eichholtz / Wolfgang Schumann (Hg.)
Anatomie des Krieges
Neue Dokumente ber die Rolle des deutschen Monopolkapitals bei der Vorbereitung und Durchfhrung des zweiten Weltkrieges

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1969 (nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Erhard Moritz (Hg.)
Fall Barbarossa
Dokumente zur Vorbereitung der faschistischen Wehrmacht auf die Aggression gegen die Sowjetunion (1940/41)

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1970
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Gerhart Hass / Wolfgang Schumann (Hg.)
Anatomie der Aggression
Neue Dokumente zu den Kriegszielen des faschistischen deutschen Imperialismus im zweiten Weltkrieg

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1972
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Wolfgang Schumann (Hg.)
Griff nach Sdosteuropa
Neue Dokumente ber die Politik des deutschen Imperialismus und Militarismus gegenber Sdosteuropa im zweiten Weltkrieg

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1973
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Wolfgang Schumann / Ludwig Nestler (Hg.)
Weltherrschaft im Visier
Dokumente zu den Europa- und Weltherrschaftsplnen des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis Mai 1945

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1975
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Manfred Menger / Fritz Petrick / Wolfgang Wilhelmus (Hg.)
Expansionsrichtung Nordeuropa
Dokumente zur Nordeuropapolitik des faschistischen deutschen Imperialismus 1939 - 1945

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1987 ISBN 3-326-00215-7 (nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)

Von DDR-Historikern sorgfltig ausgewhlte und kommentierte Dokumentensammlungen mit Strategiepapieren und Stellungnahmen deutscher Unternehmer, Politiker und Militrs zu den Plnen des deutschen Imperialismus mit Schwerpunkt auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die umfangreiche Edition ist ein Grundlagenwerk, das die Praxis der deutschen "Neuordnung" anhand zahlreicher "Dokumente aus den verschiedensten Instanzen des faschistischen Machtapparats" belegt. In den uerst sorgfltig edierten Bnden sind die wichtigsten Selbstaussagen zur wirtschaftlichen Ausplnderung und detaillierte Befehle zur Massenvernichtung in den besetzten Lndern versammelt.



, Vertreibungen, ...), Bruch aller Religionsregeln.

Literatur:

Hamburger Institut fr Sozialforschung (Hg.)
Vernichtungskrieg
Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1945. Ausstellungskatalog

Hamburg: Hamburger Edition, 1996
ISBN 3-930908-24-7
DM 40,-

1945, kaum da Nazi-Deutschland besiegt war, begann die Verbreitung einer Legende - der Legende von der "sauberen Wehrmacht", die Distanz zum NS-Regime gehalten, mit Anstand und Wrde ihre soldatische Pflicht erfllt habe und ber die Greueltaten von Himmlers Einsatztruppen allenfalls nachtrglich erfahren htte. Die Ausstellung zeigt an drei Beispielen,. da die Wehrmacht 1941 bis 1944 auf dem Balkan und in der Sowjetunion keinen "normalen" Krieg fhrte, sondern einen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevlkerung, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen.



 

Hannes Heer / Klaus Naumann (Hg.)
Vernichtungskrieg
Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944

Hamburg: Hamburger Edition, 1995
ISBN 3-930908-04-2
DM 68,-

Der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung dokumentiert die Beteiligung des deutschen Militrs an drei Groverbrechen: an der Vernichtung der Juden, am Massenmord an den Kriegsgefangenen und am Terror gegen die Zivilbevlkerung. Diese Verbrechen, die auerhalb des Vlkerrechts und jenseits aller Regeln der Kriegfhrung verbt wurden, bestimmten vor allem den Charakter des Krieges gegen die Sowjetunion, fanden aber auch an anderen Fronten statt, so auf dem Balkan und in Italien. Wie gering in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft das Interesse an Aufklrung und Strafverfolgung war, welche Entschuldungen in den Medien verbreitet wurden und wie bereitwillig die militrgeschichtliche Forschung der 1950er und 1960er Jahre die Legende fortschrieb, thematisieren weitere Aufstze dieses Bandes.



 

Gerhard Schreiber
Deutsche Kriegsverbrechen in Italien
Tter, Opfer, Strafverfolgung

Mnchen: Beck Verlag, 1996
ISBN 3 406 39268 7
24,. DM

Der Autor, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Militrgeschichtlichen Forschungsamtes, untersucht die Behandlung der ber 600.000 italienischen Soldaten, die nach Italiens Kriegsaustritt 1943 als "Militrinternierte" in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. "Ohne bertreibung konnten die gezwungenermaen Arbeit leistenden Militrangehrigen als Militrsklaven bezeichnet werden. Die Behandlung der Militrinternierten im deutschen Machtbereich fhrt dazu, da sich die Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal unausweichlich zu einer Dokumentation fr Inhumanitt, Menschenverachtung, Erniedrigungen, die eine sadistische Phantasie zu nicht endenden Exzessen trieb, fr seelische und krperliche Qualen sowie erbarmungslose Ausbeutung entwickelt. ber diese besondere Gruppe von Gefangenen des Dritten Reiches` schreiben, das heit, von ihrer Mihandlung seitens der Bewacher und Aufseher sprechen; von Orten erzhlen, wo Menschen durch Nahrungsentzug, Isolierung, krperliche Zchtigungen, fehlende medizinische Versorgung und das Versagen des religisen Beistands zerbrochen werden sollten; vom Ha berichten, mit dem ihnen die Mehrheit der deutschen Bevlkerung - soweit sie Kontakt mit ihr besaen - entgegentrat; von Auswirkungen reden, die Krankheiten sowie psychische und physische Entkrftung mit sich brachten; und von allzu hufigen natrlichen, obwohl keineswegs normalen, sowie nicht selten gewaltsamen Todesfllen Zeugnis geben."



 

Friedrich Andrae
Auch gegen Frauen und Kinder
Der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen die Zivilbevlkerung in Italien 1943 - 1945

Mnchen: Piper Verlag, 1995
ISBN 3-492-03698-8
DM 45,-

Der Autor beschreibt die deutsche Besatzung in Italien, die 1944, als sich die deutsche Herrschaft in Italien dem Ende zuneigt, in einen mit grter Brutalitt gefhrten Krieg der Wehrmacht gegen die Zivilbevlkerung mndet. Mit allen Mitteln, inklusive Geiselerschieungen und Zerstrung ganzer Drfer, versucht die Wehrmacht, die deutsche Herrschaft aufrecht zu erhalten.



 

Christoph Diekmann / Matthias Hamann u.a. (Hg.)
Repression und Kriegsverbrechen
Die Bekmpfung von Widerstands- und Partisanenbewegungen gegen die deutsche Besatzung in West- und Sdeuropa

Berlin: Verlag der Buchlden, 1997 (Beitrge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik Band 14) ISBN 3-924737-41-X DM 26,-

Thema des Heftes sind die polizeilichen und militrischen Strategien der Bekmpfung von Widerstands- und Partisanenbewegungen gegen die deutsche Besatzung in West- und Sdeuropa. Widerlegt wird der Mythos, die Deutschen htten dort eine moderate Besatzungspolitik verfolgt - im Gegensatz zur Vernichtungspolitik und den Massenverbrechen der Wehrmacht in Ost- und Sdosteuropa. Die Beitrge rekonstruieren die deutschen Kriegs- und Besatzungsverbrechen, die aus dem antideutschem Widerstand allein nicht erklrt werden knnen, sondern auf den aggressiven Charakter der deutschen Expansionspolitik verweisen.



 

Hannes Heer
Tote Zonen
Die deutsche Wehrmacht an der Ostfront

Hamburg: Hamburger Edition, 1999
ISBN: 3-930908-51-4
DM 48,-

Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein besonderer Krieg, deutlich unterschieden von dem im Westen und Norden Europas. Er war definiert als "Kampf zweier Weltanschauungen" und wurde von der Wehrmacht als Vernichtungskrieg gefhrt. Das Ergebnis war der millionenfache Mord an Kriegsgefangenen, Juden und anderen Zivilisten. Der Historiker Heer analysiert den Judenmord und den Partisanenkrieg im Osten und geht der Frage nach, wie es mglich war, da Soldaten der Wehrmacht zu Massenmrdern wurden und wie sie ihr Tun legitimierten. Viele Soldaten der Wehrmacht teilten die rassistische Weltsicht und identifizierten sich mit den Eroberungszielen im Osten; unter den Bedingungen des Vernichtungskrieges wurden sie zu Massenmrdern. Indem sie den Rotarmisten zur "Bestie" erklrten und den Juden in einen "Partisanen" verwandelten, gelang es ihnen, das Kriegsverbrechen als angemessene Reaktion und den Vlkermord als militrische Notwendigkeit zu legitimieren. Nach dem Scheitern des Blitzkrieges und unter dem Eindruck des permanenten Rckzugs wurde das eigene Tun als "Pflicht" gedeutet und zur Tugend veredelt. Dieses Selbstbild wurde zum Kern der Legende der "sauberen Wehrmacht", die nach 1945 die ffentliche Diskussion bestimmte und in den Zeiten des Kalten Krieges zum offiziellen Geschichtsbild wurde.



 

Omer Bartov
Hitler`s Army
Soldiers, Nazis, and War in the Third Reich

Oxford University Press 1992

Omer Bartov
Hitlers Wehrmacht
Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1995
ISBN 3-499-60793-X
DM 16,90

Die deutsche Wehrmacht sei - so zahlreiche Historiker - an manchen Orten in Unmenschlichkeiten verwickelt gewesen, aber dennoch eine Armee von preuischen Traditionen geblieben: unpolitisch und idiologiefern, Handwerker des Krieges. Der Militrhistoriker Bartov schildert anhand von Kriegstagebchern, Briefen und unbekannten Dokumenten, wie die Wehrmacht bis zum Ruinenkampf in Berlin in groen Teilen, vom General bis zum einfachen Soldaten, erfat blieb von der nationalsozialistischen Ideologie und ihrem alle Realitt verzerrenden Fanatismus. Die Gegner, dmonisiert und entstellt aus politischem und rassistischem Glauben, waren fr die Wehrmacht keine Menschen mehr, whrend Adolf Hitler bis zum Ende eine vergtterte Figur blieb.



 

Walter Manoschek (Hg.)
Die Wehrmacht im Rassenkrieg
Der Vernichtungskrieg hinter der Front

Wien: Picus Verlag, 1996
ISBN 3-95452-295-9
DM 39,80

In diesem Band dokumentieren internationale Wissenschaftler, da die Wehrmacht in der Sowjetunion und auf dem Balkan keinen "normalen" Krieg, sondern gemeinsam mit der SS einen Rassenkrieg gegen Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene und Zivilisten fhrte, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Unter der Formel "Kreuzzug gegen den jdischen Bolschewismus" beteiligte sich die Wehrmacht aktiv an der Verwirklichung der Hauptziele des Nationalsozialismus: "Schaffung von Lebensraum im Osten" durch Dezimierung und Versklavung der "slawischen Untermenschen" und die physische Vernichtung der Juden, Sinti und Roma.



 

Christian Streit
Keine Kameraden
Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941 - 1945

Bonn: Verlag J.H.W. Dietz, 1997
ISBN 3-8012-5023-7
DM 49,80

Die Untersuchung belegt - "unanfechtbare Beweise gleich in Mengen aufeinandertrmend" (Sddeutsche Zeitung) - den mageblichen Anteil der deutschen Wehrmacht am Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Behandlung dieser Kriegsgefangenen wurde von dem Ziel bestimmt, einen Ausrottungskrieg gegen "Bolschewismus und Judentum" zu fhren. Auf dieses Programm hatte sich die Generalitt der Wehrmacht bei der Planung des berfalls auf die Sowjetunion verpflichtet. Mehr als die Hlfte der 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen wurde erschossen, verhungert oder starb an den Folgen unmenschlicher Zwangsarbeit.



 

Paul Kohl
Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941 - 1945
Sowjetische berlebende berichten

Frankfurt (Main): Fischer Taschenbuch Verlag, 1995
ISBN 3-596-12306-2
DM 19,90

Der Autor bereiste 1985 die Sowjetunion und befragte erstmals berlebende des Vernichtungsfeldzuges der deutschen Wehrmacht und der Polizei. Kohl folgt den Spuren dieses vlkerrechtswidrigen Angriffskrieges, welcher der Eroberung von "Lebensraum im Osten" diente, die Vernichtung des "jdischen Bolschewismus" anstrebte und die Dezimierung der als rassisch minderwertig geltenden russischen Bevlkerung in Angriff nahm. In den eroberten Gebieten sollten die deutschen Herrenmenschen die slawische Bevlkerung in einem sklavenhnlichen Zustand halten und sie wirtschaftlich ausbeuten.



 

Rolf-Dieter Mller
Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik
Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS

Frankfurt (Main): Fischer Taschenbuch Verlag, 1991
ISBN 3-596-10573-0
DM 19,80

"Lebensraum im Osten" - dieses Ziel war bereits im deutschen Kaiserreich verfolgt worden, erfate im "Dritten Reich" groe Teile der deutschen Fhrungseliten und fand auch in der deutschen Bevlkerung Widerhall: rund 10 Millionen Deutsche fhrten zwischen 1941 und 1944 in den Weiten Rulands einen Kampf zur Versklavung und Vernichtung der dort lebenden Bevlkerung, angespornt durch die Aussicht, als Siedler und "Wehrbauern" in den knftigen Ostkolonien die Herrenschicht zu bilden. Das Buch analysiert und dokumentiert die deutschen Planungen und Manahmen zur Ostsiedlung, die Initiativen von Professoren, Ministerien und Wirtschaftsverbnden, an deren Spitze sich die SS mit ihrem "Generalplan Ost" setzte.



 

Christian Gerlach
Kalkulierte Morde Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weissrussland 1941 bis 1944

Hamburg: Hamburger Edition, 1999
ISBN: 3-930908-54-9
DM 98,-

Wie kaum ein Gebiet unter deutscher Herrschaft ist Weiruland im Zweiten Weltkrieg zerstrt und die Zahl seiner Bevlkerung durch brutale Mordaktionen dezimiert worden. Nach drei Jahren deutscher Besatzung Weirusslands (1941 bis 1944) war nichts mehr wie zuvor. Nahezu 1,7 von zehn Millionen Einwohnern waren ermordet, fast 400.000 als Zwangsarbeiter verschleppt worden. Die Stdte des Landes waren zum Groteil in Ruinenfelder verwandelt, drei Millionen Menschen waren obdachlos. Die industrielle Kapazitt tendierte gegen Null, und der Viehbestand war um 80% gesunken. Weirussland schien fast ausgelscht.
Der Historiker Gerlach untersucht auf breiter Quellenbasis die Praxis der Vernichtungspolitik und den Zusammenhang mit militrischen, wirtschaftlichen und politischen Zielen und Handlungen der deutschen Besatzer. Eindrucksvoll belegt wird die praktische Zusammenarbeit zwischen Organen und Akteuren verschiedener Ebenen, von Reichsministerien, SS, Wehrmacht, Zivilverwaltungen, Wirtschaftsgesellschaften und einheimischer Hilfspolizei. Trotz Rivalitten unter den beteiligten Institutionen blieb eine gemeinsame Strategie des Terrors bestimmend, die vor allem auf der untersten Handlungsebene effektiv und in einer fr die Opfer unheilvollen Weise funktionierte. Sie ging aus von der Umsetzung des Plans, Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene in der Sowjetunion verhungern zu lassen. Dabei zeigt sich: Zwischen Wirtschaftsinteressen und Massenmord bestanden enge Verbindungen.



 

Christian Gerlach
Krieg, Ernhrung, Vlkermord
Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg

Hamburg: Hamburger Edition, 1998
ISBN 3-930908-39-5
DM 24,-

Der Autor untersucht, von welchen Motive sich die NS-Fhrung leiten lie, als sie in den Jahren 1941 und 1942 der Entscheidung zum Vlkermord fate. Dabei zeigt sich, in welchem Umfang auch Reichsbehrden, Parteidienststellen und vor allem Militr- und Zivilverwaltungen in den besetzten Gebieten - insbesondere im Osten - am Vernichtungskrieg teilhatten.

 

Carl Dirks / Karl-Heinz Janen
Der Krieg der Generle
Hitler als Werkzeug der Wehrmacht

Berlin: Propylen Verlag, 1999
ISBN 3-549-05590-0
DM 39,90

Neue Archivfunde der beiden Zeithistoriker belegen, da das deutsche Militr nicht erst nach 1933, sondern sptestens 1923 mit der Vorbereitung fr einen neuen Weltkrieg begann. Detailliert analysieren die Autoren die geheimen Rstungsprogramme der 1920er Jahre, die Umwandlung der vom Versailler Vertrag verordneten Rumpfarmee in ein Angriffsheer und die Weltmachttrume der Militrs. Sie zeigen, da die deutschen Generalitt schon lange vor Hitler einen neuen Krieg plante und vorbereitete - Mobilmachung, Anforderungen an die Rstungsindustrie, Planspiele fr den Ostfeldzug -, der im Zweiten Weltkrieg Realitt wurde.




 

Dietrich Eichholtz / Wolfgang Schumann (Hg.)
Anatomie des Krieges
Neue Dokumente ber die Rolle des deutschen Monopolkapitals bei der Vorbereitung und Durchfhrung des zweiten Weltkrieges

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1969 (nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Erhard Moritz (Hg.)
Fall Barbarossa
Dokumente zur Vorbereitung der faschistischen Wehrmacht auf die Aggression gegen die Sowjetunion (1940/41)

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1970
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Gerhart Hass / Wolfgang Schumann (Hg.)
Anatomie der Aggression
Neue Dokumente zu den Kriegszielen des faschistischen deutschen Imperialismus im zweiten Weltkrieg

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1972
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Wolfgang Schumann (Hg.)
Griff nach Sdosteuropa
Neue Dokumente ber die Politik des deutschen Imperialismus und Militarismus gegenber Sdosteuropa im zweiten Weltkrieg

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1973
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Wolfgang Schumann / Ludwig Nestler (Hg.)
Weltherrschaft im Visier
Dokumente zu den Europa- und Weltherrschaftsplnen des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis Mai 1945

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1975
(nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)



 

Manfred Menger / Fritz Petrick / Wolfgang Wilhelmus (Hg.)
Expansionsrichtung Nordeuropa
Dokumente zur Nordeuropapolitik des faschistischen deutschen Imperialismus 1939 - 1945

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1987 ISBN 3-326-00215-7 (nur noch antiquarisch oder ber Bibliotheken erhltlich)

Von DDR-Historikern sorgfltig ausgewhlte und kommentierte Dokumentensammlungen mit Strategiepapieren und Stellungnahmen deutscher Unternehmer, Politiker und Militrs zu den Plnen des deutschen Imperialismus mit Schwerpunkt auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die umfangreiche Edition ist ein Grundlagenwerk, das die Praxis der deutschen "Neuordnung" anhand zahlreicher "Dokumente aus den verschiedensten Instanzen des faschistischen Machtapparats" belegt. In den uerst sorgfltig edierten Bnden sind die wichtigsten Selbstaussagen zur wirtschaftlichen Ausplnderung und detaillierte Befehle zur Massenvernichtung in den besetzten Lndern versammelt.

 


 

Im Jahr 1999 erschoss ein Bundeswehr-Mordkommandos 2 Jugoslawen eigenhndig erschossen.Neonazis versuchen betrgerisch, die Massenmorde der braunen Kapitalistenmafia im 2.Weltkrieg mit der sogenannten "Haager Landkriegsordnung" zu rechtfertigen, obwohl die Nazis bekanntlich millionenfach diese Gesetze und andere Vertrge und Abkommen, Landesgesetze und internationale Vertrge zuvor gebrochen hatten (in Deutschland selbst, in der UdSSR, in Polen, der Tschecheslowakei, in Dnemark, Holland, Frankreich, Belgien,sterreich, Ungarn, Bulgarien, Rumnien...). Hier nun Einzelheiten der BRD-Mordaktion in Jugoslawien: (2 von etwa 3000-4000 Mordopfern der BRD-Junta  und US-Junta)

Der Fahrer hlt in der linken Hand eine Handgranate, der Beifahrer feuert mit seiner Kalaschnikow in die Luft. Kurz vor der Kreuzung, die Ferk mit seinem Panzer blockiert, stoppt der Wagen. Die Deutschen geben einen Warnschuss ab. Doch statt die Waffen niederzulegen, lassen die Angreifer - serbische Paramilitrs, offenbar betrunken - den Motor ihres Wagens aufheulen und fahren rckwrts. Falls dies ein Versuch war, doch noch aufzugeben, kommt er zu spt: Die Deutschen sind zum Gegenangriff entschlossen. David Ferk gibt den Feuerbefehl - und er schiet als Erster. Er handelt, wie er es sich vorher immer wieder ausgemalt hat - kalt und professionell. Der MG-Schtze dagegen zgert drei oder vier Sekunden, bis ihm Ferk einen Schlag in den Nacken versetzt. Dann schiet auch er. (...) Aus ihren G-36-Gewehren feuern Ferk und seine Soldaten rund 180 Schsse ab, auerdem 40 aus Maschinengewehren (...) Eines ist den Einheimischen - Albanern wie Serben - schnell klar geworden: Im Ernstfall fackeln die Deutschen nicht lange. (SPIEGEL Nr.6/00, S.48).

Eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg ein deutscher Soldat befahl auf Menschen zu schieen, ist dem Magazin eine Doppelseite wert. Auch Ziege Scharping entschied sich, die Tat des Offiziers zu wrdigen. Er lie ihm des Ehrenkreuz in Gold verleihen, die hchste Auszeichnung der Bundeswehr, Fr beispielhafte Erfllung der Soldatenpflicht - so die offizielle Begrndung. Heldentaten stellt man sich gemeinhin jedoch anders vor. Das Erschieen von zwei Betrunkenen in einem Lada, die gerade flchten wollten, aus der sicheren Deckung eines Panzers heraus und mit 220, offenbar recht planlos abgefeuerten Schssen, gehrt nicht dazu. Ferk und seine Stiefelputzer haben da wohl noch etwas vollbracht, das nicht nur mit dem Soldatenhandwerk zu tun hat. Was das allein betrfe, so sind sie schon eher zu kritisieren, als zu ehren, eine Materialschlacht, die mit den Kfor-Richtlinien nur schwer zu vereinbaren ist, denn die schreiben vor, dass nicht mehr Schsse als notwendig abgegeben werden sollen, so der bereits oben zitierte Artikel. Trotzdem ist man sich darin mit Ziege Scharping, sowie den Kameraden und Vorgesetzten von Ferk einig, dass die Soldaten an jenem 13. Juni 1999 keinesfalls ehrenrhrig gehandelt haben, wenn nicht gar sehr verdienstvoll.

Nchtern betrachtet handelte es sich bei der Erschieung der beiden Ladafahrer um eine nicht besonders aufregende, fast schon stmperhaft ausgefhrte Polizeiaktion, wie sie in einem gerade eingenommenen Territorium der Besatzungsmacht obliegt. Was ist da also noch dabei?

In einer Broschre, die Wehrpflichtigen von der Bundeswehr zugeschickt wird, zwecks berredung zum Freiwilligmelden fr Auslandseinstze, heit es nach einem Appell, doch fr die Zeit von 1945 bis 1990 die Blockadepolitik der UdSSR im Ost-West-Gegensatz zu bedenken, der durch die schwierige Lage des geteilten Deutschlands (...) bedingte Sonderweg htte nun ein Ende. Jetzt gibt es nur noch [ein] Deutschland als Mitglied der UN. Soldat Ferk hat die Broschre offenbar auch gelesen und versteht sich laut SPIEGEL als Teil einer neuen Generation in einem neuen Deutschland, das sich politisch und militrisch auf derselben Ebene sieht wie dei anderen Staaten Europas. Dass da was passiert ist mit dem Selbstverstndnis der Deutschen, seit dem Anschluss der DDR, ist unverkennbar. Zuvor ein wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg, macht man sich ob wiedergewonnener Souvernitt und dazugewonnener Gre auf, auch wieder politisch mit hegemonialem Anspruch aufzutreten. Kaum entzckt von dem neuen Grodeutschland, gaben sich die europischen Nachbarn Mhe, die Berliner Republik in ein gesamteuropisches Konzept zu integrieren. Freilich will der politische Wille auch durchgesetzt sein. Wenn sich angeschickt wird, dem Balkan klarzumachen, wer entscheidet ob und wie Staaten im europischen Hinterhof auszusehen haben, dann drfen auch deutsche Soldaten nicht fehlen. Schlielich bedeutet Freiheit stets auch Verantwortung. Wie das mit aller historischen Erfahrung ist, wenn deutsche Soldaten sich mit zivilisatorischem Anspruch auf dem Balkan tummeln, fragen da so manche. Aber diese Leute haben es scheinbar einfach nicht kapiert, dass die Berliner Republik ein neues, besseres Deutschland ist, als alle vorherigen. Wenn heute Asylsuchende angezndet werden, Leute vom Grenzschutz umgebracht werden, jdische Grber geschndet werden, es einen Konsens darber gibt, das Serben schlechte Menschen sind, etc., dann ist das nicht mehr politisch, das sind verwirrte Einzeltter, dumme Unflle und hnliches ein Ideologe, wer glaubt, derartiges sei in der Gesellschaft angelegt. Fast erstaunlich scheint es, dass eine derartige Verausgabung von publizistischen Krften ntig war, um darauf zu kommen, dass es wieder Krieg fr den Frieden gibt, dass Deutschland gerade wegen seiner historischen Verantwortung Soldaten nach Jugoslawien schicken darf und muss. Und ob da auch alles richtig war, das fragt sich der SPIEGEL, und nimmt also den Soldaten Ferk, den ersten Deutschen seit langem, der einen Serben abschieen durfte, mal unter die Lupe. Der Ferk wird zum Testfall fr die neue deutsche Selbstverstndlichkeit gemacht. So erfahren wir alles Mgliche Zeugs darber, wie anstndig der Junge doch ist, und mit ihm der ganze Rest.

Bse Vorahnung die dramatischen Qualitten des deutschen Soldaten; ganz klar: hier fliet das Blut von Goethe und Schiller.

An diesen 13. Juni 1999, den die Soldaten spter "bloody Sunday" nennen werden, ist der deutsche Leutnant David Ferk, 24, in aufgekratzter Stimmung, wie er sie nur nach Nchten schlafloser Anspannung kennt.(der bereits zitierte SPIEGEL, woraus auch die folgenden Zitate sind). Zunchst jedoch, lsst [er] sich anstecken von der Begeisterung der Kosovo-Albaner, bis er doch den Kern des Pudels wieder sprt und beginnt, dem Hochgefhl zu misstrauen. Einen Instinkt hat der Junge, bewundernswert. Und dann noch diese menschliche Tragik: Ich habe nicht gettet, weil ich es wollte, sondern weil ich es musste und glatt getroffen. Wenn schon, denn schon.

Der deutsche Soldat tut kein Unrecht

Beim Bier gehen die Soldaten Schritt fr Schritt durch, wie es gelaufen ist, ob sie das nchste Mal etwas besser machen knnen. Gewissensbisse bekundet niemand. Tten ist fr sie eher eine Frage der Rechtsgrundlage. Der zgerliche MG-Schtze fhlt sich an diesem Abend als Versager. (...) Die Staatsanwaltschaft in Koblenz, die dem Fall spter bearbeitet, kann kein Fehlverhalten entdecken.

Der deutsche Soldat ist heimatverbunden und rechtglubig.

ber der Eckbank der Familie Ferk hngt neben Zinnbildern mit fliegenden Schwnen das Kruzefix. Seine Jugend hat David Ferk nicht in Diskotheken zugebracht, sondern beim Sport; sein Triathlonteam brachte es bis zum Deutschen Meister. Bis heute pendelt er fast jede Woche zwischen der Kaserne im schsischen Schneeberg und dem fast 500 Kilometer entfernten Heimatdorf.

Der deutsche Soldat hat Tradition und Vorbilder.

Das stolzeste Bauwerk der Gegend ist das nahegelegene Schloss Stauffenberg, das bis 1970 den Nachfahren des bekannten Hitler-Attentters gehrte. Zu den Freunden der Familie Ferk zhlen auch Offiziere, deren Charakter und Geradheit David schon als Kind tief beeindruckt haben.

Der deutsche Soldat ist sehr kritisch.

Scharf distanziert er sich von jenen Idioten des Schneeberger Gebirgsjgerbataillons 571, die vor wenigen Jahren rechtsextreme und gewaltverherrlichende Videos gedreht haben.

Und Spass macht der Beruf auch: Die Spitze ist der Schusswechsel, der Kampf, das ist das uerste, was man erleben kann. (sg)

Historisches zum Ost-West Gegensatz

DIE GENESIS DES HAUPTFEINDES

Die Geschichte der internationalen "Beziehungen" der Sowjetunion ist das glatte Gebenteil dessen, was sie beweisen soll. Bis herab zum arbeitslosen Jugendlichen mit Sonderschulabschlu wei in Westdeutschland jedermann, die "Snden" der"Russen" herzusagen, auch wenn er bis auf Polen keinen einzigen Lndernamen richtig buchstabieren knnte.

Im Bereich der hheren Bildung versteht man es, den Schandtaten der UdSSR auch noch die der Zaren hinzuzufgen, indem man in lustvollen Vergleichen im "ewig russischen Drang ans Meer" das naturgegebene Staatsinteresse oder den russischen Volkscharakter am Wirken sieht und in der sowjetischen Osteuropapolitik den "Panslawismus" auferstehen lt. Ihren Vorsprung an Bildung beziehen solche Dummheiten gegenber den oben erwhnten daraus, da sie nicht einfach von "den Russen" sprechen, sondern gerade ber die "Differenzierung" von damals und heute zu einer viel "fundierteren" Denunziation "sowjetischer Aggressivitt" gelangen. Einer weit vornehmeren Gedchtnispflege erfreuen sich die Gewaltttigkeiten kapitalistischer Staaten - soweit sie ins vordemokratische Zeitalter fallen, werden sie als "Zeitalter des Imperialismus bis 1918" gegeilelt. Um nicht alle von den Staaten der "Freien Welt" (die faschistischen Grotaten gar nicht eingerechnet) inszenierten Massaker, Putsche, Drohungen usw. auffhren zu mssen, soll an vier wesentlichen Daten gezeigt werden, wie mit dem historischen rgernis umgesprungen wurde, ehe seine Beseitigung zu dem einheitlichen und einmtig beschlossenen Gegenstand der gesamten Weltpolitik erklrt wurde.

1918: Intervention

"Fr uns gibt es zur Zeit keine Alternative, als die Truppen, die wir haben, einzusetzen, so gut es geht, und dort, wo wir keine Truppen haben, Waffen und Geld zu liefern." (Lord Balfour, Britischer Auenminister)

Das erste demokratische Wort an die Sowjetmacht war der Einmarsch englischer, amerikanischer, japanischer und franzsischer Truppen in Ruland, nachdem diese der unerhrten Aggression gegen die Ententemchte fr schuldig befunden worden war, den Krieg gegen das Deutsche Reich einfach zu beenden. Sechs Tage nach dem Annexionsfrieden von Brest-Litowsk hatte es die revolutionre Macht anstelle der deutschen mit alliierten Truppen zu tun, weil die Ententemchte den Bndnispartner mit Gewalt zur Einhaltung seiner Bndnispflichten anhalten, auf jeden Fall die Vernachlssigung der Ostfront nicht ungestraft hinnehmen wollten. Da es dabei jedoch von Anfang an weniger gegen das "Dekret ber den Frieden", also um den erwnschten Beitrag Rulands im Krieg gegen Deutschland ging, sondern um die bolschewistische Miachtung des geheiligten Eigentums, also gegen das "Dekret ber die Aufteilung des Bodens", zeigt nicht nur die Tatsache, da die Entente nun einen Krieg an zwei Fronten - gegen die Mittelmchte einsetzte. Das zeigt vielmehr auch die umstandslose Verpflichtung des geschlagenen Feindes auf den Kampf gegen den Bolschewismus, indem nach Artikel 12 des Waffenstillstandsvertrags mit Deutschland, die Truppen erst dann aus den besetzten Gebieten (Baltikum, Ukraine usw.) zurckgefhrt werden durften, als "die Allierten, unter Bercksichtigung der inneren Lage dieser Gebiete, den Augenblick fr gekommen erachten". Da hier ein Staat sich einrichten wollte, der die ewige Ordnung des Privateigentums auer Kraft setzte, war eine Unerhrtheit, die die siegreiche Entente nicht dulden wollte!

"Die Ententemchte erklren..., da sie entschlossen sind, keine Strungen in ihrer Ttigkeit fr die Wiederherstellung der Ordnung in Ruland und fr die Reorganisation des Landes zu dulden, der Ttigkeit, die von den russischen Patrioten mit energischer Untersttzung der Alliierten begonnen worden ist. Die Wiederherstellung Rulands als einer Macht, die zum siegreichen Block der demokratischen Ententelnder gehrt, wird entsprechend den Wnschen aller Patrioten und berhaupt all der Elemente vor sich gehen, die fr Ordnung in Ruland sind. Was die sdrussischen Gebiete anbetrifft, sowohl die von den Deutschen besetzten, wie die nicht besetzten, aber von den Bolschewiki bedrohten, so erklren die Ententemchte ihren unbeugsamen Willen, auch dort fr Ordnung zu sorgen. Diesem unerschtterlichen Beschlu werden in krzester Zeit Truppen folgen in einer Strke, wie sie die Umstnde erfordern. Auerdem erklren sie, da sie von nun an alle Partei- und Organisationsfhrer, ganz unabhngig von ihrer politischen Frbung, die Verwirrung oder Anarchie ins Volk tragen, verantwortlich machen werden." (Erklrung der Vier)

Diese Entschlossenheit setzte den Bolschewiki so zu, da Lenin trotz des Wissens um die erpresserische Seite einer "Hilfe durch Handel" mit Kapitalisten seine Feinde eben darum ersuchte und weitgehende Zugestndnisse anbot, um Land und Leute nicht noch mehr durch den Krieg zu ruinieren. Da das kapitalistische Lager aber nicht nur am Handel, sondern vor allem an seinen so schnen politischen Folgen interessiert war, zeigt die Zurckweisung durch die amerikanische Regierung ebenso wie die Befrwortung durch die Opposition: Die US-Regierung lie das sowjetische Angebot, alle russischen Auslandsschulden anzuerkennen, Kapitalisten russische Rohstoffe ausbeuten zu lassen und enteignetes auslndisches Eigentum zu entschdigen, deswegen scheitern, weil Lenin auf einer Mitsprache bei der Regelung bestand. Die Befrworter des Handels spekulierten gleich ganz offen auf die Hungerwaffe:

"Wenn die Blockade aufgehoben wird und die Sowjetmacht sich mit allem Notwendigen versorgen kann, so wird man dem russischen Volk die Hnde mit der Furcht vor einer Einstellung der Hilfesendungen weitaus besser binden als mit der Blockade." (Bullitt)

Da die Entschlossenheit der alliierten Regierungen nicht den angestrebten Erfolg zeitigte (obwohl am Ende auch noch Polen zu einem Eroberungskrieg ermuntert worden war) und durch erneute britisch-franzsisch-amerikanische Intervention mit einer Annexion russischen Gebiets belohnt wurde, da also der Geschichtsfehler nicht gleich korrigiert wurde, lag in erster Linie daran, da damals der gemeinsame Zweck der kapitalistischen Staaten, berall auf dem Globus ihrem Kapital dem Privateigentum angemessene und darum eindeutig einseitig geordnete Verhltnisse zu schaffen, eben nicht in einem praktischen Willen existierte, der sich und den anderen diesen Zweck als Hauptaufgabe auferlegt. Die Gemeinsamkeit der kapitalistischen Staaten in der Feindschaft gegen die Sowjetunion fand ihre Grenze an der Konkurrenz um die Vorherrschaft bei der imperialistischen Nutzung des Erdballs.

Ebenso wie fr den Sieg gegen Deutschland htten die Ententemchte fr ihr Vorhaben der Hilfe der USA bedurft, die an der Ausdehnung der Intervention zu einem regelrechten neuen Weltkrieg nicht interessiert waren. Vielmehr setzten sie auf die zerstrerischen Wirkugen der Intervention, die den friedlichen Vorstellungen von Handel und Wandel seitens der Opposition erst die realistische und vielversprechende Basis verschaffen sollten:

"Ich glaube, man sollte sie (die Russen) ihre eigene Rettung ausarbeiten lassen, auch wenn sie sich dabei eine Weile im Chaos wlzen. Ich stelle mir das so vor: Das ist ein Haufen unmglicher Leute, die sich untereinander bekmpfen. Mit denen kann man keine Geschfte machen. Drum sperrt man sie alle in einen Raum, schliet die Tr und sagt ihnen: Wenn ihr euch beruhigt habt, sperren wir wieder auf und machen Geschfte."

In der Rolle des strengen Aufsehers einer Kinderbewahranstalt, der krftig am Schaden seiner Lieblinge arbeitet, um ihre Klugheit zu befrdern, offenbart der amerikanische Prsident Wilson (Der "Vater des Vlkerbundes"), da der Mastab der "Vernunft" in der Weltpolitik noch allemal einer der imperialistischen Ordnung ist und da auch die bloe Zerstrung von Land und Leuten nicht ohne "Sinn", sondern geradezu der Schaden anderer Nationen zu Nutz und Frommen der eigenen gereichen kann.

Auch wenn der Traum von der ffnung der Weiten Rulands sich bis heute nicht so recht erfllt hat, erfolglos war die Intervention nicht: Sie war eine brutale Demonstration, um welchen Preis die Verabschiedung aus der Welt des Privateigentums nur zu haben ist und da das Lsegeld, wie sich das fr Erpressungen gehrt, dem Opfer noch lange keine Ruhe beschert. Deshalb waren auch die Worte des Britenpremiers Lloyd George kein Eingestndnis von Schwche, sondern kndigten die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln an:

"Der Gedanke, den Bolschewismus mit Waffengewalt vernichten zu knnen, ist glatter Unsinn."

1922: Isolation

"Es ist uns nicht gelungen, Ruland mit Gewalt wiederherzustellen. Aber ich bin berzeugt, da wir mit Hilfe des Handels dies tun und so Ruland retten knnen." (Lloyd George, Britischer Premierminister, 1920)

Die "Rettung" und "Wiederherstellung Rulands" bleibt also westliches Programm. Logisch, da die Einstellung der militrischen (Ordnungs-)Hilfe nicht das Ende der Ruinierung des Sowjetstaates bedeuten konnte, schlielich sollte mit "Hilfe des Handels" der gleiche Zweck weiterverfolgt werden. Und das geschieht dadurch, da man zuerst einmal die Frchte der Zerstrung einzufahren gedenkt und den Handel so einsetzt, da man ihn nicht gewhrt, bzw. das Angebot von Warenlieferungen nicht von ihrer Bezahlung, sondern von Bedingungen abhngig macht, die auf einer Selbstaufgabe des sozialistischen Staates beharren. Die Aufhebung der Goldblockade - bis 1920 war es den Banken verboten, russisches Gold anzunehmen - bedeutete noch lange nicht, da der Sozialismus aus dem Interesse der kapitalistischen Staaten an der Aufstockung ihrer Goldreserven einen Nutzen htte ziehen knnen. So wurde alles daran gesetzt, das Handelsmonopol des Staates zu brechen, indem zwar die Blockade eingestellt, den eigenen Kapitalisten aber zur Auflage gemacht wurde, nur mit den Genossenschaften, also nicht mit dem Staat in Verbindung zu treten. Die englisch-franzsischen Auflagen fr die Herstellung diplomatischer Beziehungen zur Verbesserung des Handels dokumentieren den Willen der demokratischen Staaten, die "Freiheit" in Ruland wieder zu installieren.

Neben der Anerkennung der Auslandsschulden verlangten sie die "Wiederherstellung des auslndischen Eigentums" und den Ausschlu westlicher Kapitalisten von der sozialistischen Gesetzgebung, ein Anspruch, den sich kein kapitalistischer Staat von einem anderen aufmachen lt:

"Unternehmen, die Auslndern gehren oder sich in deren Verwaltung befinden, sollen unter den Bedingungen vlliger Freiheit betrieben werden knnen."

Die Klage ber den "Rckzug Rulands aus dem Welthandel", ber die "Verschlossenheit seiner Mrkte" erweist sich angesichts dessen, da die Sowjets nur einen Bruchteil dessen bekamen, was sie gewollt und mit Gold oder Rohstoffen bezahlt htten, als die Ideologie des Kapitals, das offen bekundet, da sein Handel nicht mit dem einfachen Austausch von Gtern zu verwechseln ist, sondern auf Bedingungen pocht, die sein segensreiches Wirken profitabel machen - wie z.B. der Ungltigkeit des sowjetischen Arbeitsrechts fr auslndische Ausbeuter.

Aus Einsicht in den erpresserischen Charakter dieser Geschftsangebote vernichtete die Sowjetunion auf die dringend bentigten Lieferungen; der Handel mit den kapitalistischen Staaten hielt sich in engen Grenzen. Zum Haupthandelspartner wurde der Verlierer des Weltkrieges. Grundlage war der Vertrag der "Parias der Staatenwelt", der Rapallo-Vertrag. Nicht da im deutschen Reich die russische Seele, noch dazu in bolschewistischer Gestalt, besondere Sympathien genossen htte - immerhin drohten deutsche Politiker den Siegermchten immer mal wieder, wenn man Deutschland weiter so schlecht behandele, werde es dem Bolschewismus erliegen - und dann gnade ihnen Gott! Die Anbiederung der Deutschen als antibolschewistisches Bollwerk wurde bei den Siegermchten zwar nicht ungern vernommen, aber dafr den eben erst besiegten Konkurrenten um die Hegemonie in Europa zu strken, lag weder im Interesse der beiden europischen Gromchte, noch hatten sie die Mittel dazu. Und die USA hatten zwar den Weltkrieg entschieden, aber eben zugunsten der Gromchte England und Frankreich, die jetzt sogar mehr Territorium beherrschten als vorher. Mit dem von ilinen gefrderten und eingerichteten Cordon sanitaire (Staaten zwischen UdSSR und Deutschland) wollten etwa die Franzosen zwei Gegner schlagen: den Erbfeind und den sich abzeichnenden Hauptfeind.

Aus dem praktischen Gegensatz der Gromchte, der noch nicht dem einen Gegensatz untergeordnet war, resultiert also, da Deutschland auch als Verlierer behandelt und nicht gleich als Brckenkopf aufgebaut und gefrdert wurde wie spter die BRD. Mit Mangel an "Weitsicht" (=Haupfeind nicht gesehen, deshalb nicht sofort vernichtet) hat das nur bei Historikern zu tun, die bei atomarer berlegenheit, Marschallplan und NATO ins Schwrmen geraten und nach 1945 eine hhere Vernunft der Geschichte Werke sehen als nach 1918, obwohl auch dann eigentlich noch viel zu spt. Der Versailler Vertrag war eben nicht der "gescheiterte Versuch einer europischen Friedensordnung", sondern das diktierte Interesse der Siegermchte.

Von deutscher Seite aus war Rapallo erstens ein diplomatisches Druckmittel an die Adresse der Sieger, Versailles zu revidieren, und zweitens ein Mittel, seine Bestimmungen zu unterlaufen. Schon der gleichberechtigte Handel war da ein Vorteil angesichts der Bestimmung, da Deutschland allen Siegermchten Meistbegnstigung zu gewhren hatte, ohne sie selbst zu erhalten. Aulerdem verzichteten die Sowjets auf Reparationen, die die Sieger ihrem "wiederhergestellten Ruland" freundlicherweise mit in den Vertrag geschrieben hatten. Und schlielich erlaubte der geheime Zusatz die Umgehung der militrischen Beschrnkungen (Waffenbau und Ausbildung der Reichswehrkader in der RSFR).

Dafr verzichtete Deutschland auf Ansprche auf enteignete deutsche Kapitalien und Guthaben, jedoch nicht ohne sich die Zukunftsoption zu bewahren:

"Vorausgesetzt, da die Weigerung der Russischen Fderativen Sowjetrepublik auch hnliche Ansprche dritter Staaten nicht befriedigt." (Art. 1 des Rapallo-Vertrages)

Die Gegenstze im imperialistischen Lager waren also die Grundlage dafr, da der damalige Handel tatschlich nur zum "gegenseitigen Vorteil" geriet und nicht zum Hebel der Wiederherstellung Rulands durch die Ruinierung der SU wurde. Das Interesse der europischen Siegermchte hatte Deutschland in einen Zustand versetzt, in dem es jenseits aller prinzipiellen Gegnerschaft darauf angewiesen war, sich ein paar Selbstverstndlichkeiten eines souvernen Staates heimlich zu genehmigen, anstatt die Bedingungen zu diktieren.

1939: Hitler-Stalin-Pakt

"Wollte man in Europa Grund und Boden, dann konnte dies im groen und ganzen nur auf Kosten Rulands geschehen, dann mute sich das neue Reich wieder auf der Strae der einstigen Ordensritter in Marsch setzen, um mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der Nation das tgliche Brot zu geben." (Hitler, Mein Kampf, 1924)

"Sollte der Krieg beginnen, so werden wir nicht unttig zusehen knnen - wir werden auftreten mssen, aber wir werden als letzte auftreten. Und wir werden auftreten, um das entscheidende Gewicht in die Waagschale zu werfen." (Stalin, 1925)

Ausgerechnet dieses Stalinzitat dient ganzen Historikergenerationen als Beleg fr den sowjetischen Willen zu Aggression und Expansion. Dabei dokumentiert es nichts als den Fehler der Stalinutischen Auenpolitik. Whrend Lenin der Auffassung war, da "Gegenstze und Widersprche zwuchen zwei kapitalistischen Mchten" den Druck auf die Sowjetunion vorbergehend abmildern knnten, beginnt mit Stalin der Eintritt der Sowjetunion in die Weltpolitik mit der gefhrlichen Illusion, sie knne als Schiedsrichter und Nutznieer innerimperialistischer Hndel gewinnen. Da die Sowjets den Sozialismus in einem Lande aufbauen muten, kann ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden, da sie daraus aber ein politisches Programm verfertigten, ist ein Fehler, der den Opportunismus Stalins gegenber den kapitalistischen Lndern ebenso begrndet wie das taktische Verhltnis gegen die Kommunisten in aller Welt, die er fr eben diese auenpolitischen Zwecke funktionalisierte. Mit dieser Entscheidung war an die Stelle der Festlegung der KPR (B) auf die Weltrevolution ("die Auenpolitik der RFSR ist das Programm der Kommunistischen Internationale") die Auenpolitik eines sozialistischen Staates getreten, der die Prinzipien des Umgangs zwischen Staaten zur Richtschnur seiner Auenp olitik gemacht hatte und die antikapitalistische Opposition immer dann anordnete und wieder unterband, wenn es ihm in seine Bndniserwartungen pate. Da die Rechnung zumindest insofern aufgegangen ist, da die SU nach dem 2. Weltkrieg ihren Machtbereich erweitern konnte, ist keineswegs die Rechtfertigung dieser Hoffnung.

Einen Nicht-Angriffs-Pakt mit dem erklrten und vielfach bewhrten Feind des Kommunismus zu schlieen, ist schon ein Fehler. Er war sicher kein Mittel, sich Hitler noch fr eine Zeit vom Hals zu halten. Auf eine Untersttzung der Westmchte brauchte er nicht zu rechnen. Die hatten ihn an der "Verteidigung" Polens gegen Hitler beteiligen wollen, ohne die SU in Polen Krieg fhren zu lassen (Verweigerung der Durchmarschrechte durch Polen). Deswegen sich in dem Vertrag auch noch ber die beidseitigen Annexionen zu einigen, hat mit dem Ziel der Sicherung der UdSSR nichts zu tun. Eher dagegen mit einer Taktik "Friedlicher Koexistenz" bis zur letzten Konsequenz.

Ebensowenig wie die Lge vom machthungrigen Aggressor trifft also die sowjetische Legende vom gelungenen Zeitgewinn fr die Vorbereitung des "Groen Vaterlndischen Kriegs" den Kern des Pakts. Tatschlich hat die SU an diesen Pakt geglaubt und gehofft, die imperialistischen Mchte mchten sich selbst zerfleischen. Darum drngte Stalin auf die Einhaltung der Termine fr Lieferungen von Rohstoffen und Getreide an die Deutschen noch im Monat vor dem deutschen berfall, whrend diese mit ihren Maschinenlieferungen immer mehr in Verzug gerieten. ber Nacht wurde die antifaschistische Propaganda in der Sowjetunion eingestellt und es wurde der Versuch unternommen, die franzsischen Kommunisten zur Neudefinierung ihrer Hauptkampflinie zu bewegen.

Die Vorbereitung der Sowjetu nion gegen einen berfall bestand jetzt auch darin, Territorien zu annektieren (Bessarabien, Baltikum und das finnische Karelien). Man hielt sich an die mit den Deutschen vereinbarte Grenze der Interessensphren, an die jene sich - zumindest auf dem Balkan - schon nicht mehr hielten.

1941: Krieg gegen die UdSSR

"Wenn wir sehen, da Deutschland den Krieg gewinnt, sollten wir Ruland helfen, und wenn Ruland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen. Auf diese Weise sollen sie sich so viel wie mglich gegenseitig umbringen." (Truman nach dem deutschtn berfall auf die Sowjetunion)

Derselbe Truman soll dann 1945 als frischgebackener US-Prsident aus lauter Unerfahrenheit die frhzeitige Realisierung des Ziels der amerikanischen Nachkriegspolitik vergeigt haben, anstatt auf den Rat des erfahrenen Churchill zu hren, nicht das "falsche Schwein" zu "schlachten"! Tatsache ist es, da die USA eben nach obigem Motto schon unter Roosevelt gehandelt haben: Die Sowjetunion ist als Mittel im Kampf gegen Hitler einzusetzen, wobei sie gerade soweit zu untersttzen ist, da sie Deutschland einen Schaden zufgt, der den des Westens in Grenzen hlt.

Erstens wurde dementsprechend die Lieferung von Material reguliert. Unterbrechungen ergaben ach "zwangslufig" aus der "Gefhrdung der Transporte durch deutsche U-Boote". Die sowjetischen Proteste gegen die Verschleppung versprochener Lieferungen legen davon Zeugnis ab. Die Untersttzung der SU war gebunden an diese ihre Dienstleistung. Die Teilhabe daran sollte sie sich erst verdienen: Auf ein Ersuchen der Sowjets um 6 Mrd. Dollar Nachkriegskredite erklrte US-Botschafter Harriman noch mitten im Krieg:

"Den Russen mu klar gemacht werden, da unsere Bereitschaft zur ehrlichen Zusammenarbeit bezglich ihrer schwierigen Probleme beim Wiederaufbau abhngig ist, von ihrem Verhalten in internationalen Fragen." (Januar 1945)

Der Yankee dachte dabei an Segnungen der Freiheit, wie die Mitarbeit im Gatt, also die Anerkennung amerikanischer Handelsbedingungen, und an einen hervorragenden US-Einflu in Osteuropa. Die sofort nach Kriegsschlu erfolgte Kndigung des Lendlease-Programms seitens der Amerikaner lie an diesbezglicher Klarheit nichts zu wnschen brig. Zweitens aber sorgen die erfolgten Materiallieferungen durchaus dafr, da der Krieg in Ruland weitergeht, whrend die von Stalin dringend verlangte, fr 1942 versprochene "Zweite Front" im Westen erst 1944 mit der Landung in der Normandie verwirklicht wird, als die Entscheidung im Osten schon gefallen ist, die deutschen Truppen sich auf dem Rckzug befinden.

Die Bindung der deutschen Truppen durch die Russen erlaubt drittens den Krieg der Westmchte im Atlantik, Pazifik, Nordafrika - angeblich zwecks "Sicherung der Lieferungen fr die Sowjetunion". Die USA errichten systematisch ihr weltweites Netz von Sttzpunkten durch Eroberung oder auch dadurch, da sie sich die Materiallieferungen an die Briten durch deren Verpachtung entgelten lassen. Die Briten erkennen schon frh die Bedeutung der Sdflanke der NATO und intervenieren in Griechenland, aber weder gegen die Deutschen - die befinden sich gezwungenermaen auf dem Rckzug - noch gegen eine sowjetische Bedrohung - Churchill verweist darauf, da Stalin sich an die Abmachungen bezglich der Aufteilung des Balkans gehalten und sich nicht in Griechenland eingemischt hat. Die Briten intervenieren gegen die griechische Befreiungsfront, die zwar nicht sowjetfreundlich war, aber fr die strategische Bedeutung Griechenlands nicht das ntige Ma an Zuverlssigkeit bot. Im Fernen Osten wurde sogleich der Wert eines geschlagenen Gegners erkannt: Gefangene Japaner wurden in Korea und Indochina in amerikanische Unifomien gesteckt und beim Kampf gegen nationalistische und Hungeraufstnde eingesetzt: Am 8. Mai 1945 ist die Sowjetunion bis an die Elbe vorgedrungen und - von allen Seiten eingekreist! Von einem Partner, der die Ernsthaftigkeit seines Werbens um freundschaftliche Beziehungen mit einer eindrucksvollen Demonstration unterstrichen hat: Zwei Bomben und Hunderttausende von Toten.

In der brgerlichen Geschichtsschreibung wird die Propagierung des "Groen Vaterlndischen Krieges" (verbunden mit der Einfhrung zaristischer Uniformien, Orden und heldenhafter Vorbilder: Im Film treibt Peter der Groe seine leibeigenen Soldaten in den Kampf gegen die Schweden mit dem Ruf: "Vorwrts, Genossen!") als trickreicher Einfall des "teuflischen Georgiers" behandelt, der damit das hehre Ideal des Nationalismus fr das Ziel der kommunistischen Weltrevolution mibraucht habe. Tatschlich vollendete er damit den mit der Theorie vom "Sozialismus in einem Land" begonnenen Abschied von der Absicht, die Welt zu revolutionieren, und etablierte die Sowjetunion als Vaterland, das mit den anderen Vaterlndern um Macht und Einflu in der Welt konkurriert. Deren Zufriedenheit, sich als Nummer 2 etabliert zu haben und deshalb allenthalben ihre "Friedensliebe " herauszukehren, ist konfrontiert mit der weltweiten Bedrohung durch die Nummer 1 und ihre Bndnispartner, die Tag fr Tag in vielen Sprachen ihre Unzufriedenheit mit der gegenwrtigen Weltordnung proklamieren und den Umsturz der bestehenden Verhltnisse tatkrftig vorantreiben.


Kapital - Verbrechen

Raubzge

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital - Verbrechen
Raubzge
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 13. Mai 2002, 17.00-18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 14. Mai 2002, 00.00-01.00 Uhr
Dienstag, 14. Mai 2002, 08.00-09.00 Uhr
Dienstag, 14. Mai 2002, 14.00-15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bcher :
  • Jacques Pauwels : Der Mythos vom guten Krieg. Die USA und der 2. Weltkrieg, PapyRossa Verlag
  • Sherman W. Garnett, Alexander Rahr und Koji Watanabe : Der Kaspische Raum vor den Herausforderungen der Globalisierung. Die Verantwortung der Trilateralen Staaten fr die Stabilitt der Region. Ein Bericht an die Trilaterale Kommission, Verlag Leske + Budrich
 
 
Playlist :
Laibach : War
Jennifer Rush : Silent Killer
Darude : Sandstorm
 
NAVIGATION
  Startseite Waltpolitik  
  Neues auf dieser Seite  
  Stichwortsuche  
  Orientierung verloren?  
  Abstract in English  
     
SENDUNGEN
  Geschichte  
  Kapital - Verbrechen  
  Radiowecker-Beitrge   
  Specials  
  Tinderbox  
  Nchste Sendung  
  -->Vorherige Sendung  
  Nachfolgende Sendung  
     
SERVICE
  Besprochene Bcher  
  Sendemanuskripte  
  Verffentlichungen  
  Bisheriges Feedback  
  Email an Walter Kuhl  
  Rechtlicher Hinweis  
     
LINKS
  Radio Darmstadt (RadaR)  
  Alltag und Geschichte  
  Radiowecker-Redaktion   
  Papyrossa Verlag  
  Verlag Leske + Budrich  
     

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Wozu sind Kriege gut?
Kapitel 2 : Das Wesen des Zweiten Weltkriegs
Kapitel 3 : Kriegsmotive
Kapitel 4 : Trilaterale Raubzge
Kapitel 5 : Schlu

 

Wozu sind Kriege gut?

Jingle Alltag und Geschichte
Ansage auf Polnisch

Kuriose Meldungen vernebeln unsere Wahrnehmung des neuen deutschen Militarismus. Die Bundeswehr wird als chaotisch-inkompetente und schlecht ausgerstete Truppe hingestellt, um den Umbau zu einer Sldnerarmee mitsamt High-Tech-Ausstattung zu beschleunigen. Scharpings Alleingang mit Transportfliegern, die nach dem jetzigen Stand der Dinge nicht bentigt wrden, lassen erahnen, da neue Einstze in weiteren neu erschaffenen Krisenherden bevorstehen.

Die folgende Meldung jedenfalls verschleiert wieder einmal, da die Bundeswehr lngst auf Menschenjagd gegangen ist. Im neuesten SPIEGEL ist zu lesen: Unmut ber ungewhnliche Aufgaben regt sich bei den deutschen Heeresfliegern in Kabul. Seit Wochen mssen die Hubschrauberbesatzungen ihre Helikopter auf dem Flugplatz von Kabul rund um die Uhr selbst bewachen. Als Grund wird angegeben, da die fr Schutzaufgaben eingesetzten Fallschirmjger berlastet sind und allenfalls zeitweilig aushelfen knnen. Zustzliche Mannschaften knne die Bundeswehr jedoch nicht einfliegen, weil das Bundestagsmandat nur insgesamt 1200 Soldaten genehmigt habe. [SPIEGEL 20/2002, Seite 19]

Das kann ich nur sagen: schlecht geplant, Herr Scharping. Derweil plagen die Bundesregierung ganz andere Probleme. Wieder sind die leidigen Menschenrechte im Weg. Auch hier vermeldet der SPIEGEL:

Die Bundesregierung lt durch Rechtsexperten des Verteidigungs-, des Justiz- und des Auenministeriums die Rechtsgrundlage des KSK-Einsatzes in Afghanistan prfen. Nach einem vorlufigen Gutachten sei die Teilnahme an der [Menschen-]Jagd auf Taliban und [Al] Qaida-Verdchtige von der UNO-Charta zwar gedeckt, aber die [US-] amerikanische Regierung msse den Status der Gefangenen und deren Haftbedingungen klren. Die Juristen sind zu dem Schlu gekommen, da ein "zeitlich unbegrenztes Festhalterecht ohne richterliche berprfung" mit "zwingenden internationalen menschenrechtlichen Mindeststandards unvereinbar" sei. Besondere Schwierigkeiten bereitet die Mglichkeit, da den mit deutscher Hilfe Festgenommenen auch die Todesstrafe drohen knne. Das Gutachten vertritt die Auffassung, da die bergabe von Verdchtigen an die USA dann unzulssig sei, wenn "bereits von vornherein erkennbar" sei, da ihnen dort die Todesstrafe drohe. [SPIEGEL 20/2002, Seite 147]

Also - solche Menschenrechtsprobleme mchte ich einmal haben. Haben Fischer, Scharping, Schrder und Co. die gute alte US-amerikanische Menschenrechtsdoktrin vergessen, da nur ein toter Afghane ein guter Afghane sei? Und dann macht ihr euch ernsthaft Probleme um die mgliche Todesstrafe fr diejenigen, die eure Menschenjagd mit Thermobomben und Urangeschossen berlebt haben? Unglaublich! Aber so ist sie eben, die blarosarot-olivgrne Menschenrechtsfraktion.

Bleibt nur noch die Frage zu klren: mit welchem Einsatzbefehl habt ihr die an den Hubschraubern vermiten Fallschirmjger losgeschickt? Nun gut (oder in diesem Fall eher: nun schlecht!) - Deutschland fhrt Krieg. Damit gibt es ja gewisse historische Erfahrungen. Manchmal waren deutsche Soldaten auf der falschen Seite und haben verloren. Doch Schrder, Fischer, Scharping und Co. machen es diesmal besser. In einer Allianz gegen den Terror (und damit meinen sie nicht den Terror der konomie, den sie mitgestalten) sind sie immer auf der Seite der Guten.

Doch gibt es berhaupt gute Kriege? Jacques Pauwels untersucht in einem Buch ber den 2. Weltkrieg den nach Kriegsende gepflegten Mythos vom guten Krieg. Schon im 2. Weltkrieg war fr manche Beobachterinnen und Beobachter nicht so genau zu unterscheiden, auf welcher Seite die Guten und auf welcher die Bsen waren.

Anders gesagt: schauen wir auf die Motive der kriegsfhrenden Mchte. Der Schutz der von der Vernichtung bedrohten Jdinnen und Juden, Sinti und Roma, von Behinderten und sogenannten Untermenschen gehrte jedenfalls nicht dazu.

Und wenn wir schon bei guten Kriegen sind - dann sollten wir vielleicht auch einmal in die aktuellen Diskussionen der Reichen und Mchtigen dieser Erde hineinhren. Ein Bericht an das Zentralorgan der westlichen Welt, die Trilaterale Kommission, untersucht den Kaspischen Raum vor den Herausforderungen der Globalisierung. Debattiert wird darin die Verantwortung der Trilateralen Staaten fr die Stabilitt der Region. Was sich hinter diesem Wortgeklngel verbirgt, dazu mehr im Verlauf dieser Sendung.

Es gibt nur eine Antwort auf die Frage, wozu Kriege gut sind, aller Menschenrechtsrhetorik zum Trotz. Und Joschka Fischer, den die NATO-BndnisGRNEN als ihren Strahlemann fr den Bundestagswahlkampf aufgebaut haben, wei dies nur zu gut. 1994 sagte er aus aktuellem Anla: "Das ist mein groes Problem, wenn ich sehe, wie die Bundesregierung den Bundestag an der Nase, an der humanitren Nase, in den Bosnienkrieg fhren will." [zit. nach Jrgen Elssser (Hg.) : Nie wieder Krieg ohne uns, Konkret Literatur Verlag, Seite 7]

Allerdings ist zu ergnzen, da sich der Bundestag auch an der Nase herumfhren lassen will. Das ist ja kein Haufen von Ahnungslosen. Und wenn es heute noch BndnisGRNE gibt, die an den Weihnachtsmann glauben, dann kann ich ihnen nur raten, erwachsen zu werden und die Realitt zur Kenntnis zu nehmen. Doch wer lieber an den Weihnachtsmann glauben mchte, ohne zur Kenntnis zu nehmen, was Menschenrechte im Kapitalismus bedeuten, was Zivilgesellschaft bedeutet und was Frieden in einer wahnhaft gewaltttigen Profitgeierwelt bedeutet, die oder der zieht auch im Namen von Menschenrechten und der Zivilgesellschaft humanitr intervenierend in den Krieg, um eine ganz banale imperialistische Blutspur zu hinterlassen.

Das ist - in Abwandlung eines Begriffs aus der Friedensbewegung - Frieden mit olivgrnen Waffen zu schaffen. Nur verstecken sie sich dann immer noch feige hinter ihren Floskeln oder heucheln Gewissensbisse, anstatt dazu zu stehen und zu sagen: "Ja, wir sind die Guten. Und wir bestimmen, was gut fr andere ist. Mit Waffen eben. Heute gehrt uns Deutschland und morgen die ganze Welt."

Und so liegt Fischers Bosnien zunchst im Kosovo und heute in Afghanistan; und morgen womglich im zentralasiatischen Raum. Doch dazu komme ich noch zu sprechen. Fr die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt begrt euch Walter Kuhl. Also jetzt: what is it good for?

Laibach : War

 

Das Wesen des Zweiten Weltkriegs

Der wohl bedeutendste marxistische Wirtschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts, Ernest Mandel, beschrieb den Charakter des 2. Weltkrieges als eine Verschrnkung von fnf gleichzeitigen, zum Teil miteinander verbundenen Kriegen weltweit.

Erstens, so schrieb er in einem Aufsatz 1985, als sich Helmut Kohl und Ronald Reagan auf dem SS-Soldatenfriedhof in Bitburg die Hand gaben, war es ein Krieg zwischen den imperialistischen Mchten Deutschland, Italien und Japan auf der einen, USA, Grobritannien und Frankreich auf der anderen Seite.

Zweitens gab es den chinesischen Verteidigungskrieg gegen die japanische Aggression, also der Besetzung der Mandschurei und Teilen von Nordchina. Dieser Krieg begann schon Anfang der 30er Jahre und wurde als innerchinesischer Brgerkrieg 1949 mit dem Sieg der Arbeiterinnen, Bauern und Kommunisten unter der Fhrung Mao Zedongs beendet. In diesem Brgerkrieg stand Chiang Kaishek als Verbndeter der nchsten imperialistischen Macht, nmlich der USA, die schon ein begehrliches Auge auf China geworfen hatte, auf der Verliererseite.

Drittens war die Sowjetunion nicht Teil der innerimperialistischen Auseinandersetzung, sondern fhrte einen Verteidigungskrieg gegen die Nazi-Aggression. Stalins Problem war whrend des gesamten Zeitraums 1939 bis 1945, ob sich die Imperialisten beider Lager letztlich nicht doch zusammenraufen wrden, um gemeinsam gegen die Sowjetunion vorzugehen. Auch um dies zu verhindern, verbndete sich Stalin zunchst 1939 mit Hitler und anschlieend mit den westlichen Alliierten. Allerdings gab es selbst 1945 noch Planspiele einer westlichen Allianz mit den Nazis gegen die Sowjetunion. Da Stalin so ganz nebenbei diesen Krieg benutzt hat, um die Grenzen der Sowjetunion nach Westen zu verschieben, ndert nichts daran, da die Sowjetunion nicht der Aggressor, sondern das Opfer war.

Viertens, oftmals vergessen, gab es die nationalen antikolonialen Befreiungskriege in Asien und Afrika auch whrend dieser innerimperialistischen Auseinandersetzung. Fr die Menschen des Sdens war es relativ uninteressant, welche der Raubritterfraktionen die Oberhand gewinnen wrde. Von keiner Seite war etwas Positives zu erwarten. Vietnam ist das beste Beispiel dafr. Hier gaben sich die Imperialisten beider Lager die Klinke in die Hand. Die Japaner vertrieben die Franzosen aus Indochina zu Beginn des 2. Weltkriegs, den die USA dann gegen Japan gewannen. Die Franzosen kehrten wieder zurck, um selbst 1954 in Dien Bien Phu von der vietnamesischen Armee vernichtend geschlagen zu werden. Und danach kam die US Army, um die Menschenrechte standesgem durchzusetzen. 1975 hatten mehr als drei Millionen Vietnamesinnen und Vietnamesen ihr Menschenrecht auf Leben verloren. Ein wichtiger Grund brigens fr Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl, ihre Sympathien fr die US-Regierung zu zeigen. So wie Willy Brandt die Freiheit des Westens in Berlin verteidigen wollte, zogen die USA fr Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nach Vietnam. Mit den richtigen Vokabeln lt sich jedes Verbrechen begrnden.

brigens: deutsche Firmen haben an diesem Massenmord gut verdient. Etwa das Chemie- und Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, das der US Army den Grundstoff fr den chemischen Kampfstoff Agent Orange geliefert hat. Agent Orange wurde in Vietnam flchendeckend eingesetzt und fhrt noch heute zur Geburt migebildeter Kinder. Geschftsfhrer dieses Unternehmens war ein gewisser Richard von Weizscker. Zur Belohnung fr seinen tapferen Einsatz fr Freiheit und Demokratie wurde er spter zum Bundesprsidenten gewhlt.

Aber antikoloniale Befreiungskriege gab es whrend des 2. Weltkrieges auch in Indien, auf den Philippinen, in Indonesien und Burma.

Der fnfte Krieg war ein besonderer, nmlich ein internationaler Klassenkrieg. Dazu Ernest Mandel:

Ich wrde sagen, da er im gesamten vom Nazi-Imperialismus besetzten Europa vonstatten ging, aber ganz besonders fand er in zwei Lndern statt, in Jugoslawien und Griechenland, weitgehend in Polen und in seinen ersten Stadien in Frankreich und Italien. Das war ein Befreiungskrieg der unterdrckten Arbeiter und Bauern und der stdtischen Kleinbourgeoisie gegen die deutschen Nazi-Imperialisten und deren Handlanger. [was tun 405, 9.5.1985, Seite 9]

Wir ersehen daraus, da der 2. Weltkrieg mehr war als ein Krieg gegen die Nazis und ihre Verbndeten. Da im Anschlu daran eine ideologische Verklrung stattfand, wonach die Guten gegen das Reich des Bsen gesiegt htten, ist logisch. Denn die Sieger bestimmen immer die Geschichtsschreibung. Dennoch ist es wichtig festzuhalten, da die USA in den europischen Teil dieses 2. Weltkriegs nicht eingegriffen haben, um die Menschenrechte wiederherzustellen. Krieg ist vor allem und zuerst eine konomische Frage. Und fr die USA gab es in diesem Krieg viel zu gewinnen.

Doch bevor ich auf das Buch von Jacques Pauwels mit dem Titel Der Mythos vom guten Krieg zu sprechen komme, mchte ich zwei Vorbemerkungen machen. Erstens legitimieren die mit dem Eintritt in den damaligen Krieg verbundenen Absichten der US-Regierung keinesfalls die Kriegsfhrung und Kriegsziele der anderen Seite, also vor allem Nazideutschlands. Und zweitens ist es wichtig zu begreifen, warum und worum Kriege gefhrt werden, und warum und worum nicht. Die Tatsache, da die Judenvernichtung den westlichen Alliierten bekannt war, ohne da sie dies zum moralischen Antrieb ihrer Kriegsfhrung gemacht htten, zeigt nur, da Ernest Mandel mit seiner Einschtzung des 2. Weltkrieges als einer innerimperialistischen Auseinandersetzung nicht allzu falsch liegen kann.

 

Kriegsmotive

Jrgen Elssser hat seinem Buch Kriegsverbrechen, das von den tdlichen Lgen der Bundesregierung und ihren Opfern im Kosovo-Konflikt handelt, ein Vorwort vorangestellt, das vom newspeak nicht nur der deutschen Menschenrechtsregierung handelt.

O-Ton : Jrgen Elssser liest aus seinem im Konkret Literatur Verlag erschienenen Buch Kriegsverbrechen
Seite 7: "Im Jahr 2000 ..." bis Seite 8: "... Lgen sind akzeptiert."
und Seite 13: "Aber die Zeiten haben sich gendert. Wir schreiben jetzt 1984 und Ozeanien fhrt Krieg."

Um Interpretationen geht es auch im Buch von Jacques Pauwels. Er hat mit seinem im PapyRossa Verlag erschienenen Buch Der Mythos vom guten Krieg zwar keine neue Fakten zusammengetragen, sondern eine neue Interpretation des 2. Weltkriegs als einer innerimperialistischen Auseinandersetzung unter Einschlu eines sowjetrussischen Verbndeten versucht. Einiges davon htte ich mir klarer und nicht durch eine leicht antiamerikanische Brille gewnscht. Dennoch hat das Buch seine Strken, weil es die Fakten neu bewertet und zu Schlssen gelangt, die der herrschenden Geschichtsschreibung widersprechen.

Es wird allgemein angenommen - schreibt Pauwels -, da die Kriegsziele der Vereinigten Staaten und ihres britischen Partners am besten in der sogenannten Atlantikcharta zusammengefat wurden, jenem Dokument, dessen Inhalt Prsident Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill bei ihrem Treffen auf einem Kriegsschiff in den Kstengewssern von Neufundland am 14. August 1941 der Welt gemeinsam verkndeten. [...]

In dieser Charta erklrten die beiden angelschsischen Partner, es gehe beim Kampf gegen Hitler-Deutschland um das Selbstbestimmungsrecht aller Vlker sowie um die sogenannten vier Freiheiten, d.h. Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Freiheit von materiellem Mangel und Freiheit von Furcht [...].

Wir mssen die schnen und ziemlich verschwommenen Worte jedoch nicht rundweg fr bare Mnze nehmen. Bestimmt lag es nicht in der Absicht Washingtons und Londons, die Bevlkerung der eigenen kolonialen Besitzungen und Protektorate (wie beispielsweise Britisch Indien oder die von den USA dominierten Philippinen) in den Genu all dieser Freiheiten kommen zu lassen. Und in den Vereinigten Staaten selbst sollte nach dem gemeinsamen Sieg, der sozusagen im Namen all dieser [Freiheiten] erkmpft worden war, so gut wie nichts unternommen werden, um das Problem des bitteren materiellen Mangels [...] fr Millionen schwarzer und auch weier Amerikaner zu lsen. [...]

Die Atlantikcharta trug jedenfalls dazu bei, die Vorstellung ins Leben zu rufen, die USA kmpften gemeinsam mit ihrem britischen Bundesgenossen allein fr Recht und Freiheit. [...] Die offizielle Sprache schuf somit eine offizielle Wahrheit - oder besser gesagt, eine offizielle Mythologie -, derzufolge rein idealistische Motive die Rolle der Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg bestimmt htten. [Pauwels, Seite 17-18]

Gut - solche Mythen gehren auch heute zum imperialistischen Menschenrechtskriegsalltag. Oder zur Antiterrorbekmpfung. Der russische Prsident Wladimir Putin beispielsweise spielt diese Klaviatur hervorragend, whrend seine Truppen in Tschetschenien keinen Unterschied zwischen Rebellen und Zivilbevlkerung machen. Das Demoralisieren der Zivilbevlkerung ist ja bekanntlich ein wichtiges Ziel moderner Kriegsfhrung.

Doch kommen wir auf den 2. Weltkrieg bzw. seine Vorgeschichte zurck. US-Firmen haben sich besonders in den 20 Jahren in Deutschland engagiert. Opel wurde von General Motors bernommen, IBM besa die Lochkartenfirma DEHOMAG, Ford hatte eine Filiale in Kln, um nur einige zu nennen. Und sie hatten durchaus gewisse Sympathien fr Hitler und dessen Politik, insbesondere fr die Politik, aktive Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten auszuschalten. IBMs deutsche Filiale lieferte den Nazis dann auch die Lochkartentechnik, um sowohl Eisenbahnen pnktlich fahren zu lassen und Jdinnen und Juden zum Zweck der Enteignung zu erfassen. Denn es gibt bekanntlich nur eine Freiheit, und das ist die Freiheit des Kapitals, das ist die Freiheit, unter allen Umstnden Profit zu machen. Das ist das Menschenrecht schlechthin. Aber auch DuPont, der Konzern, der General Motors finanziell kontrollierte, hatte in deutsche Waffenfabriken investiert. Zur Verbesserung der Konzernbilanz wurden darber hinaus ber die Niederlande Waffen und Munition nach Deutschland geschmuggelt. hnlich wie Krupp im 1. Weltkrieg profitierten hier US-Konzerne auch von der deutschen Kriegsfhrung.

Auch am Antisemitismus Hitlers und seiner faschistischen Konsorten strte man sich seinerzeit in den USA wenig oder gar nicht. Antisemitismus war in den 20er und 30er Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten gro in Mode. In den eleganten Clubs und Hotels beispielsweise waren Juden hufig nicht zugelassen. Der bekannteste Antisemit der USA war der Industrielle Henry Ford, [...] der Hitler bewunderte, finanziell untersttzte und sogar mit seinem antisemitischen Buch The International Jew, das schon in den 20er Jahren erschienen war, inspirierte. [Pauwels, Seite 35]

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Jacques Pauwels mit diesen zugegebenermaen drastischen Beispielen wirklich die Stimmungslage des US-Kapitals exakt widergibt. Sicher, Henry Ford stand nicht alleine da, und auch der Flieger Charles Lindbergh war mit Hermann Gring befreundet, was beim medial inszenierten Jubilumsflug seines Enkels vor einigen Wochen natrlich nicht Erwhnung fand. Aber von einzelnen Stimmen auf die gesamte Stimmungslage in den USA zu schlieen, halte ich fr problematisch. Dennoch ist es ist richtig, wenn Jacques Pauwels darauf verweist, da

wegen Hitlers antisemitischer Worte und Taten die USA sicher nicht bereit [waren], einen Kreuzzug in Europa zu fhren. brigens erhielten nur bitter wenige jdische Flchtlinge aus Deutschland die Genehmigung, sich in den USA niederzulassen [...]. Einem mit jdischen Flchtlingen berfllten Schiff aus Deutschland - der St. Louis - wurde noch im Frhjahr 1939 von den US-Behrden die Genehmigung verweigert, seine Passagiere von Bord gehen zu lassen. Das Schiff mute nach Deutschland zurckkehren, erhielt jedoch im letzten Moment von den dortigen Behrden die Genehmigung, Antwerpen anzusteuern. [Pauwels, Seite 35-36]

Interessant wird jedoch die Interpretation von Jacques Pauwels, wenn es um die US-Interessen am 2. Weltkrieg ging. Zurecht weist er darauf hin, da das keynesianische Infrastrukturprogramm Franklin Delano Roosevelts, der New Deal, letztendlich die Wirtschaftskrise von 1929 nicht entscheidend lsen konnte. Nur ein gigantisches Rstungsprogramm war in der Lage, neue Bedingungen zu schaffen, um den US-Konzernen und der US-Wirtschaft Absatzmrkte und Profit zu ermglichen. Nachdem Hitlers Armeen blitzkriegartig die europische Landkarte 1939/40 verndert hatten, blieb nur Grobritannien als Absatzmarkt in Europa brig. Spannender war jedoch der Gedanke, einen langfristigen Absatzmarkt in Europa zu schaffen, wenn es gelang, das Kriegsende entscheidend herauszuzgern. Nachdem klar war, da die Wehrmacht England nicht erobern konnte, konnte man dieses Programm auch gelassen verfolgen. Dahinter steckte natrlich auch der Gedanke, die Nazis und die Sowjets sich gegenseitig bekmpfen zu lassen.

Da die Nazis auf diese Weise Herrscher ber den europischen Kontinent blieben und berall ihre neue Ordnung verkndeten, lie Washington eigentlich ziemlich kalt. Je lnger der europische Krieg dauerte, desto besser fr die Vereinigten Staaten; und wie dieser Krieg letzten Endes ausgehen wrde, darum wrde man sich spter sorgen. [Pauwels, Seite 59]

Insofern wurde nicht etwa in Frankreich eine neue Front erffnet, mit dem erst 1944 verfolgten Ziel, Richtung Deutschland zu marschieren, sondern an einer Stelle, die garantiert kein schnelles Ende des Krieges versprach - in Nordafrika. Abgesehen davon, hatten die USA noch ein Problem im Pazifik zu lsen, nmlich Japan daran zu hindern, sich ein eigenes Imperium aufzubauen. Die dortigen Rohstoffe und Mrkte hatten die USA schon in den 30er Jahren als ureigenstes nationales Interesse definiert.

Erst als nach der Schlacht um Stalingrad abzusehen war, da Stalins Armeen siegreich nach Westen marschieren wrden, begann man umzudenken. Stalin Deutschland zu berlassen, war im Drehbuch nicht vorgesehen. Und so wurde im Sommer 1944 in der Normandie eine zweite Front aufgebaut, die weniger Hitler daran hindern sollte, sich gegen die Sowjetarmeen zu behaupten, sondern vor allem Stalin daran hindern sollten, zuerst Berlin zu erreichen. Doch man kam zu spt, bekam mit einer eigenen Besatzungszone aber dennoch ein Stck vom Kuchen.

Doch bis es soweit war, mute die US-amerikanische Rstungsproduktion geschmiert werden. Also begann man Deutschland aus der Luft zu bombardieren. Jacques Pauwels verweist zwar darauf, da es darauf ankam, die deutsche Industrie an der Rstungsproduktion zu hindern, und vor allem darauf, die deutsche Bevlkerung zu demoralisieren. Aber es weist auch darauf hin, da die deutschen Filialen der US-Konzerne weitestgehend verschont blieben oder erst dann bombardiert wurden, nachdem die wichtigsten Komponenten ausgelagert worden waren.

Denn der Kontakt zwischen deutschen Filialen und US-amerikanischen Konzernzentralen ri nie ab. Doch berhaupt galten die Bombenangriffe mehr den Stdten als der kriegswichtigen Industrie. Denn diese wollte man nach einem gewonnenen Krieg schlielich selbst nutzen. Untersuchungen zeigen, da die deutschen Industriekapazitten 1945 (also nach dem verlorenen Krieg) trotz oder wegen der gezielten Bombardements grer waren als 1937. Statt dessen wurden gezielt die deutschen Stdte bombardiert. Krieg gegen die Zivilbevlkerung eben.

Nur da diese im Falle Deutschlands alles andere als unschuldig war.

Jacques Pauwels weist hierbei mglicherweise zurecht darauf hin, da die Bombardierung Dresdens Stalin zeigen sollte, was der Sowjetunion blhen knnte, falls er sich nicht kooperativ bei der Aufteilung Europas zeigen wrde. Eine hnliche Funktion hatten im brigen die Atombombenabwrfe auf Hiroschima und Nagasaki, die keine kriegswichtige Funktion hatten, aber Stalin vor Augen hielten, da die USA eine Waffe besaen, gegen die die Sowjetunion schutz- und machtlos sein wrde.

Jacques Pauwels' Buch Der Mythos vom guten Krieg ist bei aller Detailkritik ein Beispiel dafr, wie hilfreich es sein kann, hinter die Kulissen der Macht zu schauen. Er demontiert die ideologischen Nebelschleier von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, oder was sonst auch immer angefhrt wird, um einen banalen kapitalistischen Raubzug zu begrnden. Dabei ist es jedoch wichtig zu begreifen, da die schonungslose Kritik am Imperialismus der einen kriegsfhrenden Partei nicht Parteinahme fr die andere Seite bedeutet und bedeuten darf.

Der 2. Weltkrieg war fr die USA ein guter und erfolgreicher Krieg. Er legte den Grundstock fr das Wirtschaftswunder bis weit in die 60er Jahre hinein. Der Kalte Krieg war die beste Gewhr dafr, da die militrkeynesianische Rstungsproduktion weiterhin auf vollen Touren laufen konnte. Absatz und Gewinn waren garantiert. Doch auch dieses Modell geriet unweigerlich in eine Krise. 1967 fand die erste globale Rezession nach dem 2. Weltkrieg statt und markierte das Ende dieses Wirtschaftswunders.

Hier erweist es sich dann als konsequent, wenn die USA zur Sicherung des eroberten Deutschlands auf Nazis in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft setzten. Denn moralische Probleme hatten die fhrenden Kreise in den USA - wie schon gezeigt - mit der Nazi-Ideologie nicht. Und dann ist es berhaupt kein Zufall (manchmal kommt eben alles zusammen), wenn schon wieder der SPIEGEL in der neuesten Ausgabe auch diese Kollaboration benennt. Dort heit es:

General Reinhard Gehlen, damals designierter Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), hegte im Frhjahr 1956 staatsstreichartige Plne. Dies belegt die Gesprchsnotiz eines hochrangigen CIA-Verbindungsmanns, die der US-Geheimdienst jetzt freigegeben hat. [...] Die SPD, so befrchtete der zuvor in Hitlers Generalstab fr den Aufklrungsdienst Fremde Heere Ost zustndige Gehlen, knne sich mit Adenauer-Gegnern der nationalistischen Rechten zu einer neutralistischen Koalition verbnden. Eine derartige Regierung aber werde frher oder spter dem Einflu des Ostens erliegen. Falls es soweit komme, fhle er sich moralisch berechtigt, alle denkbaren Gegenmanahmen zu ergreifen - einschlielich der Bildung eines illegalen Apparats in der Bundesrepublik zur Bekmpfung der deutschen Anhnger einer prosowjetischen Politik. Einen entsprechenden Plan wollte Gehlen in Washington im kleinsten Kreis konspirativ errtern. Ob es dazu kam, ist ungeklrt. Im April 1956 wurde Gehlen zum BND-Chef ernannt [...]. [SPIEGEL 20/2002, Seite 20]

Wir knnten jetzt darber spekulieren, ob der Bundesnachrichtendienst dieser illegale Apparat war und ist. Es wre zumindest naheliegend, denn Gehlens Bundesnachrichtendienst war in das antikommunistische geheime Terror-Netzwerk namens Gladio integriert, welches, o Wunder!, von einer geheimen NATO-Zentrale in Brssel koordiniert wurde. Gladio soll brigens nach seinem Auffliegen 1990 aufgelst worden sein. Wer's glaubt ...

Zeitgleich mit dem angeblichen Ende von Gladio, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, also dem Wegfall des aufgebauschten Kalten-Kriegs-Grundes, ergeben sich neue Chancen, Mrkte und Kriegsgrnde, um die Claims neu abzustecken. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich zumindest noch kurz anreien mchte. Der Mythos vom guten Krieg von Jacques Pauwels ist im PapyRossa Verlag erschienen und kostet 16 Euro 50.

Jennifer Rush : Silent Killer

 

Trilaterale Raubzge

Der 11. September, bei dem schon gar nicht mehr gefragt wird, warum auch das Pentagon ein vllig logisches Ziel von Osama bin Laden oder wem auch immer war, erffnete den kriegsheischenden Politikerinnen und Militrs in West und Ost ungeahnte Perspektiven. Endlich hatten die USA wieder einen greifbaren Feind. Endlich konnte man die Rstungsproduktion wieder ankurbeln, um die lahme US-Wirtschaft aufzupppeln. George W. Bush, frherer Geschftspartner des bin Laden-Clans, ergriff die Gelegenheit beim Schopfe.

Nun ist der Krieg gegen Afghanistan nicht erst am 11. September 2001 geplant worden. Die Taliban waren den US-Kriegsherren schon vorher ein Dorn im Auge. Wobei Afghanistan selbst von seinen Ressourcen her uninteressant ist, und die Menschen, die unter den Mudschaheddin verschiedenster Fraktionen zwei Jahrzehnte lang zu leiden hatten, sowieso. Schlielich wurden diese Mordgesellen von den USA und ihrem Geheimdienst CIA selbst an die Macht gebracht, um ihr blutiges Handwerk zu verrichten. Nein, wie immer geht aus hier um l, genauer: um eine geplante lpipeline durch Afghanistan.

Und zwar fr l aus dem Kaspischen Raum. Weitgehend unbemerkt von der westlichen Medienffentlichkeit wurden dort in den 90er Jahren ein gigantisches Reservoir an Erdl und Erdgas gefunden und Erdlfelder ausgebeutet. Das lvorkommen im Kaspischen Raum wird von seiner Dimension her in der gleichen Liga wie der Arabische Golf angesiedelt. Das Problem ist der Transport des ls nach Europa, Japan und in die USA. Denn das Kaspische Meer liegt geostrategisch etwas ungnstig. Die vorhandenen Pipelines fhren durch Tschetschenien, den Iran oder durch Ruland - Gebiete also, die nicht so recht unter westliche Kontrolle zu bringen sind. Und darber machen sich Konzerne, Politiker und Militrs natrlich so ihre Gedanken.

Ein wichtiger Think Tank, vielleicht sogar der wichtigste, ist die Trilaterale Kommission. Ihr gehren Vertreter und einige wenige Vertreterinnen der drei wichtigsten Zentren des kapitalistischen Weltmarktes an. Sie kommen vorzugsweise aus den USA, aus Japan und den Lndern der Europischen Union. Und es sind nicht irgendwelche drittklassigen Vertreter, sondern die creme de la creme. Handverlesen. Die Trilaterale Kommission wurde 1973 gegrndet, um die unterschiedlichen Interessen der drei wirtschaftlichen Machtblcke zu bndeln.

In den Fhrungsgremien sitzen derzeit - nur um die Funktionen zu nennen - ein frherer Sprecher des US-Reprsentantenhauses und Botschafter in Japan, der Vorsitzende des Erdlgiganten BP Amoco oder ein frherer sdkoreanischer Auenminister. Frhere Fhrungsleute waren ein Notenbankchef der USA, David Rockefeller, Graf Lambsdorff oder ehemalige japanische Premierminister. Natrlich finden wir dort auch Namen wie Zbigniew Brzezinski, Thorvald Stoltenberg, Gerhard Schrder, Helmut Schmidt, Volker Rhe, Kurt Biedenkopf, Bill Clinton oder George Bush sr. Ein illustrer Kreis eben, dessen Zusammensetzung die Verschwrungstheoretiker in aller Welt zu den wildesten Spekulationen verfhrt hat. Gibt man und frau im Internet in eine beliebige Suchmaschine den Begriff Trilaterale Kommission ein, landet sie oder er sofort bei Illuminaten und anderen finsteren Mchten, die die Welt in ihrem Griff haben.

Dabei funktionieren Kapitalismus und kapitalistische Machtpolitik vllig anders. Mag sein, da da mitunter auch die eine oder andere Verschwrung mit im Spiel ist. Aber das ist eine Sichtweise, die mehr auf Karl und Lieschen Mller (oder die Anhngerinnen und Anhnger von Tobi Blubb) zugeschnitten ist. Eine ernsthafte Analyse hilft da doch weiter. Manchmal ist es sogar ntzlich, die Schriften der Trilateralen Kommission zu studieren. Daraus ist mehr zu lernen als aus albernen Verschwrungstheorien.

Sherman W. Garnett, Alexander Rahr und Koji Watanabe, die drei Autoren des Berichts Der Kaspische Raum vor den Herausforderungen der Globalisierung, standen jedoch vor einem Problem. Sie muten die unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen der drei Machtblcke USA, Japan und Westeuropa miteinander in Einklang bringen. Offensichtlich war dies nicht mglich, weshalb ihr Bericht an die Trilaterale Kommission eigentlich aus drei Teilen und unterschiedlichen Sichtweisen besteht. Nun ist dies auch im trilateralen Denken kein Schaden. Auf diese Weise werden Probleme pointierter herausgearbeitet, um dann dennoch eine gemeinsame Strategie fr die Ausbeutung einer Region zu finden. Natrlich sprechen sie nicht von Ausbeutung oder gar Ausplnderung. Sie sprechen davon, da alle Beteiligten, inklusive der Auszuplndernden, zu den Gewinnern gehren sollen. Sie sprechen von Reformen und Demokratisierung, von politischer und wirtschaftlicher Stabilitt. Aber letztlich geht es dann doch nur um Einflu, Macht und l.

Sherman W. Garnett, Rulandexperte und ehemaliger Mitarbeiter des US-Kriegsministeriums, versucht daher erst einmal klarzulegen, worin die US-amerikanischen Interessen in der zentralasiatischen Region bestehen knnten. Offensichtlich geniet diese Region nicht gerade hchste Prioritt, weshalb sich Garnett eine Strategie berlegt, wie US-amerikanische Interessen trilateral so definiert werden knnen, da andere die Kastanien fr die USA aus einem mglichen Feuer holen knnten.

Koji Watanabe war in den 90er Jahren erst japanischer Botschafter in Italien und anschlieend in Ruland. Heute dient er den Spitzenverbnden der japanischen Wirtschaft als Berater. Da auch Japan keine wirklich eigenstndigen Interessen in Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan oder Usbekistan besitzt, sieht er Japans Rolle in der Region eher als eine begleitende. Sozusagen als Infrastrukturmanahme, damit sich die Lnder der Region an das rauhe westliche kapitalistische Klima gewhnen knnen. Ein bichen Wirtschaftshilfe hier, ein bichen Frderung des Gesundheitswesens dort. Klingt alles harmlos, hat aber Methode:

Das Hauptziel der [japanischen] Wirtschaftshilfe ist die aktive Untersttzung der Anstrengungen dieser Lnder zur Einfhrung marktorientierter Volkswirtschaften. Ein besonderes Schwergewicht wird bei der technischen Hilfe auf die Entwicklung menschlicher Ressourcen und bei der finanziellen Hilfe auf die Abmilderung der mit dem wirtschaftlichen Reformproze verbundenen Schwierigkeiten gelegt. [Trilaterale, Seite 73]

Das liest sich wie eine Drohung. Entwicklung menschlicher Ressourcen, wahrscheinlich weniger durch Klonen, als vielmehr durch die Erziehung der Menschen zu richtigem marktkonformen Denken und Handeln. Und da der Reformproze abgemildert werden mu, ist schon entlarvend genug; doch welche menschlichen Tragdien mit diesem Reformproze verbunden sein mgen, das knnen wir nur erahnen, wenn wir Drittwelt-Verhltnisse zum Mastab nehmen. Dies abzumildern ist also die japanische Aufgabe bei der Ausplnderung Zentralasiens.

Was machen dann die Europer? Alexander Rahr, ebenfalls Rulandexperte, entwirft das leicht konflikttrchtige Szenario aus europischer Sicht. Und da seit Ende der 60er Jahre mit Beginn der sog. Entspannungspolitik eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und spter mit Ruland die auenpolitische Option der EU-Staaten schlechthin ist, sieht Rahr nur die Mglichkeit, mit den Russen zusammen die Region auszubeuten. Konsequent schreibt er:

Europa mu seine Politik gegenber [den] anderen Regionalmchten - Iran, Trkei, China, ganz zu schweigen von Ruland - deutlicher machen, selbst wenn diese Politik mit der amerikanischen im Konflikt liegt. [Trilaterale, Seite 89]

Denn:

Die Suche nach Erdl und Erdgas ist aber nicht die Hauptsache in dem neuen Great Game in der Region. Der wahre geopolitische Wettbewerb konzentriert sich auf die Pipeline-Strecken, und dieser Wettbewerb erfordert einen strkeren politischen Einsatz von der EU. [Trilaterale, Seite 88]

Und das ist ja auch wahr: wer die Pipelines kontrolliert, hat den Hebel am lhahn in der Hand. So werden hier vorsichtig unterschiedliche geostrategische Interessen angedeutet. Insbesondere in der Frage der Erdlpipelines. Whrend die USA ein Projekt befrworten, nmlich eine Pipeline vom Kaspischen Meer zum trkischen Mittelmeerhafen Ceyhan unter Umgehung russischen und iranischen Territoriums, ist Rahr pragmatischer. Deutschland hat sowohl gute Kontakte zu Ruland wie auch zum Iran. Und die sollen nicht gefhrdet werden.

Damit dieses geostrategische Interesse aber in der ffentlichen Diskussion richtig behandelt wird, mssen andere Vokabeln thematisiert werden: der wahnsinnig gefhrliche Drogenschmuggel aus Afghanistan ber Zentralasien beispielsweise. (Dabei dachte ich immer, da die CIA der grte Drogenhndler sei.) Deshalb msse der Drogenschmuggel an der Quelle bekmpft werden. Als Vorbild nennt Rahr die Antidrogenpolitik der USA in Kolumbien, die ja in Wirklichkeit die Untersttzung der terroristischen Politik des kolumbianischen Militrs gegen jede fortschrittliche Stimme darstellt.

Dann berhaupt der Terrorismus und der Islam - die Schreckgespenster des 21. Jahrhunderts. Hinzu kommt das Bevlkerungswachstum und Migrationsbewegungen aus diesem Gebiet. Und da mu ein Sicherheitsexperte wie Alexander Rahr den Schilys und Stoibers dieser Republik konsequent zuarbeiten. "Diese Themen", so sagt er, "stehen den Alltagssorgen europischer Brger so nahe", da hier dringender Handlungsbedarf besteht. Doch auch hier mssen die Vokabeln richtig bersetzt werden. Das Migrationsproblem ist ja eher das Problem der hermetisch abgeriegelten Festung Europa und nicht das Alltagsproblem von mir oder meinen Hrerinnen und Hrern. Doch mit Rassismus lt sich eben leicht Politik machen.

Woraus fr Alexander Rahr folgt, da sich die europische Politik strker mit der zentralasiatischen Region beschftigen mu. Zwar gibt es auer Erdl und Erdgas nicht viel zu holen, aber die Kontrolle der Region sollte man nicht undurchsichtigen korrupten Regimes berlassen, die nicht die richtige Gewhr dafr bieten, die Interessen des Westens angemessen zu beachten. Oder in Orwellscher newspeak: Demokratie, Menschenrechte und Wohlstand. Zu ergnzen: fr die lokalen Machteliten und die internationalen Konzerne.

Und letztlich ist dies auch der Tenor dieses Berichtes an die Trilaterale Kommission.

 

Schlu

Jingle Alltag und Geschichte -

heute mit einer Sendung, die ich unter das Motto Raubzge stellen mchte. Hierin habe ich zwei Bcher vorgestellt, nmlich zum einen das Buch

Der Mythos vom guten Krieg von Jacques Pauwels, das die Rolle der USA im 2. Weltkrieg kritisch beleuchtet. Dieses Buch ist im PapyRossa Verlag erschienen und kostet 16 Euro 50.

Zum anderen der Bericht an die Trilaterale Kommission, verfat von Sherman W. Garnett, Alexander Rahr und Koji Watanabe. Sein Thema ist Der Kaspische Raum vor den Herausforderungen der Globalisierung. Darin wird die Verantwortung der Trilateralen Staaten fr die Stabilitt der Region umrissen. Dieses zum Verstndnis neuer ideologischer Begrndungen fr ganz banale Raubzge nicht uninteressante Buch ist im Verlag Leske + Budrich zum Preis von 14 Euro 90 erschienen.

Und wer mehr ber Gladio - Die Geheime Terrororganisation der NATO erfahren mchte, sollte einen Blick in das gleichnamige von Jens Mecklenburg im Elefanten Press Verlag herausgegebene Buch werfen.

http://www.alltagundgeschichte.de/schema.html ist berhaupt die Homepage unserer Redaktion mit Hinweisen auf unsere nchsten Sendungen auf Radio Darmstadt.

 


Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!